Die dunkle Stadt

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Was, wenn der Strom ausbleibt? In einem Großaufgebot simulieren die Einsatzkräfte in Eppingen den Ernstfall – einen völligen Blackout.

von Stephan Gilliar

„Vor ein paar Wochen, als wir die Übung das erste Mal vorgestellt haben, da haben noch einige gewitzelt“, erzählt mir ein Eppinger Feuerwehrmann, als wir auf den Krisenstab vor dem Rathaus warten, „aber nachdem, was in Spanien passiert ist, lacht jetzt keiner mehr.“ Besser hätte man es nicht auf den Punkt bringen können. Denn wenn der stundenlange, landesweite Stromausfall in Spanien Ende April eines gezeigt hat, dann, dass wir die lückenlose Funktion unserer Infrastruktur nicht als selbstverständlich hinnehmen sollten. Auch wenn Stromausfälle in unseren Breitengraden ein eher seltenes Phänomen sind – meist beschränkt auf Minuten, nur selten Stunden – macht man sich doch keine vollständige Vorstellung davon, was alles an einer funktionierenden Stromversorgung hängt.

Ein Szenario mit Folgen

Ein länger andauernder Stromausfall in einer Stadt wie Eppingen würde zentrale Infrastrukturen lahmlegen: Ampeln, Kommunikationsnetze, Heizungssysteme, Wasser- und Abwasserversorgung sowie der gesamte Zahlungsverkehr kämen zum Erliegen. Krankenhäuser könnten nur begrenzt mit Notstrom arbeiten – das öffentliche Leben würde innerhalb weniger Stunden in einen Ausnahmezustand übergehen und schnell an die Grenzen der Aufrechterhaltung von Ordnung und Versorgung stoßen.

Sogar diese Auflistung, so viel Zündstoff sie auch in sich trägt, klingt noch fast zu nüchtern. Führen Sie sich einfach vor Augen, dass bei einem Ausfall der Stromversorgung das Essen in Ihrem Kühlschrank verdirbt, die Toilettenspülung nicht mehr funktioniert, Sie keine Hilfe mehr per Telefon oder Handy alarmieren können, Ihre Heizung würde versagen… Der Rattenschwanz ist endlos lang und äußerst unschön anzusehen. Je länger der Strom wegbleibt, desto größer die Probleme, desto gravierender die Folgen.

Keine Panik – aber Vorbereitung

Sich mit einer Situation wie dieser ernsthaft auseinanderzusetzen, ist daher kein zu belächelnder Quatsch, sondern echte Daseinsvorsorge – die Vorbereitung auf ein, trotz aller Sicherungssysteme, nicht wegzudiskutierendes Szenario. Kein Wunder also, dass Eppingen mit der am Samstag durchgeführten Übung viel Aufmerksamkeit zuteilwurde. Bis in die Tagesschau hat es die Blackout-Simulation am Ende geschafft. Die Stadt hat bei der Vorbereitung in den vergangenen Wochen keine Mühen gescheut, sich Gedanken über jede noch so kleine hypothetische Möglichkeit gemacht – all das ist in das Szenario eingeflossen. Das Drehbuch der Simulation enthält mehr als 90 kleinere Subszenarien: unzählige kleine Notfälle, die aus dem übergeordneten Ausfall der Stromversorgung resultieren. Verschmutzung von Gewässern, steckengebliebene Aufzüge, ein Ausfall der Heizung in Gesundheitseinrichtungen, Verkehrsunfälle… Der Aktenordner, der die gesammelten Details der Übung enthält, ist so dick wie eine Bibel.

Ein kalter Morgen ohne Licht

Das zugrunde liegende Ausgangsszenario ist schnell beschrieben: In den Morgenstunden eines eiskalten Wintertages fällt durch einen Brand im Umspannwerk Eppingen die Stromversorgung nicht nur für die Kernstadt, sondern auch für alle Stadtteile komplett aus. Die Behebung der Schäden zieht sich über Stunden hinweg. Erkenntnisse sollte die darauf aufbauende Übung aus folgenden Bereichen liefern: Wie schnell kann die Kommunikation zwischen Einsatzkräften und Behörden etabliert werden? Wie rasch lassen sich Notfall-Anlaufstellen für die Bevölkerung einrichten? Wie kann die Wasserversorgung sichergestellt, wie der Verkehr geregelt, wie die Koordination in einem Netzwerk mit gebrochenem IT-Rückgrat aufrechterhalten werden?

Rund 600 Einsatzkräfte und Beteiligte traten am Samstagmorgen an, um diese Fragen zu beantworten. Überall im Stadtgebiet errichtete die Freiwillige Feuerwehr Eppingen in Windeseile Anlaufstellen für die Bevölkerung, ausgestattet mit Kommunikationseinheiten und Stromerzeugern. Aus der Stadthalle wurde eine Notfallunterkunft, eine Tankstelle wurde durch Generatoren in Betrieb gehalten. Damit all das schnell vonstattengehen kann, hat sich die Feuerwehr lange auf dieses Szenario eingestellt, erklärt Thomas Blösch, Kommandant der Feuerwehr Eppingen:
„Wir haben in den letzten zwei Jahren Einsatzpläne ausgearbeitet, damit die Notfalltreffpunkte von Laien auch aufgebaut werden können – mit Handreichungen in Bild- und Schriftform.“

Kommunikation als Flaschenhals

Knackpunkt ist und bleibt die Koordination. Damit alles reibungslos läuft, müssen die Einsatzkräfte miteinander in Kontakt bleiben. Doch bei den vielen beteiligten Akteuren wird es selbst auf den Digitalfrequenzen der Feuerwehr schnell chaotisch. „Die Kommunikation ist schon ein Hauptproblem, der Flaschenhals. Da kommen viele Meldungen in kurzer Zeit.“, erläutert Blösch das Dilemma, das in der Retrospektive dieses Tages wohl als einer der zentralen Ansatzpunkte für künftige Verbesserungen identifiziert werden wird.

Verbesserungsvorschläge gibt es nach den ersten schnellen Resümees einige – die meisten davon betreffen tatsächlich die Kommunikation. Kritik ist an dieser Stelle aber nicht angebracht: Genau dafür führt man ja Übungen wie diese durch – um Probleme zu identifizieren und zu beheben, damit es im Ernstfall nicht zu einer Wiederholung kommt. Zumal die Stadt ein solches Szenario zum ersten Mal geprobt hat – abseits regulärer Brandbekämpfung und der klassischen Kernaufgaben der Feuerwehr. „So eine Übung in der Form haben wir noch nie gemacht – aber die Zeit zeigt, dass es notwendig ist.“, betont Blösch.

Zwei Wochen für ehrliche Antworten

Die Auswertung der Übung wird sich nun über die kommenden zwei Wochen erstrecken. Ein paar erste Schnellschlüsse sind zwar bereits in den Medien zu lesen, doch die Analyse soll ebenso sorgfältig erfolgen wie die Vorbereitung. Tabus gibt es dabei keine – Karten auf den Tisch, weiß auch Oberbürgermeister Klaus Holaschke: „Wir haben schon im Verwaltungsstab Erkenntnisse gewinnen können – und das ist natürlich der Hauptzweck dieser Übung: dass wir Schwächen aufzeigen, die ausmerzen.“

Auch wenn an diesem Samstag noch nicht alles rund, noch nicht alles optimal gelaufen sein mag, zeigt sich das Eppinger Stadtoberhaupt dennoch optimistisch – und setzt tiefes Vertrauen in die eigenen Leute, die eigene Stadt:
„Wenn ich an unsere Feuerwehren, die Rettungsorganisationen, an die Bürgerschaft, an die Stadtverwaltungsbeschäftigten denke – auch die Rettungsketten mit der Polizei und dem Landratsamt – da haben wir schon eine gute Vorbereitung.“

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