Die Brusler Sauna-Babbler

Die Brusler Sauna-BabblerSchwätze statt riläxe

Neues Gebruddel von Tommy Gerstner

Es gibt genau zwei Angelegenheiten für die ich meinen geliebten Kraichgau kurzfristig verlasse, um ihnen in meiner Heimatstadt Karlsruhe nachzugehen. Da wäre zum einen der Kinobesuch. Statt mir im Cineplex den Film durch lärmende und smartphonende Vierzehnjährige verderben zu lassen, fahre ich zur kultig-alten Schauburg und genieße einen Streifen im Kreise meiner Generation X – Altsack-Kameraden.

Die andere Sache betrifft mein wöchentliches Wellness-Ritual, meinen heiß geliebten Saunabesuch als perfekten Start ins Wochenende. Entspannend sollte er sein, perfekt zum Abschalten und Loslassen. Bisher habe ich dafür meine Brusler Stamm-Schwitze, das Sasch am Sportpark aufgesucht. Am Freitag-Abend geht es hier zu wie in einem Taubenschlag. Spätestens ab Feierabend wird es proppenvoll. Berufsbedingt komme auch ich etwa gegen 17.00 Uhr an, entblättere mich zur Panflöten-Musik aus dem Lautsprecher über mir und betrete im Adamskostüm (das mir schon mal besser stand) den Hexenkessel. Zuerst schnappe ich mir die aktuellste Zeitschrift die ich finden kann. Stolz trage ich das Goldene Blatt – Ausgabe April 2011 – zu einem der Liegesessel im Ruhebereich und breche wie ausnahmslos alle anderen auch das „Bitte keine Liegen reservieren – Gebot“. Das Wort „Ruheraum“ wird dabei von den Bruslern nur als unverbindlicher Anwendungsvorschlag interpretiert. Es finden sich immer zwei Damen die nicht schnallen, dass auch bemühtes Flüstern in einem ruhigen Raum gut zu hören ist. Dazu kommt das gequälte Ächzen der Liegestuhl-Scharniere, wenn ein übergewichtiger Obergrombacher sich aufrichten möchte und natürlich der Klassiker – ein herzhaft schnarchender Büchenauer Opa in der Ecke.

Doch was soll´s – Entspannung ist angesagt! Weiter in die Sauna.. In der Finnischen ist offenbar demnächst ein Aufguss (Aprikose-Salami-Eisminze) fällig, was sich an den 65 Paar Adiletten vor der Glastür erkennen lässt. Tatsächlich sitzen nach einem Blick ins Innere dort unzählige Senioren dicht aneinander gepresst auf den hölzernen Bänken. Ich fühle mich sofort an die in Reih und Glied rotierenden Hähnchen im Hühner-Fred-Mobil auf dem Aldi-Parkplatz erinnert und suche das Weite. Das Schöne an den Aufgüssen ist das Freiwerden von viel Liegefläche in den anderen Saunen. So ergattere ich tatsächlich einen Platz in der Regina-Regenbogen-Softie-Sauna und lasse entspannt das Haupt auf den hölzernen Rost sinken. Aus der Ecke dröhnt scheppernd die obligate Panflöten-Mucke (die sich meiner Ansicht nach für so manchen Amoklauf verantwortlich zeichnen dürfte) und alle drei Minuten taucht klackernd eine neu aufflammende Neon-Röhre den Raum in eine andere Farbe. Doch plötzlich…. Bautz, da geht die Türe auf und herein im schnellen Lauf, kommen Frauen groß und drall – gackernd wie im Hühnerstall. Vier hühnenhafte Damen, mutmaßliche Golden-Ager, nehmen rumpelnd auf den Bänken Platz. Dabei unterhalten sie sich in einer absurd hohen Lautstärke, dass sogar die Panflöten-Variante von „El Condor Pasa“ unter dieser Lärm-Kulisse verschwindet.

Außer mir sind noch drei andere Herren der Schöpfung anwesend und verzweifelt wechseln wir hilflose Blicke. Doch es ist hoffnungslos – die Bruslerin in ihrem Lauf, hält weder Ochs noch Esel auf. Eine der Damen, ich nenne sie der Einfachheit halber Helga, scheint die Alpha-Henne zu sein. Sie hat etwa dreiviertel des Wortanteiles und bestimmt die Themen. Helga geht offenkundig sehr sehr gerne in das Solarium, das erkennt man auf den ersten Blick. Dabei scheint sie aber immer einen BH und einen Slip zu tragen – auch das erkennt man leider auf den ersten Blick. Gerade setzt Helga an und erklärt ihrer Entourage, dass sie seit letztem Monat beim „Wasserlassen“ Probleme hat und deshalb beim Prinz nun eine Darmspiegelung über sich ergehen lassen muss. Gequältes Stöhnen aus der Männerfraktion – ein junger Kerl verlässt fluchtartig den Raum. Als Helga aber anfängt von den physiologischen Auswirkungen ihrer Wechseljahre-Hormone zu berichten (im wesentlichen offenbar gastrointestinaler Natur), platzt mir der Kragen. Ob Sie eigentlich wisse wie unpassend ihre Ausführungen in einer Ruhe-Sauna sind und dass mich ihre gestörte Darmtätigkeit einen Scheiß (ja, das habe ich gesagt) interessieren würde. Unter dem empörten Gegacker von Helga und Co. verlasse ich die Sauna, überspringe mein traditionelles Wellness-Hefeweizen, stürze mich unter Panflöten-Musik in meine Klamotten und fahre direkt auf die A5 nach Süden. Dort sitze ich jetzt mit meinem Netbook und schreibe diese Zeilen. Gleich klappe ich es zu und lege mich in eine herrlich ruhige Sauna, voller schweigender Menschen. Wenn die Karlsruher auch nicht viel können – aber in der Sauna die Fresse halten, das haben sie drauf. Oh warte mal, ist da drüben nicht Kollege Gilliar? Dem muss ich gleich mal erzählen, wie mein Termin beim Urologen letzte Woche lief.

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