Die Angst im Nacken

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Wie bleibt man in einer Welt voller Lug und Betrug ein aufrechter Mensch?

Eine Kolumne von Stephan Gilliar

Die gute alte Zeit im Netz

Können Sie sich noch erinnern, liebe Leserinnen, liebe Leser, wie unkompliziert es noch vor 20 Jahren im Internet zuging? Irgendwie ging alles, es war aufregend, neu und irgendwie noch jungfräulich, unschuldig und unverbraucht.

Keine Sorge, ich trage keine rosarote Brille. Ich weiß, dass es schon immer zwielichtige Gestalten da draußen gab und immer geben wird. Aber an diese ersten Online-Tage Ende der Neunziger, Anfang der Zweitausender, erinnere ich mich einfach gerne. Den Smartsurfer von Web.de angeschmissen, für maximale Geschwindigkeit ISDN-Kanalbündelung aktiviert, den Netscape-Browser geöffnet – und ab ging die wilde Fahrt.

Nicht alles war koscher, da will ich Ihnen nichts vormachen. Mit MoreTV den damaligen Premiere-Stream dekodiert, über Napster Songs über Tage hinweg heruntergeladen – uns war schon klar, dass das nicht erlaubt war. Aber es fühlte sich auch irgendwie noch nicht richtig verboten an. Die Politik und Justiz hatten das Internet damals schlicht noch nicht auf dem Schirm.

Das Netz war gefühlt noch ein kleiner Kreis von Insidern, längst nicht der Tummelplatz der Massen. Als 1999 eBay in Deutschland verfügbar wurde, war der Handel dort einfach nur herrlich. Jeder stellte seinen gebrauchten Kram ein, teils völlig kurioses Zeug – zu echten Flohmarktpreisen. Ich habe mir da allerlei Blödsinn bestellt: alte Klappzylinder, eine Doktortasche, ein Fass, Gamaschen, Plattenspieler – und und und.

Über den Austausch mit den Verkäufern entstanden tolle Kontakte, von denen ich manche bis heute pflege. Verkauf war oft mit Selbstabholung – da lernte man sich kennen. Nicht selten saß man noch Stunden zusammen und unterhielt sich.

Vom ehrlichen Handel zur Abzocke

Dann entdeckten die Langfinger, Kleinbetrüger, Großbetrüger – und, mir fällt kein besseres Wort ein – der Abschaum das Internet.

Es wurde betrogen, hinters Licht geführt, übervorteilt, über den Tisch gezogen, verarscht, abgezogen und hintergangen ohne Ende. Drei meiner jüngsten Erlebnisse, alle aus den letzten Monaten:

Erstens, beim Verkauf meines Motorrollers: Ein Mann erzählte mir freundlich die Geschichte seines Neffen, für den die Familie gerade zusammenlegt – ob ich mit dem Preis nicht etwas runtergehen würde? Natürlich, aus Mitgefühl, 150 € Nachlass. Eine Stunde später tauchte der Roller mit 600 € Aufpreis wieder in den Kleinanzeigen auf.

Zweitens, der neue Arbeitslaptop: bestellt, bezahlt – geliefert wurde ein leerer Karton. Erst nach unzähligen E-Mails, Wochen des Wartens, einer Anzeige bei der Polizei kam das Geld zurück.

Drittens, unser Kirschbaum: monatelang gepflegt, um am Ende selbst in den Genuss der Früchte zu kommen. Doch bevor auch nur eine reif war, hatten „Mitbürger“ schon die unteren Äste leergepflückt.

Vertrauen oder Rückzug?

Was bleibt unterm Strich? Nur noch Rückzug? Alles einstellen und resignieren?

Genauso habe ich im ersten Moment reagiert. Kleinanzeigen-Konto geschlossen, Verkaufspläne verworfen, Zweifel am Obstbaumschnitt. Die Lektion, in einer bösen Welt zu leben, hat sich in mir festgesetzt. Und ganz ehrlich: Es ist schwer, zu einem anderen Schluss zu kommen.

Wildfremde Menschen erzählen Senioren, ihre Enkel seien in tödliche Unfälle verwickelt, nur um deren Liebe und Mitgefühl in Schwäche zu verwandeln – und an ihr Geld zu kommen. Wenn ich so etwas höre, geht mir gleichzeitig das Messer in der Tasche auf, während mein Herz verzweifeln will.

Das Böse ist laut, aber in der Minderheit

Aber was ist gewonnen, wenn wir uns zurückziehen und im Kontakt mit anderen Menschen zuerst Misstrauen und Ablehnung zeigen? Es sind nachvollziehbare Reaktionen – doch sie machen die Lage nur schlimmer.

Wenn wir den Unanständigen das Feld überlassen, dann gewinnt das Böse an Raum. Doch ich bin überzeugt: Das Böse ist nicht die Mehrheit. Es ist laut, auffällig – aber in der Minderheit.

Studien belegen, dass unser Gefühl von allgegenwärtiger Gefahr eine Verzerrung ist. Bereits 1973 beschrieben die Psychologen Tversky & Kahneman den „Availability Bias“ – die kognitive Verzerrung, bei der Menschen die Wahrscheinlichkeit von Ereignissen überschätzen, weil sie besonders präsent oder emotional sind.

Beleg: Tversky, A., & Kahneman, D. (1973). Availability: A heuristic for judging frequency and probability. Cognitive Psychology, 5(2), 207–232.

So glauben wir, Terroranschläge seien allgegenwärtig, obwohl sie extrem selten sind. Ein paar schlechte Erfahrungen – und unser Hirn konstruiert daraus eine „böse Welt“. Die vielen positiven Erlebnisse, die dem gegenüberstehen, blenden wir aus.

Warum das Negative stärker wirkt

Ein zweiter Effekt: der „Negativity Bias“. Negative Ereignisse wirken stärker als positive – ein Überbleibsel unserer Evolution. Die Bedrohung durch einen Raubtierangriff war überlebensrelevanter als der Duft einer Rose.

Beleg: Baumeister, R. F. et al. (2001). Bad is stronger than good. Review of General Psychology, 5(4), 323–370.

Doch diese evolutionäre Tendenz sollten wir heute mit Verstand begegnen. Die Welt ist kein lebensgefährlicher Dschungel mehr – auch wenn manche Nachrichtensendungen genau dieses Gefühl erzeugen.

Die gefühlte Kriminalität

Kriminalitätsstatistiken in Deutschland – z. B. des Bundeskriminalamts – zeigen, dass viele Verbrechen rückläufig sind. Und doch ist das subjektive Sicherheitsgefühl schlecht. Warum?

Weil Medien nach dem Prinzip „If it bleeds, it leads“ arbeiten: Gewalt, Drama, Katastrophen schaffen Aufmerksamkeit.

Beleg: Gerbner, G. – Cultivation Theory / Mean World Syndrome (z. B. Shrikhande, V. 2001: “If it bleeds, it leads” – Journalism Studies)

Die Welt ist besser, als wir denken

Der schwedische Forscher Hans Rosling zeigte in seinem Buch Factfulness, dass es der Menschheit in vielen Bereichen objektiv besser geht: Weniger Hunger, weniger Kindersterblichkeit, mehr Bildung. Nur glauben wir das nicht.

Beleg: Rosling, H. (2018). Factfulness: Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist. Ullstein Verlag.

Die meisten Menschen liegen bei globalen Faktenfragen regelmäßig daneben – selbst gebildete Eliten. Unser Bauchgefühl trügt uns.

Eine Handvoll Murmeln

Was bleibt also? Lassen wir uns nicht vom Negativen lenken. Ja, es gibt viel Mist da draußen – aber eben auch unglaublich viel Gutes.

Es gibt dieses schöne Experiment: Man nehme morgens eine Handvoll Murmeln. Für jedes positive Erlebnis wandert eine Murmel in die rechte Hosentasche, für jedes negative in die linke. Am Ende des Tages: rechte Tasche voll, linke leer.

Ich weiß leider nicht mehr, woher dieser Gedanke stammt, aber er trägt Wahrheit in sich.

PS: Ein schöner Abschluss

Zum Schluss noch das kleine Happy End: Statt noch einmal einen Laptop online zu kaufen, schaute ich lokal in den Kleinanzeigen. Ich fand ein passendes Angebot in der Nähe – und einen unglaublich höflichen, freundlichen jungen Studenten. Wir saßen zusammen am Küchentisch, tranken Kaffee, richteten das Gerät gemeinsam ein.

Jetzt muss ich nur noch lernen, in Momenten des Frusts genau diese Erinnerung nicht untergehen zu lassen.

4 Kommentare zu „Die Angst im Nacken“

  1. Lug und Drug und viel Trixxerrei !! Hatte ich gestern wieder auf dem Streifzug durchs Kraichgau mit der Gastro !!! Jedesmal bleibt einen mehr die Spuke weg, scheint ein staatliches gesellschaftliches Problem zu sein !

  2. Ich bin im „richtigen“ Leben, aber vor allem im Internet extrem misstrauisch geworden. Eigentlich schade, weil eigentlich will ich das nicht und ist auch nicht meine Art. Aber mittlerweile geht es wahrscheinlich nicht mehr anders….!

  3. Ich habe es selbst erlebt via Internet. Über ganz „seriöse“ Seiten und einer Anzeige im der Zeitung Kurier gab es plötzlich ein Love Scamming. Geld sollte fließen, damit mich die Dame besuchen kommen kann. Für Visa und Flugticket. Das habe ich NICHT gemacht. Als ich den Namen der Dame im Internet eingab, staunte ich nicht schlecht: die Dame reist auf die Tour.

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