Der Fluchbrecher

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Nichts hat funktioniert am Bruchsaler Europaplatz, bis Evangelos und sein “Neo” kamen

Eigentlich sind die Voraussetzungen am Bruchsaler Europaplatz nicht die schlechtesten. Das einzige Kino der Stadt, nur wenige Schritte von der Innenstadt und noch weniger vom Bahnhof entfernt, könnte man die Lage hier reinen Gewissens mit einem A oder einem guten B versehen. Dennoch sind in den letzten Jahren zahlreiche Gastronomien nach vergleichsweise kurzer Zeit gescheitert. Sowohl im gläsernen Pavillon als auch in der großen Gaststätte gegenüber gingen innerhalb kürzester Zeit die Lichter viele Male an und noch schneller wieder aus. Burger, Schnitzel, Döner… nichts war von Dauer. Über die Gründe hierfür, hat vermutlich jeder Bruchsaler seine eigene Theorie. Lage, Angebot, Pacht, Erfahrung… suchen sie sich etwas aus.

Wie es nun aber aussieht, sind all diese Fragen nicht mehr relevant, der Fluch des Europaplatzes scheint dem Vernehmen nach gebrochen. Seit dem Frühjahr wird in der Bahnhofstraße Nummer 8 griechisch gekocht und das mit offenkundigem Erfolg. Egal an welchem Tag man am neuen Restaurant “Neo” vorbeischlendert, fast immer geben sich hier die Gäste die Klinke in die Hand. Der Laden brummt und das nach den ersten Eindrücken auch zurecht. Das Innere des Neo ist so gemütlich und einladend gestaltet, wie man es nur selten erlebt. Weiche Polstersessel, warmes Licht, viel Glas, gefällige Farben, Holz und reichlich dekorativer Schnickschnack erinnern mehr an ein Wohnzimmer als an eine Gaststätte.

“Ja, eine echte griechische Taverne sieht anders aus,” gibt Evangelos Spyridon zu, “aber in großen griechischen Städten wie Thessaloniki oder Athen geht man mittlerweile derart moderne Wege.”. Er muss es wissen, schließlich hat der 37-Jährige die Gastroszene von der Pike auf kennengelernt. Als Sohn griechischer Gastarbeiter wuchs er in Bietigheim-Bissingen auf, hat bereits Ende der 2000er in Markgröningen sein erstes eigenes Restaurant geführt und das mit Anfang Zwanzig. Doch seine Vorstellung von Gastronomie war es nie, im Kleinen hinter dem Tresen ein Bier nach dem anderen zu zapfen, sondern einen gut funktionierenden Betrieb unter allen Aspekten wirtschaftlichen Know-Hows auf die Beine zu stellen. “Viele Wirte führen ihren Betrieb pi mal Daumen, aber das funktioniert heute oft nicht mehr” weiß der Unternehmer, der in Bruchsal nach der Premiere in Pforzheim bereits sein zweites Restaurant unter dem Namen “Neo” betreibt.

Für Evangelos bedeutet Gastronomie eine klare Struktur und Pragmatismus. Er weiß genau, dass er mit einem großen Betrieb ganz andere Möglichkeiten hat, als eine kleine Landgaststätte. “Ich kann ganz anders planen, habe einen höheren Durchlauf, kann deswegen frischere Produkte anbieten, meine Vorratshaltung ganz anders organisieren. Es braucht einfach mehr System.” erklärt er, ohne dabei auch nur im Entferntesten überheblich zu klingen. Damit das alles funktioniert, braucht es natürlich den entsprechenden Umsatz. Die Gehälter für ein großes Team wollen bezahlt werden und auch die Innenstadtlage gibt es nicht für den schmalen Taler. “Ich muss den Laden zweimal am Tag voll machen” weiß er und ist sichtlich stolz darauf, dass dies auch von Anfang an gelingt. Die Bruchsaler haben das Neo von Anfang an sehr gut angenommen, über die Auslastung kann sich Evangelos nicht beschweren. Wäre es nach ihm gegangen, hätte Bruchsal übrigens schon vor sieben Jahren am Europaplatz griechisch essen können. Damals hatte er sich bereits als Pachtnachfolger des einstigen “La Cubanita” beworben, doch ein anderer erhielt den Zuschlag. Was daraus wurde, ist bekannte Geschichte.

Evangelos Spyridon in seinem neo No.2 in Bruchsal

Ausruhen möchte sich Evangelos aber nicht auf seiner Erfolgsgeschichte, arbeitet stattdessen bereits jetzt an einer Fortsetzung. In diesen Tagen renoviert er bereits die künftige, dritte Inkarnation des “Neo” in Rastatt – nächstes Jahr wird Eröffnung gefeiert. Aus diesem Grund ist der findige Mittdreißiger, der bereits mit 19 Vater wurde und dessen Sohn heute auch im familieneigenen Betrieb mitarbeitet, im Grunde permanent auf Achse. Ob das nicht stressig ist, wollen wir von ihm wissen? “Ich brauche den Trouble“, lacht er und ist schon wieder auf den Beinen, um eine gerade erspähte, kaputte Glühbirne zu wechseln. Es sind eben mitunter die Kleinigkeiten, auf die es ankommt – auch wenn man eigentlich groß denkt.

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4 Gedanken zu „Der Fluchbrecher“

  1. So sehr ich optimistisches Denken schätze: „Fluch gebrochen“ ?
    Sobald das NEO länger überlebt als die Vorgänger (was man ihm von Herzen wünscht!), dann könnte man von „Fluch gebrochen“ sprechen. Ist es aktuell nicht noch etwas verfrüht ?

  2. Da kann man Herrn Spyridon nur gratulieren. Genau diesen Elan und die Motivation neue Wege zu beschreiten hat Bruchsal lange gefehlt. Schön zu sehen, dass das Konzept funktioniert und gut angenommen wird. Meine persönliche Erfahrung war auch sehr gut – von der Qualität des Essens, die Freundlichkeit der Kellnerinnen bis hin zur Ausstattung. Aktuell die wohl beste Adresse in Bruchsal.

  3. Ich kenne das Neo in Pforzheim und ich finde, dass man hier sehr gut essen kann. Die Servicekräfte sind auf Zack. Natürlich kann es mal länger dauern, wenn das Lokal gut ausgebucht ist.
    Der Artikel hat mich neugierig gemacht, denn ich war schon lange nicht mehr griechisch essen. Da bietet sich mal ein „Test“an.

  4. Wir haben doch schon gute Griechen in Bruchsal und UG. Hoffentlich muss nicht der schwächere den Kürzeren ziehen.

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