Lange Zeit war es ruhig um das historische Gasthaus Löwenthor in Gondelsheim, doch in diesem Frühling kehrt das Leben in die wahrscheinlich gemütlichste Gaststube des Kraichgaus zurück.
von Stephan Gilliar
Wer das Löwenthor in Gondelsheim das erste Mal betritt, der kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus – oder aus dem „Gugge“, wie man bei uns im Badischen eher sagen würde. Das beginnt schon im Eingangsbereich mit der gedrechselten Empfangstheke, von deren höchstem Punkt einem das blasse, elfenbeinfarbige Gesicht einer alten Uhr entgegenblickt, während ein aus dem groben Holz gehauener wilder Löwe es auf die Waden der Kundschaft abgesehen zu haben scheint. Linker Hand führt eine bei jedem Schritt seufzend knarzende Treppe in das Labyrinth der oberen Säle, Galerien und Séparées; zur rechten Hand öffnet sich dagegen die Bodega mit ihrem klerikalen Charme samt Kreuzgang, Chorgestühl, Thron und Brunnen.



Den Kontrapunkt zum eher kühl wirkenden kirchlichen Ambiente im Erdgeschoss bildet das durch und durch an eine Mischung aus Barockschloss und Hexenhaus erinnernde Obergeschoss. Warmer Sandstein, dicke Stoffe, aber vor allem reichlich dunkles und Generationen überdauerndes Holz. Ein Salon mit einem schwarz glänzenden Flügel, vor Brokat strotzende Vorhänge, alte Sofas mit hohen Rückenlehnen, gut gealterte Schanktische, die von vielen fröhlichen Abenden berichten könnten, und davor Stühle mit fein ziselierten Armablagen und Samtpolstern. Von den Wänden blicken, erstarrt in Zeit und Erhabenheit, Gesichter von alten Ölgemälden milde in die halbdunklen Räume.
Man erwartet unwillkürlich, dass sich ein alternder Kellner, tief gebückt und im Frack gekleidet, aus den Halbschatten löst, um mit rauer Stimme und einer Verbeugung seine Aufwartung zu machen … doch weit gefehlt. Das Löwenthor ist zwar tatsächlich ein historischer Ort mit reichlich Geschichte auf dem steinernen Buckel, doch das Ambiente hier entspringt der Kreativität und der Schaffenskraft weit weniger zurückliegender Jahrzehnte. Das mittelalterliche Ambiente in den alten Räumen darf dem Tatendrang Albert Müllers zugerechnet werden, den man im Dorf seither wertschätzend als „Vater des Löwenthor“ bezeichnet. Mit unermesslich viel Aufwand und Hingabe hat er die vielen historischen Elemente zusammengetragen, die dem Gasthaus seit seiner kompletten Überarbeitung in den achtziger Jahren dieses einzigartige Aussehen und Gefühl verleihen.


Doch natürlich gibt es das alte Haus schon deutlich länger; die Geschichte reicht immerhin zurück bis ins frühe 18. Jahrhundert. Die älteren Gondelsheimer dürften sich vielleicht noch an das Gasthaus Adler erinnern; auch ein Kindergarten war hier untergebracht oder eine Tanzschule. Doch wenn wir noch tiefer tauchen, landen wir in einer Zeit, in der Gondelsheim eine wichtige Station an einer wichtigen Verkehrsader gewesen ist – und damit ist nicht die B35 gemeint. Vielmehr war das Dorf Umschlagplatz auf der alten Heerstraße von Speyer nach Augsburg. Sowohl die wohlhabende freie Reichsstadt am Rhein als auch die Fuggerstadt Augsburg als eines der wirtschaftlich prosperierenden Zentren gehörten dereinst zu den großen Dreh- und Angelpunkten jener Tage. Der Waren- und Personenverkehr führte direkt durch Gondelsheim, und so war es kein Wunder, dass hier bereits 1701 ein Wirtshaus samt angeschlossenem Kutschenhalt entstand. Unter seinem Gründer Thomas Fischer und später den Nachfolgern Johann Kemling, Georg Friedrich Sitzler und vielen weiteren mehr wurde das LöwenThor zu einem wichtigen Haltepunkt entlang der rege genutzten Route.
Sie werden sicher zustimmen, wenn man verlangt: Ein solch historisches Gebäude darf nicht einfach verblassen. Hier dürfen wir gleich beruhigen: Das wird es auch nicht. Denn im Löwenthor geht es weiter – nicht als abgekapselter Privatbau oder, wie im Dorf gemunkelt, umgewandelt zu modern-historischem Upperclass-Wohnraum, sondern im Grunde auf die einzige Art und Weise, wie es hier weitergehen kann: als Gasthaus.



Umso erfreulicher ist es, dass dieses Reboot von fähigen Händen umgesetzt wird, denn Gastronomie im großen Stil ist und bleibt ein Job für Profis. So schickt sich Christian Airich an, als Löwenbändiger der alten Poststation seinen Stempel aufzudrücken; er scheint dafür wie gemacht. Denn obwohl der junge Restaurantfachmann noch in seinen frühen Dreißigern steckt, wäre er bei dieser exotischen Job-Description eine Zehn von Zehn. Nicht nur, dass er sich im Traditionsgasthaus „Alte Brauerei“ in Weingarten von ganz unten nach ganz oben hochgearbeitet hat, auch kennt er sich mit alten Gasthäusern, ihren speziellen Herausforderungen und nicht zuletzt mit kreativen Konzepten aus. Tatsächlich ist im Vergleich zur alten Brauerei aus dem 14. Jahrhundert das Löwenthor aus dem 18. Jahrhundert ein regelrechter Neubau, doch wer die Bilder der beiden Locations miteinander vergleicht, dem springen die Ähnlichkeiten durchaus ins Auge. Christian Airich, unterstützt durch seinen Partner und Lebensgefährten Lukas Feldmann sowie die Restaurantfachfrau Ann-Marie Hüttig, die das neue Standbein leiten wird, hat sich ein harmonisch rund wirkendes Paket für den Neustart der Gondelsheimer Institution ausgedacht.

Dreh- und Angelpunkt eines solchen Konzeptes ist natürlich die gastronomische Ausrichtung. Beim Konzept möchte Christian Airich auf klassische deutsche Gerichte setzen, allerdings nicht in einer riesigen und umfangreichen Karte aufgetürmt, sondern in Form deutscher Tapas. Das können Würste mit Kraut sein, Hirschgulasch, Kartoffelbrei, Rouladen und vieles mehr. Tapas darf man sich in diesem Fall auch nicht allzu klein vorstellen; die einzelnen Portionen haben durchaus eine respektable Größe – zu einem Hauptgang zählen immerhin gleich drei davon. Bei den Zutaten soll so viel wie möglich regional bezogen werden; Wurst und Fleisch kommen beispielsweise direkt aus dem Ort – das ist dem jungen Gastronomen wichtig. „Essen wie bei Oma, aber so, dass man alles probieren kann“, wünscht sich Christian Airich, und Ann-Marie Hüttig ergänzt: „Die deutsche Esskultur geht sukzessive zurück, und wir wollen sie wieder ein bisschen aufleben lassen“.
Neben dem Essen gibt es aber auch noch weitere Argumente, das Löwenthor in der Freizeitplanung zu berücksichtigen. Denn zum Konzept von Christian Airich zählen als festes Element auch regelmäßige Events und Specials. Als da wären: spannend inszenierte Krimi-Dinner, mondäne Musical-Dinner, lustige Comedy-Dinner und mehr. Die erste Veranstaltung, ein Winzerabend mit südafrikanischen Weinen, war übrigens sofort ausgebucht; insofern schadet es generell nicht, rechtzeitig zu reservieren. Infos findet man auf der Webseite des Löwenthor und auch auf dem intensiv gepflegten Instagram-Kanal.






Ein frisches neues Konzept mit klassischen Elementen also – ein Ansatz, den viele schon allein wegen der bodenständigen kulinarischen Ausrichtung begrüßen dürften, denn traditionelle deutsche Gaststätten befinden sich seit Jahrzehnten auf dem Rückzug. Auch für Bürgermeister Markus Rupp ist das neue Löwenthor eine tolle Ergänzung für das gastronomische Angebot im Dorf, das für eine Gemeinde der Größe Gondelsheims ohnehin schon nicht von schlechten Eltern ist. Für den Bürgermeister war die Nachricht, dass es hier weitergehen wird, ein wahrer Segen. „Das Löwenthor ist ein fester Bestandteil von Gondelsheim“, weiß Markus Rupp, „es war uns politisch wichtig, dass es weitergeht, denn je länger es leer steht, desto problematischer wird es“.
Und es geht weiter, sogar schon bald. Noch diesen Monat wird die ehemalige Poststation, das „alte neue“ Löwenthor, seine Tore öffnen – Sie verzeihen das Wortspiel. Am 27. März kann man sich hier wieder treffen und schöne Abende miteinander verbringen, entweder in den außergewöhnlich gestalteten Innenräumen oder im nicht minder schön gestalteten Innenhof zwischen kleinen Bachläufen, gusseisernen Laternen und reichlich altem Sandstein.

Toi toi toi!!!💪💪💪👍👍👍
OOOHH, wie wunderbar. Ich kenne das Löwenthor. Wußte aber nicht, daß es zwischendurch geschlossen war. Vielen auf den Hinweis in der Vergangenheit. Ich wußte nicht, daß es eine Verbindung zwischen Speyer und Augsburg gab. Vor vielen Jahren besuchte ich in Augsburg die Fuggerstadt. Eine sehr interessante Einrichtung. Auch heute noch können dort Familien wohnen. Für eine 60 qm Wohnung bezahlen sie 88 Cent Kaltmiete pro jahr.
Der Preis muss stimmen, sonst wird die Weihnachtsfeier das letzt Klimmen :)
Kein Bier für 4 !