Den scharfen Hamster kann jeder

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Früher war das Auftreiben handfester Erotica noch eine echte Kunst

Eine Kolumne von Tommy Gerstner

Es gibt doch tatsächlich eine Begleiterscheinung des Alterns, über die ich gar nicht mal so unglücklich bin. Nein, es ist nicht das allmorgendliche Beschwerde-Bingo, welcher Körperteil wohl heute Probleme macht und auch nicht das beständige Abwandern von Kopfbehaarung gen Rücken. Tatsächlich ist es das allmähliche und gemütliche Nachlassen der Libido. Versteht mich nicht falsch, funktionell ist noch alles tip top (Ruft! Mich! An!), aber Drang und Bedürfnis nehmen mit den Jahren doch deutlich ab. Glaubt mir ihr jungen Hengste, das Leben kann so viel entspannter sein, wenn dir Feldmarschall Hansdampf aus der Unterbux nicht permanent ins Lenkrad greift.

Rückblickend waren die Jahre in denen der Kessel ständig unter Druck stand, doch recht anstrengend. Dauernd auf der Pirsch zu sein kostet viel Energie – vor allem wenn du aussiehst, als ob dich der Herrgott mit Ersatzteilen aus der Grabbelkiste konstruiert hat. Aber was soll ich sagen – Schwein gehabt – als verheierdter Monn konnte ich mich aus diesem Geschäftsfeld endlich zurückziehen.

Nichtsdestotrotz erinnere ich mich natürlich noch lebhaft an das erste Auflodern des Fegefeuers der Begierde. In den Achtzigern hierfür brennbares Material aufzutreiben, war allerdings eine echte Herausforderung… anders als heute. Heute reicht ein Computer mit Internetzugang, eine sturmfreie Bude und eine alte Tennissocke für eine solo-erotische Sternstunde aus. Nachdem die raffinierte und fast unüberwindbare Altersverifikation auf Porno-Webseiten aller Art geknackt wurde (Sind sie 18 Jahre oder älter? Ja oder Nein?), steht dem jungen Juser die gesamte Welt der Hardcore-Pornografie zur Verfügung – Inklusive einiger Stilrichtungen, bei der ich ob der zu Schau gestellten Kreativität meinen Hut ziehen muss – auf die hier mitunter veranstalteten Spektakel wäre ich im Traum nicht gekommen. Ich hatte ja wirklich schon viele erotische Träume, meine Oma hat in keinem davon eine Rolle gespielt…

Aber liebe Mini-Masturbators, wie billig und einfach ist das denn bitte? Wo ist denn da noch der Kick, das Spiel, die Suche, die Selbstaufopferung? Zu meiner Zeit (ja, ich bin für diese Floskel alt genug) war es noch nötig echte Kreativität zu beweisen, um der allseits beliebten Busen-Bilder habhaft zu werden. Looser haben sich damals einfach die Bravo gekauft, in der Hoffnung in der “Liebe, Sex und Zärtlichkeit” – Kolumne von Dr. Sommer auf etwas nackte Haut zu stoßen. Profis wie ich allerdings, waren visionär, haben in größeren Dimensionen gedacht.

Ich erinnere mich noch gut an den Tag, als ich meinen ganzen Mut zusammen genommen habe, um mit einer völlig unglaubwürdigen Geschichte im Schreibwarenladen Keppner am Eppinger Marktplatz mein erstes Busen-Magazin käuflich zu erwerben. Ich schätze ich war 12 oder 13 Jahre alt, als ich mich mit einem Puls von etwa 250 Schlägen pro Minute vor der alten Frau Keppner aufbaute und bemüht lässig eine Tageszeitung auf den Tresen legte. Nach erfolgtem Bezahlvorgang zog ich noch einen Einkaufszettel aus der Tasche, weiter bemüht lässig und andeutend, ich hätte es fast vergessen. “Ach ja, mein Onkel wollte ja, dass ich ihm noch eine Zeitschrift mitbringen, sie heißt glaube ich “Kuppe” oder so..” Nach einem sehr langen, sehr wissenden Blick und einer hochgezogenen Augenbraue griff Frau Keppner hinter sich und händigte mir die neueste Ausgabe der “Coupé” aus. Was soll ich sagen, die folgenden drei Stunden hinter dem Pfandlager des Handelshofs am Ufer der Elsenz waren die schönsten drei Stunden meines jungen Lebens.

Da mein junges Herz diese Art des Erotica-Erwerbs sicher nicht auf Dauer mitgemacht hätte, ebensowenig mein wirklich sehr spärliches Taschengeld-Guthaben, überlegte ich mir einen weiteren genialen Move um der begehrten Busen-Magazin habhaft zu werden. Nach intensiver Recherche und Observation habe ich einen, im toten Winkel versteckt liegenden Altpapiercontainer im Eppinger Linsenviertel entdeckt, der von der Straße aus nur schwer einsehbar war. Dort fischte ich stundenlang mit einem Drillingshaken an einem Nylonfaden im trüben Halbdunkel des Containers, bis ich irgendwann tatsächlich eine Ausgabe der Praline in Händen hielt. Nach der Lektüre dieser beiden Magazine gelangte ich übrigens zu der Erkenntnis, dass Frauen unter ihren Klamotten wohl alle nass und ölig glänzen mussten. Zumindest die Ladies im Heft sahen aus, als ob sie sich alle mit Biskin eingeruppt hätten.

Den Höhepunkt meiner erotischen Akquise erlebte ich dann im Alter von 13 Jahren. Ein Klassenkamerad steckte mir unter der Hand eine völlig ausgeleierte VHS-Kassette zu, die er bei seinem Vater hatte mitgehen lassen. Nach Wochen des Wartens auf den richtigen Moment und vor allem eine sturmfreie Bude, legte ich mit zitternden Händen das gute Stück in unserem 50 Kilo schweren Toploader. Zuerst dachte ich es wäre eine Folge “Im Reich der wilden Tiere” mit Marlin Perkins, aber bei genauem Hinsehen entpuppte sich der Streifen als französischer Sexfilm aus den frühen Siebzigern. Zu sehen war nicht viel, alle Darsteller waren von oben bis unten nass-glänzend behaart und grunzten wie die Paviane… Es war gleichermaßen faszinierend wie widerlich. Die Kassette habe ich übrigens nie zurückgegeben, sie zirkulierte stattdessen noch mehrere Generationen unter meinem jüngeren Brüdern.

Heute ist es deutlich einfacher, erotische Streifen zu konsumieren. Auf xhamster, youporn und Co. gibt es Millionen von Clips die im Grunde ein und derselbe Film, mit ein und derselben starren Handlung, jedoch unterschiedlichen Darstellern sind. Dass ich in meiner ARD-Mediathek für manche harmlose Filme einen Jugendschutz-PIN brauche, während diese Seiten mit einem lächerlichen Klick zugänglich bleiben, ist zwar eine Facette des praktischen, deutschen Umgangs mit dem Internet, den ich nie verstehen werde, aber in Sachen “Netzkultur” bin ich ohnehin ein alter, abgehängter Sack. Ich kann euch nur eins sagen, liebe pubertierende Porno-Trolle… Weder das was wir damals in der Praline gelesen, noch das was ihr heute im Netz zu sehen bekommt, entspricht auch nur ansatzweise der Magie der Wirklichkeit. Mit dem richtigen Menschen und dem richtigen Gefühl ist die ganze Sexsache eine direkte Fahrkarte in den Himmel… Ach Kinners, noch einmal jung sein und der ersten Liebe süßen Schwere fühlen… Genießt es und mach das beste draus.

Euer Dirty old Grandpa

Tommy

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