Das Fernunterricht-Massaker in Endlosschleife

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Ein Klassenzimmer / Symbolbild / Archiv

Eine Kolumne von Tommy Gerstner

Montagmorgen in irgendeiner dieser endlosen Wochen irgendwo zwischen Winter und Frühling, zwischen Welle Nummer X und Welle Nummer Y, zwischen Durchhalte-Parolen und epischer Verzweiflung. Ich sitze mit diesem angepissten Gesichtsausdruck am Frühstückstisch, der mir seit einigen Monaten bereits direkt mit dem Aufstehen auf mein stoppelbärtiges Antlitz getackert ist. Dumpfe Schläge erschüttern das Haus, beständig rieseln Staub und Kalk von der Strohmörteldecke direkt in meinen Kaffee. Was klingt wie ekstatischer Sex zweier Breitmaulnashörner, ist in Wirklichkeit nur das an Wahnsinn grenzende Ritual in Endlosschleife – es ist wieder Zeit für Homeschooling…. im Moment ist Sportstunde. Über den kleinen Bildschirm meines ausrangierten Laptops instruiert gerade ein verpixeltes Fantasiewesen, das von einem weit entfernten Schulplaneten zugeschaltet ist, meine Zehnjährige mit Aerobic-Moves, die sie vermutlich am selben Morgen von einer alten Jane Fonda oder Cindy Crawford VHS Kassette entnommen hat. Durch unsere chronisch miserable Internetverbindung, stockt das Lehrerinnen-Wesen immer wieder und ihre vermutlich geschmeidigen Bewegungen mutieren zu einem Neunzigerjahre-Techno-Tanz, bei dem ich mir allmählich Sorgen mache, er könnte den Herren der Finsternis auf den Plan anrufen.

Irgendwann kehrt Ruhe ein und mit einem Blick auf den sehr überschaubaren Stundenplan am Kühlschrank ziehe ich die Schlussfolgerung: Nun muss die Mathe-Stunde begonnen haben. Mir schwant Übles… ich schnappe mir meinen Kaffee, schlupfe in die Gartenclogs und will gerade nach draußen flüchten, als es oben bereits auf der Treppe poltert. Zu spät, ich war einmal wieder zu langsam. Meine Tochter kommt mir strümpfig im Schlafanzug entgegen „Papa, wir haben virtuelle Einzelarbeit und ich muss ein Aufgabenpaket lösen. Wie erweitert man noch gleich Brüche? Ich versteh das einfach nicht.“. Ich setze bemüht ein gönnerhaftes Lächeln auf, sage irgendetwas wie „ist doch gar kein Problem, alles ganz leicht“ und „ich komm gleich rauf“. In Windeseile schnappe ich mir mein iPad und schließe mich damit auf der Toilette ein. Reflexhaft, die Situation wiedererkennend, laden meine Finger zuerst die Pornoseite meines Vertrauens… verdammte Axt, dafür ist jetzt keine Zeit. Ich wechsle auf YouTube und suche mir ein idiotentaugliches Tutorial für die Erweiterung von Brüchen. Nach mehreren Minuten demenzhafter Faszination, beginnen sich tief in meinem Kopf langsam alte verschimmelte und verrostete Zahnräder kreischend in Bewegung zu setzen, die sich seit Mitte der Achtziger nicht mehr bewegt haben. Ich stürze die Treppe nach oben, doch noch bevor ich den oberen Absatz erreicht habe, hat das bräsige Zünden der Synapsen in meinem Kopf bereits wieder ausgesetzt. Der Versuch war ohnehin lächerlich, genauso gut hätte mich meine Tochter bitten können ihr die elementare Quantenphysik näher zu bringen.

Jetzt bleibt nur noch jene Taktik, mit der andere es aber immerhin schon zu Ministerposten auf Bundesebene gebracht haben, ich muss Wissen simulieren. Mit einem selbstgefälligen Blick schaue ich mir die kryptischen Aufgaben meines Nachwuchses an und sage darauf hin – als ob dies alles Teil ein längst durchkalkulierten, pädagogischen Masterplans wäre: „ Jetzt versuch doch einfach mal selber drauf zu kommen. In der Mathematik kommt es doch weniger auf das Ziel, als vielmehr auf den Weg an.“ Boom, Schakalaka…so macht man das. Jetzt schnell raus, bevor die Kleine die absolute Sinnlosigkeit meiner Aussage verinnerlicht.

Freunde, ich bin kein ausgebildeter Pädagoge, aber mein siebter Sinn und mein rechtes Ei sag mir: Diese Art des Unterrichts, kann nicht sonderlich effektiv sein. Eine Lehrerin oder ein Lehrer starren in der Einsamkeit ihrer Zweizimmerwohnung auf 25 schwarze Kacheln ausgeschalteter Webcams und Mikrofone. Was sich hinter diesen Kacheln verbirgt, das wissen sie einfach nicht. Sie wissen noch nicht mal, ob da auch wirklich jemand sitzt, ob ihre Schützlinge gerade Popel zu Tage fördern oder bei GTA ein paar Nutten und Zuhälter platt machen….  

Wie hat das ein liebenswerter Kollege auf der Schule meiner Tochter erst kürzlich formuliert: Ich bin nicht Lehrer geworden, um auf einen Bildschirm zu starren. Recht hat der Mann. So kann das doch nicht weitergehen. Auch wenn die Gewerkschaften der Lehrerinnen und Lehrer in den letzten Monaten den Eindruck vermitteln, ihre Mitglieder sähen in den Kindern primär wandelnde und abzusondernde kleine Virenschleudern, glaube ich doch, dass die meisten von Ihnen wahnsinnig gerne unterrichten. Viele von ihnen dürfte es genau so schmerzen, dass ihre Schützlinge seit Monaten in ihren Kinderzimmern vor ihren Bildschirmen vergammeln, wie es auch uns Eltern schmerzt. Also, liebes Kultusministerialpersonal, im Namen der kindlichen Kaiserin, kommt endlich in die Pötte. Verlasst doch einfach die ausgetrampelten Pfade und wendet eine Technik an, die in der freien Welt da draußen „Improvisation“ genannt wird. Verlagert den Unterricht nach draußen, stellt Tische und Stühle auf Sportplätzen auf, geht bei Regen in die Mehrzweckhalle oder besorgt endlich angemessene und leistungsfähige Luftfilter. Milliarden sind bereits in die Erhaltung ohnehin schon milliardenschwerer Unternehmen geflossen, da muss doch in der Kaffeebüchse noch der eine oder andere Schein für unsere Nachwuchs und damit die Zukunft unserer Gesellschaft zu finden sein.

Jetzt entschuldigt mich bitte Freunde, im oberen Stockwerk hat gerade die Geschichtsstunde begonnen und meine Tochter ist dabei die gesamte Wikipedia auszudrucken…

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2 Gedanken zu „Das Fernunterricht-Massaker in Endlosschleife“

  1. Lustig zu lesen! Ein weiteres Problem ist, dass Fernunterricht oft nicht verstanden wird. SchülerInnen alleine mit den Aufgaben zu lassen, nicht als AnsprechpartnerIn bereitzustehen, sondern alles auf Eltern und Geschwister abzuschieben, ist kein Fernunterricht. Ebenso dieser Frontalunterricht 2.0 mit Microsoft Teams. Hauptsache man nimmt irgendein vermeintlich hippes Produkt, Werbung dazu läuft definitiv genug im Fernsehen. Leider ist das nicht nur ein Problem älterer LehrerInnen, sondern auch, erschreckenderweise, von jüngeren, weil scheinbar im Studium nur Powerpoint geklickt wurde, um es einmal provokativ zu sagen.

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