……dann nehme ich doch gleich das Auto

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Der öffentliche Nahverkehr ist zuweilen eher ein schlechter Witz als eine echte Alternative

Eine Meinung von Hügelhelden-Herausgeber Stephan Gilliar

An Erfahrung mangelt es mir bestimmt nicht, so viel kann ich Ihnen versprechen. Als Kraichgauer Dorfkind habe ich die tiefen, dunklen Täler des öffentlichen Nahverkehrs der 80er Jahre durchwandelt. Drei Busverbindungen am Tag, späteste Rückreise aus der Stadt um 19 Uhr und am Wochenende totale Flaute. Als die Stadtbahn aus dem großen und aufregenden Karlsruhe allmählich ihre gelben Finger nach dem Kraichgauer Hinterland ausstreckte, war das für uns eine Sensation und eine Revolution. Jetzt mussten wir nur noch sehen wie wir nach Gölshausen kommen und dann erschloss sich die große Freiheit in enger Taktung auf der Schiene. Gegen das Karlsruher System und die Vernetzung der Stadtbahn in der Region ist auch absolut nichts einzuwenden, das System funktioniert. Wenn ich in die Stadt muss kaufe ich mir über die App auf meinem Smartphone ein Ticket das gleich via Paypal bezahlt wird und fertig ist der Lack.

Ärgerliche Schwachstellen, die nicht sein müssten

Leider gibt es aber auch in diesem System Schwachstellen, insbesondere dann wenn eine Reise über die Grenzen eines Verkehrsverbundes in den Zuständigkeitsbereich eines anderen gehen soll. Gestern hatte ich einen Termin mitten in der Heilbronx und da das Autofahren in Städten oft in purem Stress ausartet, beschloss ich nach meinem Vormittagstermin in Zaisenhausen das Auto am dortigen Park-and-Ride-Parkplatz abzustellen und mit der Bahn zu fahren. Das war zumindest der Plan.

Am Zaisenhausener Bahnhof wollte ich also am Automaten ein Ticket für diese lächerlich kurze Reise von etwa 25 Kilometern lösen. Die Bedienung des Automaten war ein Ding der Unmöglichkeit. Die dicke Glasscheibe über dem Touchscreen spiegelte derart, dass der schwach leuchtende Bildschirm dahinter kaum auszumachen war. An diesem Tag schien noch nicht einmal die Sonne, dennoch war das Display fast nicht zu erkennen. Es blieb also nur das Gesicht unmittelbar an die mit Fettfinger-Abdrücken verschmierte Scheibe zu bewegen und seitlich mit beiden Händen das Licht abzuschirmen – für ältere Menschen mit weniger scharfem Blick ist die Benutzung dieses Automaten absolut ausgeschlossen und unmöglich.

Das Menü des Automaten bot mir erst einmal die Wahl zwischen einer Karte im KVV Netz oder einer im Netz der Deutschen Bahn an. Schon diese Auswahl ist im modernen Informationszeitalter absolut unzeitgemäß und lächerlich – warum führt man beide Systeme nicht unter einer Benutzeroberfläche zusammen? Im Menü der KVV kam ich nicht weiter, da hier Heilbronn als Haltestelle gar nicht existiert – die Stadt gehört zum Verkehrsverbund Heilbronner Hohenloher Nahverkehr. Also blieb mir nichts anderes übrig als mich durch das Verkaufssystem der Deutschen Bahn zu arbeiten, das umständlicher nicht sein könnte. Im Vorfeld soll ich mich bei der Rückreise gleich auf eine feste Bahnverbindung festlegen. Da ich aber noch nicht weiß wann mein Termin in Heilbronn zu Ende geht, ist das eine unnötige und absurde Einschränkung für die Kunden. Zähneknirschend ging ich vom worst case eines langen Termins aus und legte mich auf eine Rückreise gegen 17 Uhr fest. Dann wurde mir der Preis für die Hin- und Rückfahrt von Zaisenhausen nach Heilbronn angezeigt und mir brach fast das Gesicht weg: 14,40 Euro sollte die Reise mit der Straßenbahn an diesem Tag kosten. Würde ich noch 5 € mehr investieren könnte ich für dieses Geld, so absurd das auch klingen mag, mit dem Flugzeug von Karlsruhe nach London fliegen. Für 25 Kilometer auf einer Stadtbahnstrecke ist dieser Preis – kurz und knapp formuliert – schlicht inakzeptabel.

…im Vergleich zur Bahn immer noch viel zu günstig: Die Fahrt mit dem Auto

Vergleichen wir doch einmal. Würde ich diese 25 km mit dem Auto fahren, kämen wir bei einem Hin und Rückweg auf 50 km. Mein Auto verbraucht etwa 5 Liter Benzin pro 100 km für die an der Tankstelle summa summarum 7,50 € fällig werden. Die reinen Spritkosten für diese Reise lägen also bei 3,75 Euro. Rechnet man noch 2,50 Euro für ein Parkticket in der Innenstadt dazu, käme ich insgesamt nicht einmal auf die Hälfte des Geldes für ein Bahnticket. Zudem muss ich mich nicht mit grölenden Kids, Kaugummi-verklebten Sitzen und nach Urin stinkenden Ecken in der Bahn und einer fragwürdigen Sicherheitslage an machen Zeiten und Brennpunkten abgeben.

Zu wenige gute Gründe für den Umstieg

Warum also sollte ich mir eine Reise mit Bus und Bahn antun, wenn ich für viel Geld weniger Leistung erhalte als mit dem eigenen Fahrzeug. Klar, kann man nun sagen es gibt eben auch die moralische und ökologische Perspektive. Das ist richtig, doch wenn der Staat tatsächlich möchte dass wir unser Auto stehen lassen und auf Bus und Bahn umsteigen, sollte er das auch entsprechend attraktiv gestalten. Die öffentlichen Verkehrsmittel sollten in enger und nachvollziehbarer Taktung fahren, mehr Personal sollte sich um den Zustand von Bahnsteigen, Infrastruktur und Bahnen kümmern und durchdachte Systeme sollten nicht an Zuständigkeitsgrenzen enden.

Technische Hürden und ungerechte Preise

Ganz wichtig und technisch problemlos umsetzbar: Anwenderfeindliche Hürden bei grenzüberschreitenden Fahrten zwischen denen verschiedenen Anbietern, sollten technisch elegant gelöst werden und Ticketpreise anhand der wirklich gefahrenen Strecke und nicht über starre Zonen definiert werden. Ein Beispiel hierzu: Obwohl meine Tochter nur zweimal am Tag den Schulbus zwischen zwei Kraichgau-Dörfern mit einer Entfernung von vier Kilometern nutzt, werden wir gezwungen eine Scoolcard für das gesamte Netz zu lösen – Kostenpunkt: schlappe 500 € pro Jahr. Mal abgesehen davon, dass ich es auch hier für die Aufgabe des Staates halte für die kostenfreie Beförderung seiner schulpflichtigen Kinder vom Wohn- zum Lernort zu sorgen, ist ein derart unflexibles System nicht zeitgemäß und stellt eine immense finanzielle Belastungen vieler Eltern dar.

Bock auf Lok fragt Abellio… für viele Pendler lautet die Antwort mittlerweile: Nein

Auch Experimente wie die neue Ausschreibungen ganzer Streckennetze, sollten möglicherweise überdacht werden. Das Beispiel des Wechsels von der AVG zu Abellio auf der Strecke Bruchsal-Mühlacker zeigt aktuell deutlich wie ein solcher Fahrplanwechsel mit Pomp und Gloria in die Hose gehen kann. Den Menschen entlang dieser Route wird gerade nachhaltig eingebläut, dass sie auf die öffentlichen Verkehrsmittel einen Dreck geben können und bitte in Zukunft wieder mit dem eigenen PKW die Kinder zur Schule und sich selbst zur Arbeit kutschieren sollen – für unser grünes, fortschrittliches Musterland Baden-Württemberg eine echte Bankrotterklärung.

Da muss noch mehr gehen

Fazit: Wenn die Mobilitätswende im Land gelingen soll, muss sich beim öffentlichen Nahverkehr noch vieles ändern. In erster Linie muss Geld in die Hand genommen und dem Bürger bei den Kosten entgegengekommen werden. Anstatt eine an die Wand gefahrene Pauschalurlauber-Airline mit dreistelligen Millionenbeträge zu unterstützen, könnte man dieses Geld in Ticket-Subventionen investieren. Der Nahverkehr muss günstig, sauber, effizient, verlässlich und sicher werden. Solange aber für Kurzstreckenfahrten zweistellige Eurobeträge fällig werden, Bahnen und Bahnhöfe verdreckt und ab später Stunde auch zunehmend unsicher sind, kann von keinem Menschen erwartet werden dieses System als echte Alternative zum eigenen Fahrzeug zu begreifen.

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