Bruchsals wunder Fleck

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Das Areal um den Bruchsaler Bahnhof genießt keinen guten Ruf. Rivalisierende Großfamilien, gewalttätige Auseinandersetzungen und ein zuweilen schwieriges Pflaster für Reisende, Passanten und Anwohner. Eine schwierige Gemengelage, die vieles beinhaltet, nur keine leichten Antworten.

Eine Reportage von Stephan Gilliar

Samstagabend gegen 22:00 Uhr. Gerade eben ging hier am alten Güterbahnhof unter Applaus die Abendvorstellung im Exil Theater zu Ende und ich stehe zusammen mit meiner Frau und meiner Tochter in der eisigen Kälte dieses Herbstabends. Ab nach Hause, zurück ins Warme. Doch davor steht bekanntlich noch der Heimweg. Dieser führt zwangsläufig auf die andere Seite der Bahnschienen, die Bruchsal im Grunde in zwei Hälften teilen. Für uns ergeben sich daraus drei Möglichkeiten, einmal der etwas höher gelegene Fußgängerweg in der Unterführung am “Siemenskreisel” – trotz neuer Beleuchtung immer noch ein dunkles, feuchtes Loch, ein riesiger Umweg über die B35-Brücke beim Saalbach Center, oder eben der direkte Weg durch die Unterführung beim Bruchsaler Bahnhof. Ein Konstrukt, das man von Seiten der Bahnstadt aus als “Hui” bezeichnen könnte, ist von der Innenstadtseite her eher als “Pfui”. Nach dem Abstieg durch das hell erleuchtete Portal und die ersten paar Meter in der neuen, hell gestalteten Passage geht der Tunnel nahtlos in die alte Unterführung des Bruchsaler Bahnhofes über. Eine schmucklose Szenerie, voller undefinierbarer seltsamer Gerüche und des bekannt betagten Untergrundes so ziemlich aller Bahnhöfe in diesem Land.

Das Tor zur Stadt. Die Unterführung von Seiten der Bahnstadt aus gesehen

Auf der Stadtseite tauchen wir mitten im Bahnhof wieder auf, nehmen den Slalom um ein paar wartende Raucher am kurzen Stummelgleis, passieren in einem schmalen Durchgang die Bahnhofstoilette, überquellende Mülleimer und stehen am alten Busbahnhof. Das Publikum um diese Uhrzeit? Durchwachsen. Zweimal werden wir auf dem Weg über den Platz angesprochen, beides Mal geht es vermutlich um Geld. Ansonsten? Kleine und größere Gruppen von Menschen irgendwo im Halbschatten, hier und da wird es laut, Passanten queren die Szenerie mit eingezogenem Kopf und schnellen Schrittes.

Die Moltkebrücke, im Hintergrund eine Grundschule

Ganz so harmlos sollte es an diesem Abend offenbar nicht mehr bleiben, am nächsten Morgen liegt eine E-Mail aus der Pressestelle der Polizei Karlsruhe in unserem Redaktionspostfach, offenbar kam es ganz in der Nähe vom Bahnhof, an der Moltkebrücke am Viktoriapark, zu einer Auseinandersetzung. Mehrere junge Männer, Faustschläge, am Ende der Stich mit einem Messer in den Nacken eines Kontrahenten. Übrigens geschehen unmittelbar vor einer Grundschule.

Falls Sie nun ein Déjà-vu haben, täuscht Ihr Eindruck nicht. Es gab in der Vergangenheit diverse Vorfälle im Bereich des Bahnhofsvorplatzes und im Viktoriapark. Darunter waren auch durchaus schwere Gewalttaten, beispielsweise im Jahr 2023 ein ähnlicher Fall, wie jüngst der in einer Messerstecherei gipfelte. Nur eine Suche in unserem eigenen Archiv fördert eine ganze Reihe von Treffern zutage, verteilt über mehrere Jahre und über die ganze Palette möglicher Verfehlungen – von Belästigung über Diebstahl bis zur schweren Körperverletzung.

Viele dieser Vorfälle dürften keineswegs aus dem Zufall heraus entstanden sein, die Problematik rund um das Bruchsaler Bahnhofsviertel hat leider System, wie spätestens seit diesem Sommer öffentlich bekannt ist. Nach einer groß angelegten Kontrolle durch die Polizei teilte selbige im August mit, dass hier regelmäßig Mitglieder zweier rivalisierender Großfamilien aufeinandertreffen. Zusammenstöße mit reichlich Konfliktpotenzial, wie die Polizei weiter mitteilt, konnte nur durch ein intensives Polizeiaufgebot eine “mögliche Eskalation” Anfang August verhindert werden. Die Aktionen sollten auch als Zeichen gegenüber den beiden Familien sein, die im Viertel ein gutes Dutzend Restaurants und Imbissbuden besitzen. „Wir dulden keine rechtsfreien Räume im Polizeipräsidium Karlsruhe“, betonte damals der leitende Polizeidirektor Dr. Gustav Zoller. „Wir werden die Straße nicht den rivalisierenden Familien überlassen, sondern dort, wo es nötig ist, mit aller Konsequenz für Sicherheit und Ordnung im öffentlichen Raum eintreten.“ Wie nachhaltig die Aktion war, darüber dürften die Meinungen auseinandergehen, der jüngste Vorfall im Viktoriapark spricht jedenfalls nicht für eine gesteigerte oder wiederhergestellte Sicherheit in diesem Areal.

Nur einzelne Ausreißer, übersteigerte Wahrnehmung durch Berichterstattung, ein verändertes Bewusstsein oder Empfinden in der Bevölkerung? Die Frage nach der Sicherheit rund um den Bahnhof und den Viktoriapark ist jedenfalls nicht leicht zu beantworten, pauschal schon gar nicht. Die reinen Zahlen für den Bahnhof selbst sprechen jedenfalls ein recht klares Bild, 2024 hat sich die Zahl der Straftaten dort im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. 106 davon wurden registriert, darunter natürlich keineswegs nur gewalttätige Höhepunkte, sondern auch kleinere Diebstähle und Co.

Der Bruchsaler Bahnhof, aufgenommen aus der Hildastraße

Dennoch ist die Zahl der Polizeieinsätze am Bahnhof und im Viktoriapark nicht annähernd so hoch, wie man sich das nach Stand der Dinge vorstellen würde. Hier gehen Wahrnehmung und Realität doch ein Stück weit auseinander, so Jürgen Conrad, Leiter des Polizeireviers in Bruchsal. „Wir haben gar nicht so viele Einsätze, wie man denkt. Es ist tatsächlich das subjektive Sicherheitsempfinden der Bürgerinnen und Bürger, das da so maßgeblich tangiert ist.“ Das Gebiet als einen Kriminalitätsschwerpunkt zu brandmarken, das geben zumindest die Zahlen nicht her, so Jürgen Conrad, der aber auch das subjektive Sicherheitsempfinden der Menschen in diesem Bereich nicht kleinreden möchte. Insbesondere die schweren Vorkommnisse, wie zum Beispiel der jüngste vom vergangenen Wochenende, sorgen stark dafür, wie die Bruchsalerinnen und Bruchsaler die Gegend um den Bahnhof wahrnehmen. „Das rührt natürlich ganz arg in den Menschen, und das auch zurecht, aber es ist kein Dauerzustand“, so Jürgen Conrad. Die Polizei ist deswegen bemüht, vermehrt Präsenz rund um den Bahnhof und die anliegenden Straßen zu zeigen, wobei natürlich betont werden muss, dass der Bahnhof selbst der Bundespolizei obliegt.

Bruchsal oberster Polizist – Revierleiter Jürgen Conrad

Es mag sein, dass über die Zeit gesehen und nur von der statistischen Seite her das Gebiet nicht als Hotspot Bruchsaler Kriminalität durchgehen mag, aber auch schon alleine der Umstand, dass es hier in den letzten Jahren mehrfach zu blutigen Auseinandersetzungen kam, lässt zumindest mich meine Tochter davor eindringlich warnen, das Gebiet nach Einbruch der Dunkelheit zu betreten, wo immer es geht, andere Wege zu finden. Eine Haltung, für die auch Oberbürgermeister Sven Weigt und Bürgermeister Andreas Glaser Verständnis zeigen, schließlich seien auch sie Familienväter, so die Bruchsaler Führungsriege im telefonischen Interview, das beide spontan am Rande der letzten Kreistagssitzung für uns möglich machen. Die Möglichkeiten der Stadt allerdings sind hier naturgemäß stark limitiert. Zum einen ist Verbrechensbekämpfung nicht Aufgabe der Stadtverwaltung, sondern die von Polizei und Bundespolizei, zum anderen sind auch die Besitzverhältnisse am Bahnhof alles andere als leicht zu handhaben. Teile des Gebietes gehören der Bahn, andere Teile der Stadt. Bauliche Veränderungen, beispielsweise bessere Wege, Überwachung, Beleuchtung, können nicht, ohne mit dem jeweils anderen Rücksprache zu halten, installiert werden – Rücksprachen, die naturgemäß im Sog der Bürokratie dauern können.

Dennoch soll sich am Bahnhof einiges verändern, manche Veränderungen wurden bereits umgesetzt, andere laufen. Die Bauarbeiten für den neuen Busbahnhof sind bereits weit fortgeschritten, und auch für den Durchgang von der Bahnstadt zur Innenstadt sind Lösungen in Sicht. So soll es in Zukunft nicht nur am Ende des Tunnels möglich sein, über die Treppe nach rechts in den Bahnhof zu gelangen, sondern auch nach links direkt auf den Vorplatz zu kommen. Dafür wird nicht nur das aktuell als großer Aschenbecher benutzte “Stummelgleis” zurückgebaut werden, auch die Bahnhofstoilette soll dem Vernehmen nach verschwinden, um einen direkten Zugang zur Stadt zu ermöglichen. Ganz ursprünglich sollte das Portal zur Bahnstadt deutlich üppiger ausfallen, erste Entwürfe sahen sogar eine geschwungene Brücke über die Gleise und den Bahnhof vor, doch dies dürfte insbesondere mit Blick auf die Haushaltslage nun deutlich pragmatischer umgesetzt werden.

Gerade für die Bewohner der Bahnstadt dürfte die derzeitige Lösung aber nicht nur Glücksgefühle auslösen. Bruchsals großes Neubauviertel, das Aushängeschild der Stadt, würde manch einer sagen, glänzt an der Peripherie nicht annähernd so wie im Inneren. Die Zugangswege durch Unterführungen und die Verlagerung des Straßenstrichs nagen am Renommee der A-Lage. „Obwohl ich mich auf dem Weg vom Bahnhof Bruchsal in die Bahnstadt nachts meist sicher fühle, ist mir im Viktoriapark mulmig. Seltsame Gestalten am Bahnhof stören mich nicht, aber mein Sicherheitsgefühl hängt von Details wie der Beleuchtung ab. Probleme wie defekte Aufzüge und Prostitution hinter dem Bahnhof sowie die schlechte Ausleuchtung des Platzes haben mein subjektives Sicherheitsgefühl verschlechtert. Die Sicherheit am Bahnhof bleibt ein wichtiges Anliegen“, schreibt uns eine junge Mutter, die mit ihrer Familie seit einigen Jahren in der Bahnstadt lebt, und der Kommentar einer Leserin geht noch etwas weiter: „Ich hab Angst in Bruchsal vor allem, wenn meine Tochter oder mein Sohn unterwegs sind, alleine oder mit Freunden. Ich fahr also auch schon hin und hol sie ab.“

Das alles spiegelt unterm Strich eine äußerst ungute Entwicklung wider, der es etwas Gewichtiges entgegenzusetzen gälte, doch bislang setzen die verschiedenen Akteure eher auf Symptombekämpfung. Nicht aus bösem Willen, sondern einfach mangels adäquater Werkzeuge. Denn das, was rund um den Bahnhof geschieht, ist kein exklusives Bruchsaler Problem, sondern auch Teil einer gesellschaftlichen Entwicklung, der mit Lokalpolitik oder zusätzlichen Lampen nicht wirklich beizukommen ist.

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1 Kommentar zu „Bruchsals wunder Fleck“

  1. Nun, ich wusste gar nicht, dass es in Brusl so viele rivalisierende Großfamilien gibt? Wo haben die sich denn in den 1950er und 1960er Jahren versteckt? Sind die alle aus Italien eingereist ? Ach nein, deren Vornamen sind doch sicher Hans und Gerhard. Wir sind soooooo ein tolerantes Ländle, da fallen doch solche Leute gar nicht auf. Das ja eine gesellschaftliche Entwicklung durch die vielen, vielen Wirtschaftsflüchtlinge.
    Wie sagte doch schon Herr Schopenhauer….. dass ich die deutsche Nation wegen ihrer überschwänglichen Dummheit verachte und mich schäme , ihr anzugehören. Dem habe ich nichts mehr hinzu zufügen.

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