Brenne, digitaler Scheiterhaufen, brenne!

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Tod dem Hashtag

eine Kolumne von Thomas Gerstner

Es läuft etwas faul im Staate Internet. Mit zunehmender Größe unseres guten, alten WehWehWeh wird die systembedingte Schwachstelle des weltweiten Netzes immer augenfälliger: Die Mär der vermeintlichen Mehrheiten. Sobald wir online gehen, stoßen wir im Netz auf Millionen, ach was – Milliarden von anderen Menschen, verteilt auf unseren gesamten Erdenrund. Wir hören, sehen oder lesen in den Strömungen des Netzes aber nicht etwa deren vereinte, kollektive Stimme – quasi das Raunen der gesamten Menschheit – sondern nur das schrille Schreien Einzelner, die uns glauben machen wollen, die Mehrheit zu sein oder für eine solche einzustehen.

Wenn ein paar dieser schrillen Stimmen sich zusammenschließen und in einer lautstarken Kakophonie alle Aufmerksamkeit auf sich zu einen versuchen, nehmen wir automatisch an, es handle sich hierbei wohl um die “Stimme des Volkes” und ordnen uns um des eigenen Friedens willen unter oder schweigen lieber – wer will schon von Hysterikern niedergebrüllt werden. Genau hier, erleben wir eine weitere, zentrale Schwachstelle des Internets. Zwar mögen diese Stimmen schrill und laut sein, doch stellen sie nicht die Mehrheit aller Stimmen, nicht einmal ansatzweise. Sie stechen einfach nur heraus aus einem riesigen, endlosen Meer schweigender, aber nicht minder wachen Menschen. Menschen, die genau verfolgen was geschieht, sich aber dazu entschließen, der Debatte schweigend zu lauschen. Diese vermeintlichen Stimmen des Volkes, diese gefühlten Mehrheiten, erinnern ein wenig an Herrn Tur Tur, den Scheinriesen aus Michael Endes wunderbarer Geschichte um Jim Knopf. Herr Tur Tur erscheint aus der Ferne riesengroß und furchteinflößend, je näher man ihm aber kommt, schrumpft er zu einem harmlosen kleinen Mann.

Das Netz und mit ihm unsere Gesellschaft sind zwischenzeitlich durchzogen, von vielen dieser Scheinriesen – wenngleich auch nicht so liebenswert, wie es Herr Tur Tur war. Sie poltern, schreien, keifen und beanspruchen die gesamte Deutungshoheit in jedweder Angelegenheit ausschließlich für sich. Sie definieren was richtig und was falsch ist, was ausgesprochen werden darf und was nicht, sie vernichten Existenzen aufgrund weniger Worte, sind Richter und Henker zugleich. Sie sind nicht an Wahrheiten, an ausgewogenen Diskussionen, an Kompromissen und dem in demokratischen Prozessen unabdingbaren Abwägen des Für und Wider interessiert. Sie sind zu digitalem Fleisch gewordene Partikularinteressen, die – unterstützt von Algorithmen, die unsere Aufmerksamkeit just dorthin lenken, wo das Geschrei am lautesten ist, den Vielen den Willen der Wenigen aufdrängen wollen. Sie sind Gift für unser Zusammenleben, Gift für unser Fortbestehen und unsere Entwicklung als heterogene Gesellschaft.

Nur für den Fall, dass manche in diesen Worten Rückenwind für ihr Ansinnen erkennen, das Netz widerstandslos mit ihrem Giftmüll zu fluten. Es geht hier nicht um jene Ewiggestrigen, die ob jeder Widerrede gegen ihren Hass, ihre Kleingeistigkeit, ihre Vorurteile oder tausendfach widerlegte Falschinformationen, den Niedergang von Debatte oder Meinungsfreiheit beschreien. Nein, es geht vielmehr um die grundlegende Frage, wem wir gestatten wollen, künftige Normen, Moral und Werte unserer Gesellschaft zu definieren.

Vor wenigen hundert Jahren noch zogen Lynchmobs durch unsere Straßen und verurteilten auf eigene Faust vermeintliche Verbrecher zum Tode – ohne Debatte und ohne Prozess. Doch wir erkannten gemeinsam, dass es so nicht weitergehen konnte, entwickelten uns weiter und können heute stolz auf eines der ausgewogensten und fairsten Rechtssysteme auf dieser Welt sein. Es scheint fast so, als müssten wir diesen Weg im Internet erneut ganz von Anfang an beschreiten. Ein jeder von uns kann dazu beitragen… indem er sich von den lautesten Schreien nicht beirren, nicht von selbstgerechter Empörung leiten lässt. Schon vor über 100 Jahren hat der Journalist und Literat Otto von Leixner dazu treffend bemerkt: “Wer zu laut und zu oft seinen eigenen Namen kräht, erweckt den Verdacht, auf einem Misthaufen zu stehen.”. Oder um bei unserem Bild zu bleiben: Wer den Schreihälsen und den lautesten Stimmen dennoch zu folgen gedenkt, der möge mit offenen Augen immer näher auf sie zugehen – am Ende steht vor ihnen meist nur ein kleiner Mann, der nicht groß, nicht bedeutsam und ganz sicher nicht die Stimme der Vielen ist.

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1 Gedanke zu „Brenne, digitaler Scheiterhaufen, brenne!“

  1. Wunderbarer Kommentar zur aktuellen Situation im Netz. Eigentlich schade, da das Netz für schönere Dinge genutzt werden könnte.
    Ich war erstaunt, als ich in einer Studie gelesen hatte, dass es Menschen gibt, mit hunderten Accounts, die den ganzen Tag darüber nur Hass und Hetze verbreiten. Dabei gibt es doch bessere Dinge, die man machen kann, zum Beispiel Eure Ausflugstipps einmal abwandern. Und das hilft einem vielleicht auch, das Gemüt wieder zu beruhigen und danach die Welt mit anderen Augen zu sehen.

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