Bitte ein Bütt

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Das 77. Jubiläum der großen Wicker-Wacker-Prunksitzung in Östringen war groß. Am größten war aber der kleinste Star des Abends.

Wissen Sie, was ich künstlerisch mit zehn Jahren abgeliefert habe? Ein bisschen unmotiviertes, dissonantes Geklöppel auf einem Xylophon in der Grundschule. Wissen Sie, was dagegen der zehnjährige Raphael am Samstagabend vor vollem Haus bei der Prunksitzung der Wicker Wacker in Östringen abgeliefert hat? Feinste Stand-up-Comedy aus der Bütt samt Begeisterungsstürmen und Standing Ovations. Eigentlich ist es ja nicht meine Art, mit der Tür ins Haus zu fallen, aber in diesem Fall gibt dieser außergewöhnliche Programmpunkt die Ouvertüre für diesen Beitrag – und das völlig zu Recht. Denn was der kleine Bub mit seinen strahlend blauen Augen da abgeliefert hat, dafür braucht man Talent und reichlich Cojones. Mit reichlich Chuzpe und mit einem Selbstbewusstsein, das man bei Kids in diesem Alter wahrlich nicht oft vorfindet, watschte Raphael in einem Rundumschlag das komplette Personal des Elferrates der Wicker Wacker ab. Neben seinem Vater, der zuerst sein Fett weg bekam, nahm er sich danach einen „Onkel“ nach dem anderen vor. Zum Beispiel Onkel Kevin, „de scheenste Monn im Rat“, der sich regelmäßig als Asbach-Fee verdingt, oder Onkel Lars, der als Polizist nüchtern zwar jeden Paragrafen kennt, nach drei Bier aber alle durchwinkt. Gags, die auf dem Papier nicht funktionieren, am Samstagabend aber die Herrmann-Kimling-Halle zum Toben brachten.

Raphael war zwar das bemerkenswerte, aber längst nicht das einzige Highlight an diesem Abend. Richtig stark war auch die multimedial und mit reichlich Personaleinsatz inszenierte feindliche Übernahme der Amtsgeschäfte im Östringer Rathaus. Inklusive MAZ (stand in analogen Fernsehzeiten mal für Magnetbandaufzeichnung), Amtsleiter-Slapstick sowie feinsten Choreografien aus dem Ordnungsamt oder dem Rechnungswesen. Natürlich inklusive cinematischer Verschleppung von Bürgermeister Felix Geider in die Tiefgarage sowie üppigem Siegeseinmarsch seines royalen Amtsnachfolgers. Richtig unterhaltsam, toll umgesetzt, etwas fürs Auge.

Überhaupt ist es jedes Mal bemerkenswert, was die Wicker Wacker zu diesem großen Highlight jeder Fasnachtssaison auf die Beine stellen. Allein schon mal technisch, mit den aufwändig vorab produzierten Videoclips, der Übertragung ins Netz und der aufwändig inszenierten Bühnenshow. Mit dabei: Geschichten aus der Bütt, mal groß, mal weniger groß, aber immer herrlich politisch inkorrekt und so flach, dass sie noch unter der Hallentür hindurch gepasst hätten. Nicht fehlen durfte auch die große Kunst des Gardetanzes, die in Östringen sowohl die Kleinen, die Großen sowie natürlich das Tanzmariechen perfekt beherrschen. Präsidentengarde, Elferratsgarde, Küken, Showküken, Funken, Show-Pearls oder die Solo-Nummern von Smilla und Soraya … große Show-Momente für einen großen Abend.

Die Halle, brechend voll, die Tickets ausverkauft. Eine Stimmung wie im Hexenkessel. Manchmal ein bisschen zu laut, um dem Programm noch folgen zu können, vor allem in den hinteren Reihen, sodass sogar der regelmäßig eingesetzte Schweigefuchs kaum Gehör fand. Aber unterm Strich: eine legendäre Show, an die man sich in Östringen noch lange und gerne zurückerinnern wird. Das Beste daran: Fasnacht hat gerade erst begonnen.

PS: Mein expliziter Gruß noch an den großen Underdog das Abends: die geniale menschliche Stehlampe mit dem lateinischen Tattoo auf dem Arm „Silentium est aureum“ – die größten Rollen müssen eben keine Sprechrollen sein.

4 Kommentare zu „Bitte ein Bütt“

  1. Hinweis:
    Der Verein wird dieses Jahr 77, nicht 44. Seit 1950 werden die Prunksitzungen vom Heimat- und Kulturverein organisiert, aber auch vorher gab es schon Veranstaltungen, wie Umzüge, Maskenball….

  2. Lieber Stephan von Hügelhelden,
    ein toller Bericht, der die Leistung der Wicker-Wacker würdigt. Von vielen habe ich schon gehört, dass Raphael sogar seinen eigenen Vater in den Schatten stellte. Bei so einem Talent und der super Jugendarbeit des Vereins brauchen wir WW uns keine Zukunftsorgen machen.

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