Seit fast einem halben Jahrtausend führt Familie Becker das uralte Traditionsgasthaus „Zum Laub“ in Berghausen
Was es bedeutet, Teil einer achtzehn Generationen überdauernden Dynastie zu sein
Am Anfang haben wir uns doch tatsächlich überlegt, diesen Beitrag in die Kategorie „Restauranttipps“ zu schieben. Doch im Grunde ist das natürlich Blödsinn. Denn das Laub in Berghausen kennt jeder – wirklich jeder. Und das aus gutem Grund. Schließlich gibt es die traditionsreiche Gaststätte in Pfinztal nicht erst seit gestern.
Es fühlt sich wirklich surreal an, das zu schreiben, doch das Gasthaus zum Laub steht genau hier, an dieser Stelle, bereits seit 1558. Das ist eine Zahl, die können wir nicht einfach so stehen lassen, auch wenn sie im Grunde für sich selbst spricht. Sehen Sie es uns daher bitte nach, wenn wir dem Bedürfnis folgen, Ihnen diese Jahreszahl etwas plastischer vor Augen zu führen.



Deutschland im heutigen Sinne gab es damals noch nicht. Berghausen war ein klitzekleiner Teil des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation – ein Flickenteppich aus mehr als 1.500 kleinen und großen Herrschaften. Städte gab es nur wenige, die meisten Menschen lebten auf dem Land – und das auch nicht sehr lang. Bei etwa 35 Jahren lag damals die durchschnittliche Lebenserwartung.
Das Weltbild war religiös geprägt; erst ein paar Jahre zuvor hatte Kopernikus die Theorie aufgestellt, dass die Erde sich um die Sonne dreht. Politisch war 1558 ein äußerst ereignisreiches Jahr: Ferdinand von Habsburg wurde zum deutschen Kaiser ernannt, und in England bestieg nach dem Tod der „Bloody Mary“ Elisabeth I. den Thron.
Berghausen war damals ein Teil des römischen Provinzgebietes Germania Superior und lag verkehrsgünstig an einer rechtsrheinischen Handelsstraße. Eine ideale Lage für ein Gasthaus, dachte sich wohl auch Hans Jakob Becker – und eröffnete das Gasthaus zum Laub.
Ein Haus, das Jahrhunderte überdauert
Dass sein Laub, sein Lebenswerk, nicht nur ihn, sondern Epochen, Generationen, ganze Jahrhunderte überdauern würde, das hätte sich Hans Jakob Becker wohl in seinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt. Und nicht nur das. Denn das eigentliche „Laub’sche Wunder“ ist die Familie Becker selbst.



Beim Schreiben dieses Satzes läuft mir ein Ehrfurchtschauer den Rücken hinab, denn das Laub ist seit seinem ersten Tag nicht nur im Besitz der Familie Becker, sondern auch unter deren Führung geblieben. Bitte lassen Sie sich diesen Umstand auf der Zunge zergehen: Seit 1558 stand immer ein Becker dem Laub vor – bis zum heutigen Tage, fast ein halbes Jahrtausend lang.
So wird das Gasthaus heute nach wie vor in der 18. Generation von der Familie gelenkt und geleitet – ein Beispiel an Beständigkeit und Loyalität, wie man es nirgendwo anders mehr findet.
Generation Nummer 18 – Silke und Klaus Jürgen Becker
Generation Nummer 18, namentlich repräsentiert durch Silke und Klaus Jürgen Becker, führt das Laub nun seit einem Vierteljahrhundert. Silke, die um die Jahrtausendwende in die traditionsreiche Familie eingeheiratet hat, ist genau wie ihr Mann tagtäglich im Betrieb des Gasthauses eingebunden.
Zwar gibt es montags einen Ruhetag, doch wie jeder Gastronom nur zu gut weiß, heißt Ruhetag nicht Ausruhen, sondern all die anderen Dinge zu erledigen, die unter der Woche liegen bleiben: Einkäufe, Buchhaltung, all so etwas.

Ich möchte von ihr wissen, ob es eigentlich Fluch oder Segen ist, als Wirtsleute ein so altes und traditionsreiches Haus zu betreiben. „Ein bisschen von beidem“, lacht Silke – und hat damit natürlich recht.
Einerseits genießen die Beckers einen Bekanntheitsgrad, nach dem sich Gastronomen vermutlich bundesweit neidisch umdrehen, andererseits birgt ein uraltes Haus wie das Laub natürlich reichlich Herausforderungen. Im Grunde darf nichts, aber auch gar nichts verändert werden – nicht nur durch behördliche Auflagen, sondern allein, weil es einem Sakrileg gleichkäme, an den seit Jahrhunderten gewachsenen Strukturen etwas zu verändern.
„Wir wollten mal einen neuen Boden einziehen“, erzählt Silke, „da haben alle entsetzt aufgeschrien – also haben wir es so gelassen.“

Und so knarzt und ächzt das alte Haus unter jedem der vielen Schritte und Tritte der Gäste, aber auch der Angestellten. Die alte Treppe in die kleine Stube oben mit dem Kachelofen – man kann sich gar nicht ausmalen, wie viele Schuhe schon auf ihr hinauf- und hinabgestiegen sind.
Was man aber mit Sicherheit sagen kann: Darunter waren auch durchaus ein paar prominente Treter. In einem Stiefelpaar steckten ein paar der berühmtesten, wenn auch kleinsten Füße der europäischen Geschichte. Niemand anderes als der französische Kaiser Napoleon Bonaparte ist schon hier im Laub eingekehrt. Sein hölzernes Konterfei ziert seither das Wirtshausschild an der blassgrünen Fassade.
Ein Gasthaus mit Legendenstatus
Doch auch abseits der Prominenz war das Laub in all den Jahrhunderten immer Dreh- und Angelpunkt für die Menschen – nicht nur aus Berghausen, sondern auch aus dem weiten Umkreis.

Die studentische Tradition hier im Wirtshaus genießt geradezu einen legendären Ruf. Noch heute finden sich Kommilitonen einstiger Jahrgänge hier ein, um sich gemeinsam an die schönen Stunden im Laub zu erinnern. Manchmal sind das richtig alte Herren, staunt auch Silke – manche reisen dafür sogar aus Übersee an.
Tradition verpflichtet – und doch bleibt Freiheit
Eine Sache brennt mir aber noch unter den Nägeln: ein Umstand, der sich in der Redewendung „Tradition verpflichtet“ kristallisiert. Wenn bereits 18 Generationen der Familie Becker das Laub geführt haben – haben dann die Söhne der Familie überhaupt eine echte Wahl?

Ist der Erwartungsdruck, der Historie des Gasthauses eine weitere Generation hinzuzufügen, ob nun formuliert oder durch die Umstände erzeugt, nicht viel zu übermächtig, um sich ihm als freier Mensch entgegenzustellen?
Es ist eine Frage, die sich Silke ohne jeden Zweifel schon häufig gestellt hat, daher kann sie sie klar beantworten: Sie und ihr Mann haben ihrem Sohn immer die Wahl gelassen, ihn nicht gedrängt, noch nicht einmal sanft in eine Richtung geschubst, sondern ihn darin bestärkt, den Weg zu gehen, der für ihn richtig erscheint.
Dennoch: Generation Nummer 19 ist bereits gesetzt. Auch der Nachwuchs hat sich bereits festgelegt und wird zu gegebener Zeit das Laub weiterführen.
Leidenschaft, Handwerk und Herzblut
Doch es scheint auch so, als ob den Beckers nicht nur das Laub selbst, sondern auch der Beruf der Wirtsleute im Blut liegt.
Bei unserer Einkehr gab es einfach nichts, das nicht gepasst hätte. Das Essen – klassische deutsche Küche – war hervorragend, inklusive der legendären „Laubschen Bratkartoffeln“.

Und was die Logistik angeht? Nun ja, „meisterhaft“ trifft es am besten. Eine große Gruppe mit über 40 Gästen bekam quasi zeitgleich den Hauptgang serviert – unterschiedlichste Gerichte à la carte, perfekt getimt und perfekt gekocht. Das habe ich sonst noch nie in dieser Form erlebt.
Wie Familie Becker das macht – mehr oder minder nonstop das Feuer im Laub am Lodern zu halten, während Klaus Jürgen gleichzeitig noch Landwirtschaft im Nebenerwerb betreibt – ist mir ein Rätsel, aber es verdient höchsten Respekt und Anerkennung.
Denn es ist ein Job, der Herzblut, Engagement und Einsatz fordert – und das nicht selten unter Aufgabe persönlicher Befindlichkeiten. Viel Freizeit bleibt nicht übrig. So alt das Laub auch sein mag, es fordert so viel Aufmerksamkeit wie ein Neugeborenes.
Zeit zu zweit ist daher für Silke und ihren Mann ein äußerst rares Gut. Doch die tiefenentspannte Wirtin nimmt es gelassen: „Ich hab’s nie bereut. Ich hab gewusst, der gehört da irgendwie rein“, sagt sie – und in ihren Worten liegt etwas, das größer ist als ein einzelnes Leben: das stille Versprechen, dass das Feuer im Laub weiterbrennt. Dann richtet sie sich auf, wischt sich die Hände an der Schürze ab und begrüßt die nächsten Gäste, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt – so wie ihre Vorgängerin, deren Vorgängerin und all die anderen in den letzten fast 500 Jahren.

Das Laub ist Legendär. Ich hatte schon einmal die Gelegenheit hier Essen zu können. Damals arbeitete ich bei einem Versandhaus in Pforzheim. Das heute nicht mehr existiert. Der zuständige Abteilungsleiter wählte damals das Lokal für ein gemeinsames Essen aus. Es ist schon ein paar Tage her.