Ein Krankenhaus in Bewegung
Seit über 120 Jahren wird an der Fürst-Stirum-Klinik Bruchsal im Grunde ständig gebaut. Gut so – denn nirgendwo verblasst „modern“ schneller zu „veraltet“ als in der Medizin.
von Stephan Gilliar
Ich habe in meinem Leben bisher alles erledigt, was man bis zur Lebensmitte – so will es der Gott des allmächtigen Klischees – erledigt haben sollte. Geheiratet, eine Familie gezeugt, einen Baum gepflanzt… Ja, ich weiß, es fehlt ein Haus gebaut, aber das habe ich bisher einfach nicht übers Herz gebracht. Ich habe Freunde und Familienmitglieder gesehen, die während der Bauphase ihres Eigenheims dem Wahnsinn bereitwillig auf die Schippe gesprungen sind: Unvorhergesehene Mängel an der Bausubstanz, Überraschungen im Boden, kryptische Behördenauflagen, insolvente Bauunternehmen, renitente Nachbarn… Stürzen kann man als Bauherr entlang der Strecke über vielerlei Stolpersteine – och nö, lass mal.
Klinikbau im Dauerbetrieb
Wie die Bauherren an der Fürst-Stirum-Klinik Bruchsal es schaffen, ein Gebäude nach dem anderen entweder zu sanieren, abzureißen oder komplett neu zu bauen, ohne sich dabei gleich einen Dauerplatz auf der psychiatrischen Station im Nachgang zu sichern, ist mir ein völliges Rätsel. Die Auflagen im Baurecht medizinischer Einrichtungen sind so hoffnungslos kompliziert und weitreichend, dass sich dagegen der Bau eines privaten Fertigbausatzes Marke „Erikas Waldesruh-Wohntraum“ wie ein Kinderspaziergang ausnimmt.

Brandschutz, Hygienebestimmungen, Fluchtwege, Versorgungsleitungen für Daten, Elektrizität, diverse Flüssigkeiten und Gase… Doch Projektleiter Christian Bodmer von der Regionalen Kliniken Holding RKH behält auch in diesem extrem komplexen Umfeld Ruhe und Nerven. Durch die tausend kleinen und großen Herausforderungen des Alltags auf der Baustelle hilft ihm sein herrlich trockener Humor: „Ich persönlich habe schon komplexe Gebäude für Automobilhersteller mitbetreut. Komplex, ja – aber deutlich weniger Stakeholder als hier“, zwinkert er und blättert auf dem iPad durch Baupläne oder Leitungsdiagramme, die für Außenstehende wie ein Gemälde von M. C. Escher aussehen.
Der neue D-Bau: Ein großer Wurf
Aktuell wird in Bruchsal am sogenannten D-Bau gearbeitet – einem niegelnagelneuen Gebäude, das, einmal fertiggestellt, unter anderem Platz für einen größeren und modernen zentralen Operationsbereich bieten soll. Der D-Bau ist dabei aber nur eine weitere XXL-Baumaßnahme, die sich in das jahrzehntelange Bemühen einreiht, den Klinikstandort in Bruchsal up to date zu halten.







Allein die Projekte der vergangenen Jahre lassen erahnen, welche Energien und Aufwendungen in die beständige Frischzellenkur fließen: Da wäre zum Beispiel die Inbetriebnahme der Zentralen Notaufnahme, die Erweiterung des C-Baus und die Inbetriebnahme der neuen Frauenklinik im G-Bau… in nicht einmal einem Jahrzehnt!
Buchstabensuppe mit Geschichte
Lassen Sie uns ganz kurz ein bisschen in der Buchstabensuppe rühren, die man – erstmals konfrontiert mit der Fürst-Stirum-Klinik – zuallererst auslöffeln muss. Das Krankenhaus, bestehend aus vielen Gebäuden aus unterschiedlichen Epochen, alle miteinander verbunden, ist ein eigener Mikrokosmos – und, sind wir ehrlich: ein gnadenloses Labyrinth. Ich war ungelogen schon hundert Mal hier und finde immer noch nicht spontan die Station oder das Zimmer, zu dem ich möchte. „Walk the line“ heißt es daher auch noch bei meinem 101. Besuch – folgen Sie einfach den bunten Linien auf dem Boden. Lang lebe die Linie.

Daher hier für alle zur Auffrischung eine kleine Buchstabenkunde – fast wie in der Sesamstraße:
A wie Anfang oder A-Bau
Das Gebäude kennen Sie alle – der historische Altbau aus dem Jahr 1906, der ein bisschen aussieht wie eine herrschaftliche Villa. Samt Kapelle, Türmchen und prachtvollem Marmor-Entrée.
B-Bau
Ihnen sicherlich ebenfalls geläufig: Hier befindet sich der zentrale Empfang, der Haupteingang, die Patientenaufnahme und die B1-Intensivstation
C-Bau
Vergleichsweise jung, in Betrieb zwischen 1999 und 2015. Beherbergt u. a. die Innere Medizin, die Chirurgie und die Urologie.
D-Bau
Na ja, über den reden wir ja gerade. Ursprünglich gebaut 1954, abgerissen 2021 – nachdem hier vermutlich mehrere hunderttausend Bruchsaler Mamas im Wochenbett lagen. Neubeginn vor drei Jahren, Abschluss voraussichtlich in zwei Jahren. Doch dazu gleich noch mehr.
E-Bau
Fertiggestellt im Jahr 1968 – also zu Zeiten von Sex, Love, Drugs and Rock ’n’ Roll, der APO und Che Guevara. Hier sind heute das medizinische Versorgungszentrum, Chirurgie, Anästhesie-Prämedikation und die kurzstationäre Aufnahme untergebracht. By the way: ein extrem in die Jahre gekommenes Gebäude, dessen Makeover als Nächstes ansteht.
F-Bau
Ein echter Dreh- und Angelpunkt der Klinik. Seit 1986 in Betrieb. Beinhaltet die Zentrale Notaufnahme, derzeit noch den OP-Bereich, die Zentralsteri , das interdisziplinäre ambulante Zentrum der Inneren und die Tagesklinik der psychosomatischen Medizin.
G-Bau
Quasi noch brandneu – erst vor sechs Jahren eingeweiht. Heimat der Zentralapotheke, des Kreißsaals, der Gynäkologie, Urologie sowie der psychosomatischen Medizin.
R-Bau
Jetzt machen wir einen großen Sprung im Alphabet – warum direkt zum R? Keinen blassen Schimmer! Der R-Bau wurde 2008 in Betrieb genommen und enthält Radiologie, Physiotherapie und Onkologische Praxis
W-Bau
Klar, nach R kommt W ;-) Dieses letzte Gebäude der Auflistung steht seit 1961 und beherbergt die Küche, den Wareneingang und die Haustechnik.
Die OP-Schublade
Zurück zum D-Bau, dem aktuellen Projekt: Von außen ist der markante Vorbau kaum zu übersehen. Bereits jetzt wird er liebevoll als „OP-Schublade“ bezeichnet. Warum der Bereich auf Stelzen steht? Ein kleiner Workaround, erklärt Projektleiter Christian Bodmer – denn bei dieser Bauweise darf man sich der Grundstücksgrenze etwas unkomplizierter nähern.

Im Inneren der Schublade befindet sich tatsächlich der neue OP-Bereich: größer, moderner, lichtdurchflutet – ein Ort, an dem nicht nur die Patienten profitieren, sondern auch das OP-Team endlich echtes Bruchsaler Sonnenlicht genießen darf.
Mehr als nur ein OP
Der neue D-Bau markiert einen bedeutenden Meilenstein in der Weiterentwicklung des Klinikstandorts. Neben dem hochmodernen Zentral-OP mit acht Operationssälen – darunter ein Hybrid-OP – bietet der Bau auch einen ambulanten OP-Bereich mit separatem Zugang, ideal für tageschirurgische Eingriffe.

Weitere Highlights: eine onkologische Tagesklinik, moderne Pflege- und Wahlleistungsstationen mit Einzel- und Zweibettzimmern, zentrale Technik-, Lager- und Bereitschaftsbereiche.
Psychologie trifft Architektur
Gestaltet wird der Neubau – wie schon der G-Bau – modern, freundlich und ansprechend. Lichtdurchflutete Räume, kurze Wege und ein nutzerorientiertes Konzept sollen für hohe Aufenthaltsqualität sorgen. Die Zeiten gekachelter Klinik-Korridore in Todes-Lindgrün mit flackerndem Neonlicht sind vorbei. Heute achtet man in der Architektur moderner Kliniken auch auf psychologische Aspekte.



„Es gibt sogar Untersuchungen, wie kleine alltägliche Geräusche – etwa das Aufreißen einer Spritzenpackung – das Stresslevel von Patienten beeinflussen“, erläutert Christian Bodmer. All diese Details wurden bei der Konzeption des neuen Baus berücksichtigt.
Geduld, Humor und viel Resilienz
Noch kann man sich kaum vorstellen, wie es einmal im neuen D-Bau aussehen soll – aber das ist nur eine Frage der Zeit. Schon nächsten Sommer soll der Bau fertig sein. Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg.
Wie auf jeder Baustelle gibt es auch hier Rückschläge. Beim Hochwasser im vergangenen Sommer etwa drückte die Kanalisation riesige Wassermengen durch die Revisionsschächte in den Klinik-Keller. Die Schadensbehebung dauerte Wochen.
Aber nun ja – c’est la vie, oder wie alle Bauherren wissen: „Geduld ist beim Bauen keine Tugend, sondern Überlebensstrategie.“ Oder auch: „Ein Bauprojekt ist wie eine Ehe: Man braucht Liebe, Vertrauen – und sehr viel Humor.“
Und wie geht’s weiter?
Klar ist: Auch diese Baustelle wird abgeschlossen – wenn alles gut geht, bereits 2026. Und dann? Ruhe im Karton? Von wegen!
In Bruchsal wird gebaut, bis der Arzt kommt – oder schon da ist. Nach D kommt E: Der alte E-Bau aus den Sechzigern wird einem modernen Nachfolger Platz machen.
Und für alle, die spätestens dann im Stirumschen Labyrinth den Überblick verlieren? Keine Sorge – derzeit tüftelt die RKH an einem modernen Indoor-Navigationssystem fürs Smartphone. Damit Sie genau dort landen, wo Sie hinwollen…
Die Zeiten ändern sich und die Gebäude auch. Im alten Bruchsaler Krankenhaus, damals noch ohne die anderen Krankenhäuser, wurde ich behandelt nach dem ich meinen rechten Arm gebrochen hatte. Im vergangenen Jahr wurde ich als Notfall hier aufgenommen. Die Station C1 würde ich nicht mehr finden. Im MVZ ist meine Hausärztin zu finden, bei der ich bestens versorgt bin.
Interessant, als nicht „Brudulaner“ wieder was gelernt 😊