Am finsteren Wasser

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Ein unheimlicher “Lost Place” – Ein gruseliger Abend am Heidelsheimer Schwallenbrunnen

Ein Expeditionsbericht von Philipp Martin

Man mag es vielleicht als esoterischen Blödsinn abtun, doch bin ich mir sicher, dass manche Orte über eine gewisse Aura verfügen. Jedem von uns haben sich doch schon einmal hier oder da die Nackenhaare aufgestellt, ohne dass es dafür eine vernünftige Erklärung gäbe. Die tiefen, dunklen Wasser des Heidelsheimer Schwallenbrunnens, haben bei mir das erste Mal seit langem wieder so ein Gefühl erzeugt, die Eindrücke bis in die folgende Nacht nachgewirkt.

Es ist totenstill hier an diesem späten Herbstsonntag, das Rauschen der eigentlich recht nahen Landstraße nur noch sporadisch wahrnehmbar. Das Wasser des alten Brunnens ist braun, trübe, mit Laub bedeckt und entzieht sich durchdringenden Blicken. Als ich das erste Mal vom Schwallenbrunnen in der Heidelsheimer Ortschronik las, bin ich von einem kleinen Tümpel ausgegangen, doch die Größe des uralten Wassers überrascht mich dann doch. Das komplett von Gestrüpp und Bäumen gesäumte Gebiet verbirgt einen langen und verästelte Wasserarm, der sich über mehrere hundert Meter in die Länge zieht. Das Herzstück des alten Quellbeckens mündet an eine steinerne Treppe, über die das Wasser nach starkem Regen in Kaskaden hinab stürzt. Von dort fließt es durch einen dunklen Tunnel unter den alten Bahngleisen hindurch, um schließlich in die/den Saalbach zu münden.

An diesem Tag liegen die Kaskaden jedoch trocken, ausbleibender Regen in den vergangenen Wochen hat die hin und wieder unruhigen Wasser des alten Brunnens gezähmt. Ich steige über die Stufen hinab und betrete den dunklen Tunnel. Obwohl er höchstens 30 Meter lang ist, ist es doch finster in seinem Inneren. Ich steige über altes Treibholz, jeder meiner Schritte halt an den grünen, veralgten Rotsandsteinen wieder. Über mir rattert ein Güterzug hinweg, das Dröhnen halt in der kleinen Passage grollend wieder. Ich passiere eine verwitterte und schiefe Hochwassermarke und erreiche das Ende des Tunnels. Ein paar Schritte durch tiefen Matsch, ein Hinwegsetzen über einen umgestürzten Baum und ich stehe auf einer kleinen Sandbank mitten im Saalbach – den klaffenden Schlund des Tunnels im Rücken. Der kleine Bach fließt hier tief in sein Bett eingegraben, die Uferböschungen zu beiden Seiten misst mindestens fünf Meter in der Höhe.

Dennoch ziehe ich Schuhe und Hose aus, wate durch das eiskalte Wasser und klettere an einem halbwegs passierbaren Wildwechsel das Ufer hinauf. Durch den Tunnel möchte ich nicht mehr hindurch, nicht mehr vorbei am grün-braunen Wasser des Brunnens… dieser Ort jagt mir eine Gänsehaut ein. Das geht offenbar nicht nur mir so, in der alten Ortschronik finden sich düstere Geschichten, die sich um den Brunnen ranken. Halbwegs plausibel scheint jene eines Selbstmordes einer jungen Frau zu sein, die sich hier in den 50er Jahren das Leben genommen haben soll… umstritten dagegen sind die Erzählungen von einem Fuhrmann, der mitsamt seinem Wagen und vier angespannten Pferden in den Brunnen gestürzt und dort ertrunken sei. Ins Reich der Fantasie gehören mit Sicherheit die Sagen von Nixen und Wassermännern, die dereinst des Nachts die Gegend unsicher gemacht haben sollen.

Mit einiger Sicherheit lässt sich aber die Geschichte des Schwallenbrunnens rekonstruieren – hierzu gibt es gleich mehrere Quellen, wenn das Wortspiel gestattet ist. Tatsächlich war der alte Brunnen einmal Teil des Saalbachs. Als um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Eisenbahnstrecke errichtet wurde, trennten die damaligen Ingenieure den Arm des Wasserlaufes ab, um so den aufwendigen Bau mehrere Brücken zu vermeiden. Statt aber trocken zu fallen, lieferte der Altarm der Saalbach weiterhin Wasser und das nicht zu knapp. Teilweise sollen mehrere hundert Liter Wasser pro Sekunde aus den Tiefen seiner Becken emporgestiegen und dort brodelnd und schwallend an die Oberfläche gedrungen sein. Dieser Erscheinung verdankt der Brunnen schlussendlich auch seinen Namen. Woher das Wasser stammte, wurde übrigens niemals geklärt.

Anfang der 90er Jahre trocknete der Brunnen plötzlich aus, auch hierfür wurden niemals Gründe und Ursachen ausfindig gemacht. Das verbleibende Wasser gibt weitere Rätsel auf. Ob es aus den letzten Zuckungen einer sterbenden Quelle entstammt oder nur angesammeltes Oberflächenwasser ist, kann heute niemand genau sagen. Wohl aber, dass es sich bei den Überresten des alten Brunnens um ein unermesslich wertvolles Naturschutzgebiet handelt. Seltene Tieren und Pflanzen haben hier ihre Heimat gefunden, gut geschützt durch die isolierte und unzugängliche Lage.

Dennoch enthält jeder Bericht, jeder Erzählung über den alten Schwallenbrunnen Worte wie “Unheimlich” oder “Mysteriös”. Eindrücke, die ich nach meiner Exkursion tatsächlich bestätigen kann. Es war schön ihn einmal gesehen zu haben, zurückkehren zum alten Schwallenbrunnen möchte ich aber nicht mehr.

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