Alles nur Theater

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Unser Hügelland hat gleich mehrere großartige Amateurtheater zu bieten, die es schaffen, mit ganz wenig ganz viel auf die Beine zu stellen.

von Stephan Gilliar

Theater… Theater… – was war das noch gleich? Ein Song von Katja Ebstein aus dem Jahr 1976, eine Art Offline-Streaming-Dienst? Echtzeit-Kino? In Wahrheit ist es eine – zumindest in der breiten Wahrnehmung – etwas aus der Mode gekommene Kunstform, deren Wurzeln schon Jahrhunderte vor Christi Geburt bis hinein ins alte Griechenland reichen. Schauspieler, die auf der Bühne eine Geschichte zum Leben erwecken, das ist etwas ganz Besonderes. Etwas, das Menschen in der Antike begeistert hat, etwas, das Menschen noch heute begeistert. Sollten Sie noch nie eine richtige Theateraufführung miterlebt haben, haben Sie ohne Zweifel etwas verpasst. Es ist das Unmittelbare, das Teilhaben an einer Geschichte, die sich nicht nur zweidimensional auf einem Bildschirm abspielt, sondern direkt vor Ihnen. Die Schauspieler agieren von Angesicht zu Angesicht, Sie spüren ihre Schritte auf der Bühne, können Mimik, Ausdruck und pure Emotionen aus unmittelbarer Nähe erleben.

Ja, das Theater weiß immer noch zu faszinieren – das Publikum gleichermaßen wie jene, die auf der Bühne einem Stück ihre Persönlichkeit verleihen und damit erst Leben einhauchen. Vergessen Sie all die Klischees, die sich rund um das Theater ranken, etwa den vermeintlichen Umstand, es wäre eine Kunstform, die nur der Upperclass vorbehalten wäre. Nein, das Theater war schon immer für alle da und wird es auch immer sein. Dafür sorgen auch die vielen tausend Amateurtheater, die sich nach wie vor überall im Lande finden und die chronischen Geld- und Platzmängel, fehlende Zeit und Zuspruch durch unfassbar viel Talent, Hingabe und Leidenschaft wettmachen. Denn wer Theater spielen möchte, der braucht reichlich Idealismus, braucht den Glauben an diese unsterbliche Kunstform. Sich in einem Theater zu engagieren bedeutet ein Stück weit, sich aufzuopfern, denn die Bretter, die die Welt bedeuten, fordern viel: mehrere Proben pro Woche, das Auswendiglernen von seitenweisen Texten, die Bereitschaft, Abend um Abend zu glänzen, immer alles zu geben.

Es ist ein Preis, den viele talentierte Amateur-Schauspielerinnen und -Schauspieler offenbar bereit sind zu bezahlen, denn selbst in unserer ländlichen Region finden sich erstaunlich viele Amateurtheater, deren großes Kapital die Menschen sind, die auf der Bühne stehen – und jene, die davor Platz nehmen. Auch für Sie, liebe Leserinnen, liebe Leser, ist hier immer ein Platz frei. Damit Sie wissen, wo Sie suchen müssen, unternehmen wir hier den Versuch, Ihnen eine Liste der Kraichgauer Theater zusammenzustellen.

In Bruchsal gibt es beispielsweise gleich zwei Theater, die wir Ihnen aus eigener und mehrfacher Erfahrung sehr ans Herz legen können. Da wäre zum einen das Exil-Theater am alten Güterbahnhof in Bruchsal. Seit bald 20 Jahren schaffen es rund 30 Theaterbegeisterte hier regelmäßig, neue Stücke zu erarbeiten und auf die Bühne zu bringen. Fast jedes Mal vor ausverkauftem Haus lassen sich hier Dramen, Klassiker, aber auch schwarzhumorige Komödien erleben, die einfach nur Spaß machen. Demnächst startet hier wieder eine solche: 1:22 vor dem Ende – die Begegnung eines Lebensmüden mit dem Tod höchstpersönlich, die ungeahnte Folgen haben wird.

Am anderen Ende der Stadt, in der Bruchsaler Silberhölle, findet sich die Koralle. Auch hier spielt der dahinterstehende Verein seit vielen, vielen Jahren erfolgreich und leidenschaftlich kleines, großes Theater. Im Sommer verlagert sich die Bühne aus dem Eggerten gar ans feudale Bruchsaler Belvedere, wo die Koralle eine großartige Open-Air-Reihe auf die Beine stellt. Doch bevor es hier im Juni mit Cyrano in Buffalo zur Sache geht, startet demnächst erst einmal die Theateradaption des dänisch-schwedischen Films Das Fest, die von einem 60. Geburtstag erzählt, in dessen Verlauf Stück für Stück enthüllte dunkle Familiengeheimnisse den festlichen Anlass ordentlich sprengen.

Mitten in der Brettener Altstadt, in einem alten Gewölbekeller an der Kirchgasse, gibt es seit bald einem halben Jahrhundert das gugg-e-mol-Kellertheater. Unermüdlich stellt der zugrunde liegende gemeinnützige Verein ein Stück nach dem anderen auf die Beine und die Bühne. Das Repertoire ist dabei breit aufgestellt und bunt wie das gugg-e-mol selbst: Soloshows, Workshops, Mitmach-Theater, Stücke für Kinder, aber auch ein großformatiges kulturelles Angebot für erwachsene Theaterliebhaber. Demnächst wird das Ensemble sogar eine Adaption von Oscar Wilde zum Besten geben: The Importance of Being Earnest – zwei befreundete Lebemänner verstricken sich in ein herrlich absurdes Doppelleben voller Schwindeleien, nur um am Ende festzustellen, dass die Wahrheit viel amüsanter ist als jede Erfindung.

Ebenfalls sehr ans Herz legen möchten wir Ihnen Die Würfel aus Sinsheim, eine Institution in der Kraichgau-Metropole schon seit rund 60 Jahren. Das Ensemble orientiert sich in seiner Zusammensetzung am eigenen Namen: bunt zusammengewürfelt, aus allen Ecken und Enden der Sinsheimer Gesellschaft und aus jeder Altersgruppe. Gemeinsam stimmt das bunte Team noch so ambitionierte Produktionen ab, sorgt für einen reibungslosen Ablauf auf der Bühne und davor. Zu tun gibt es genug: Bühnenbau, Beleuchtung, Tontechnik, Kostüme, Regie, Maske und eben all die anderen 1.000 Aufgaben, ohne die ein Theater nicht funktioniert. Wenn Sie Lust haben, auf einem der knapp 100 Sitzplätze am Sinsheimer Kirchplatz Platz zu nehmen, kommt hier Ihre nächste Chance: Ab Mai steht der ehemalige Schwergewichtsboxer Stefan Schöttler mit seiner Stand-up-Nummer Arsch voll Glück auf der Sinsheimer Bühne.

Seit 1963 gibt es im alten Dielheimer Bahnhof das Theater im Bahnhof. Das sind über 60 Jahre ambitioniertes Amateurtheater, das vor keinem Genre Halt macht. In Dielheim beherrscht man das klassische Drama ebenso wie die zotige Komödie und natürlich alles dazwischen. Von Charlys Tante über Die Physiker bis hin zu Ronja Räubertochter – im Bahnhof kommt das Publikum jedes Mal auf seine Kosten. Übrigens preisgekrönt: Erst im letzten Jahr gab es den 2. Platz beim Landesamateurtheaterpreis für die Dielheimer Variante von Ein Sommernachtstraum.

Und was gibt es sonst noch? Jede Menge, zu viel, um hier alles haarklein aufzuführen. Aber behalten Sie unbedingt im Hinterkopf: die Sinsheimer Theaterkiste, das Eppinger Figurentheater, die Theatergruppe Nach Feierabend aus Östringen, Die Maske aus Wiesloch oder die Parole aus Waghäusel.

Damit diese ganzen wunderbaren Theater, die engagierten Schauspielerinnen und Schauspieler, die Regisseure und die unendlich vielen Helfer hinter den Kulissen auch in Zukunft das kulturelle Rückgrat unserer Region sein können, braucht es vor allem eines: Sie! Das werte Publikum. Entdecken Sie das Theater neu, oder entdecken Sie es wieder. Lassen Sie sich für ein paar Akte in großartige Geschichten entführen, die – da sind wir uns sicher – Sie begeistern werden.


1 Kommentar zu „Alles nur Theater“

  1. Und es gibt die Landesbühne in Bruchsal.
    Die kämpfen auch !
    Ohne ihre engagierten MitarbeiterInnen und SchauspielerInnen gäbe es diese nicht mehr!!!

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