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Das Atomkraftwerk Philippsburg

Der letzte Countdown für das Atomkraftwerk Philippsburg läuft

Plötzlich ging alles ganz schnell. Nur sechs Tage nachdem ein verheerender Tsunami in Japan zur Katastrophe im japanischen Fukushima Daiichi führte, wurde Reaktor Nummer 1 im badischen Atomkraftwerk Philippsburg wegens des eilends verhängten Moratoriums zum Atomausstieg des Bundeskabinetts Merkel II schließlich am Morgen des 17. März 2011 heruntergefahren. Nun, acht Jahre später, wird Punkt 19 Uhr am Silvesterabend auch sein Zwilling Reaktor Nummer 2 folgen. Der Countdown läuft:



Erstmalig nach über 40 Jahren wird dann das Kernkraftwerk Philippsburg keinen Strom mehr produzieren.

Zeit für einen kurzen Blick zurück: 1969 wurde der Bauantrag für das Kraftwerk eingereicht, Reaktorblock Nummer eins ging dann zehn Jahre später im Herbst 1979 erstmals ans Netz. Während es sich bei Reaktor Nummer 1 um einen Siedewasserreaktor handelt, wurde der 1984 hochgefahrene, zweite Block als Druckreaktor konzipiert. Zusammen erzeugten die beiden Anlagen einen netto Output von rund 2300 Megawatt.

Auch wenn vieles über die Jahre in Vergessenheit geraten sein mag, lief doch während der Betriebsjahre des Atomkraftwerkes Philippsburg nicht immer alles rund. 2001 ließ der damalige Bundesumweltminister Jürgen Trittin das Kraftwerk für zwei Monate herunterfahren, nachdem die Auswertung der sogenannten meldepflichtigen Ereignisse einige Fragen aufgeworfen hatte. Weil im Juni 2001 eine zu geringe Borsäurekonzentration in den Flutbehältern und einen Monat später zu niedrige Füllstände in den Not- und Nachkühlsysteme festgestellt wurden, wurde sogar die Internationale Atomenergie-Organisation hinzugezogen. Nach entsprechenden Konsequenzen und Nachbesserungen, konnte das Kraftwerk einige Wochen später wieder hochgefahren werden.

In wenigen Tagen geht die bewegte Geschichte des Atomkraftwerkes Philippsburg nun in ihren letzten Akt. Im Zuge des von der Bundespolitik beschlossenen Atomausstieges werden bis 2022 alle Kernkraftwerke in Deutschland abgeschaltet, an Silvester ist nun auch für Philippsburg Schicht im Schacht.

Das Problem: Man kann ein Kernkraftwerk nicht einfach mal eben abschalten, den Schlüssel im Schloss umdrehen und sich neuen Dingen zuwenden. Fast 400.000 Tonnen Abbruch müssen in Philippsburg verarbeitet werden, darunter auch brisantes und hoch radioaktives Material. Selbst nach dem Umlegen des Schalters werden die Brennstäbe noch für Jahre Abwärme produzieren und müssen bis zur Unterschreitung einer gewissen Temperatur in Abklingbecken gelagert werden. Erst dann sind Sie für den Transport in Castoren geeignet. Auch wenn die Wärmeproduktion der Brennstäbe nach dem Abschalt-Prozess rasch und beständig sinkt, kann bei einem Ausfall der Wasserkühlung immer noch Gefahr von ihnen ausgehen. Ein besonnener Umgang mit diesem brisanten Material ist also weiterhin geboten. Übrigens, die Frage was mit den mehreren 10.000 Tonnen radioaktiven Abfällen aus deutschen Kraftwerken geschehen soll, klafft nach wie vor sperrangelweit offen. Nachdem Gorleben keine Dauerlösung ist, läuft weiterhin die intensive Suche nach einem möglichen Endlager innerhalb der Grenzen der Bundesrepublik. Eine schnelle Lösung scheint hier nicht in Sicht.

Wenn an Silvester das Kernkraftwerk Philippsburg vom Netz geht, muss übrigens niemand damit rechnen dass bei ihm zu Hause das Licht ausgeht. Wie die baden-württembergische Landesregierung mitteilt, sei die Versorgungssicherheit im Land zu jedem Zeitpunkt gewährleistet. Die bittere Pille und die vorübergehende Kehrseite dieser Medaille: Um besagte Versorgungssicherheit zu gewährleisten, muss in der nächsten Zeit vermehrt auf Stromimporte aus ausländischen Kohle und Atomkraftwerken zurückgegriffen werden.

Unterschiedlich fallen die Reaktionen aus der Politik aus. Erwartungsgemäß begrüßen die Grünen den Shutdown von Philippsburg. Danyal Bayaz, Bundestagsabgeordneter Bündnis 90 / Die Grünen: „Dass Philippsburg zum 31.12.2019 vom Netz geht, ist angesichts der hohen Gefahren von Atomkraft wie wir es in Fukushima gesehen haben eine gute Nachricht. Dies ist auch ein Verdienst vieler Menschen aus der Zivilgesellschaft, die sich über viele Jahre für ein Ende der Atomenergie eingesetzt haben. Jetzt gilt es umso mehr, dass wir weiter konsequent den Ausbau der Erneuerbaren Energie auch vor Ort vorantreiben. Ein sicheres Übertragungsnetz ist aber mindestens genauso wichtig, denn schon heute produzieren wir im Norden Deutschlands mehr Energie als dort verbraucht wird – aus sicheren Stromquellen, die auch nachhaltig und kostengünstig sind. Wenn wir so die ökologische Modernisierung unseres Industriestandortes vorantreiben, wird das auch Arbeitsplätze sichern und uns wettbewerbsfähig halten. Atomkraft wird dazu keinen Beitrag leisten, sondern nur neue Probleme für viele Jahre bei der Endlagerung schaffen.“

Der Bundestagsabgeordnete Christian Jung von der FDP äußert sich hingegen deutlich kritischer, besonders hinsichtlich des notwendigen Imports von Kernenergie aus den Nachbarländern: "Es war immer unklug, gleichzeitig in Deutschland aus der Kernenergie und der Kohlekraft auszusteigen. Wenn nun der Block 2 des Kernkraftwerks Philippsburg zum Jahresende 2019 für immer abgeschaltet wird, ist Baden-Württemberg in den kommenden Jahren massiv auf Kernkraft aus Frankreich und Strom aus polnischen Kohlekraftwerken bei der Versorgungssicherheit angewiesen. Das hat jüngst eine Studie im Auftrag der grün-schwarzen Landesregierung herausgestellt. So habe ich mir die sogenannte ,Energiewende' nicht vorgestellt."

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