Mit dem Herzenswunsch-Krankenwagen der Malteser begleiten Christina und Kirsten todkranke Menschen auf ihren letzten Ausflügen und nicht selten auf ihren letzten Metern.
Emsiges Treiben in der alten Feuerwache mitten in Bruchsal. Die Feuerwehr ist zwar schon lange in ihr neues Eigenheim in der Bahnstadt umgezogen, doch das alte Haus erfüllt noch immer große Aufgaben. Seit einiger Zeit sind hier die Malteser zuhause, tragen von hier aus ihren Teil zur Notfallversorgung der Stadt und des Umlandes bei. Immer wieder öffnen sich die in die Jahre gekommenen Rolltore quietschend, und ein Krankenwagen fährt hinaus zum nächsten Einsatz oder kommt von einem solchen zurück. Rettungsdienst, Sanitätsdienst, die Schnelleinsatzgruppe… hier in der Friedrichstraße 78 konvergiert alles in strahlendem Weiß, Signalrot und Blaulicht. Rund um die Uhr ist das alte Haus besetzt, die Retterinnen und Retter, die hier Dienst schieben, nur einen Anruf von der integrierten Leitstelle oder der Feuerwehr entfernt.
Neben den hauptamtlichen Sanitätern und Einsatzkräften gibt es bei den Maltesern aber noch ein riesiges Heer an ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern. Zwei davon sind Christina und Kirsten – zwei Kolleginnen und Freundinnen, die Schicksal und Auftrag fest miteinander verschweißt haben. Christina, die immer fröhliche und optimistische Wirtschaftsprüferin, und Kirsten, deren ruhige, geerdete und stoische Gutmütigkeit quasi der herzliche Wesenskern gestandener Krankenschwestern ist.

Beide Frauen sind Teil der Besatzung des Herzenswunsch-Krankenwagens, eines Fahrzeugs, dessen Aufgabe und Bestimmung von denen der vielen anderen in der großen Halle in der Friedrichstraße deutlich abweicht. Wenn dieser Krankenwagen ausrückt, transportiert er keine Schwerverletzten in das nächste Krankenhaus, sondern Menschen auf ihrer letzten großen Fahrt, die noch einmal etwas oder jemanden sehen möchten, um sich einen letzten Wunsch zu erfüllen oder um lose Fäden am Ende ihres Lebens zu verknüpfen.
Es ist ein Fahrzeug, das Tränen, Freude, Träume und letzte Sehnsüchte transportiert, gesteuert von zwei taffen und unerschütterlichen Frauen, die damit schon tausende Kilometer zurückgelegt haben – von der Nordsee bis zum Balkangebirge.
Doch oft geht es überhaupt nicht um eine letzte spektakuläre Reise, um einen bis zuletzt aufgeschobenen Superlativ, weiß Christina, die sich als gebürtige Bruchsalerin schon seit ihrer Jugend bei den Maltesern engagiert. Nicht selten ordnet der nahende Tod die eigenen Prioritäten ganz neu, rückt ins Licht, was zum Schluss wirklich wichtig ist. „Es gibt eben auch Menschen, die einfach alt sind, die vielleicht nochmal gern irgendwas machen würden, aber im Pflegeheim im Rollstuhl sitzen, vielleicht noch eine Beatmung haben – die würden vielleicht nochmal gern heim“, erzählt Christina und berichtet von der letzten Reise eines älteren Patienten, der noch einmal in jenes Haus wollte, in dem er gelebt hat. Sie erinnert sich, wie er liebevoll im Garten stand, die Hand über das Grün gleiten ließ. Es sind Begebenheiten, die einem beim Zuhören die Tränen in die Augen schießen lassen – sie als ‚einfach nur traurig‘ zu bezeichnen, würde jedoch zu kurz greifen. Denn anders als wir, die wir diesen Text lesen, die sich wohl noch niemals mit dem eigenen Tod beschäftigen mussten, ihn vielmehr – was einfach nur menschlich ist – geflissentlich ignorieren und von uns weisen, haben die Menschen, die von Christina und Kirsten begleitet werden, ihr eigenes Ende schon lange vor Augen, es vielleicht schon anzunehmen gelernt. Dann ist ein solcher Moment, ein solches letztes Mal, vielleicht auch von Dankbarkeit und Glück begleitet.



Schlimmer jedoch als die süße Bitterkeit und auch die Schwermut, die mit einem solchen letzten Erlebnis einhergehen können – da sind sich Christina und Kirsten sicher –, ist die erschütternde Traurigkeit, wenn es gar nicht mehr zustande kommt. „Es heißt letzter Wunsch, aber das ist eigentlich eine Gratwanderung“, weiß Christina. „Wenn die Menschen merken, jetzt geht es wirklich dem Ende entgegen, wird es oft echt eng. Oft können wir eine Fahrt gar nicht mehr durchführen, weil es dem Patienten zu schlecht geht.“
Das passiert häufiger, als es nötig wäre; manchmal reichen das verbleibende Leben, die verbleibende Kraft für eine solche Fahrt nicht aus. Das Schlimmste daran: Nicht selten wäre das vermeidbar. „Viele kommen leider zu spät. Sie könnten es auch noch viel besser genießen, wenn es ihnen nicht ganz so schlecht geht – also wartet nicht bis ganz zum Schluss“, appelliert Kirsten eindringlich.
Nur einmal noch das Meer sehen…, eine letzte Reise durch die Heimat, ein Konzertbesuch… Die letzten Wünsche können vielfältig sein, und die Malteser bemühen sich nach Kräften, sie alle zu ermöglichen, sie alle zu erfüllen. Christina und Kirsten haben so einen viel zu jungen Mann auf ein letztes Rockkonzert nach Mannheim begleitet, mit ihm im Rollstuhl vor der Bühne gestanden, ihn lächeln gesehen. Sie haben einen todkranken Mann samt Übernachtung bei den Maltesern in Wien bis zu seinem Elternhaus in den Süden begleitet, waren dabei, als seine Familie ihn dort ein letztes Mal gefeiert hat; aber sie mussten auch miterleben, wie eine ähnliche Reise für eine junge Frau am Ende scheiterte.




Es ist ein Auf und ein Ab – die letzten Wochen und Tage im Leben eines Menschen verlaufen eben nicht immer geradlinig, sind vielmehr eine Berg- und Talfahrt, die man letztlich nur mit dem Wunsch antreten kann, sie möge doch auf einem Berg zu Ende gehen. Doch fast immer ist eine solche Fahrt von großen Emotionen begleitet – Gefühle, die auch die beiden Helferinnen nicht kalt lassen, egal wie viel sie schon gesehen und erlebt haben. „Wenn wir uns verabschieden und es war ein herzliches Verhältnis, dann weinen wir beide. Das ist mir auch schon passiert – und das passiert nach all den Jahren noch“, erzählt Kirsten, und Christina berichtet von einer jungen Frau, die am Ende durch ihre Krankheit derart gezeichnet war, dass sie nur noch den Kopf und einen Finger bewegen konnte – dabei dennoch vor Energie und Leben nur so gestrotzt hat.
Mit ihr sind die beiden Frauen noch ein letztes Mal in ihr Elternhaus gefahren, irgendwo mitten auf dem Land, abseits der großen Städte. Noch einmal wollte sie ihren Vater treffen, der selbst durch Alter und Krankheit nicht mehr das Haus verlassen konnte. Nach einer turbulenten Fahrt über unbefestigte Straßen kamen die drei dort an, wurden von der ganzen Familie begrüßt und bewirtet. Es war ein schöner Nachmittag voller Gespräche, voller Gefühle, voller Leben, voller Anteilnahme. Für die junge Frau, damals genau im gleichen Alter wie Christina, war diese Begegnung, diese letzte Zusammenkunft – um sich noch einmal zu sehen, zu reden, sich zu berühren, um Dinge zu einem Abschluss zu bringen – wichtig und richtig, erzählt Kirsten und berichtet von Fahrten, die klein beginnen und groß enden: „…wenn man dann dort ist, ist das eine ganz andere Stimmung. Sie freuen sich richtig, und wenn man dann wieder heimfährt, sind sie richtig erleichtert.“

Es sind genau diese Momente, die den beiden großherzigen Frauen zeigen, dass das, was sie hier ehrenamtlich, in ihrer freien Zeit, immer und immer wieder tun, wichtig ist, dass es bedeutsam ist, dass es ein letztes, unermesslich wichtiges Puzzleteil im Leben eines Menschen darstellt. Anders als bei ihren Kolleginnen und Kollegen im Rettungsdienst ist das Ziel der Fahrgäste in Kirstens und Christines Herzenswunsch-Krankenwagen keine Heilung, dafür aber ein bisschen Frieden auf ihren letzten Metern. „Wir können vielleicht niemanden retten – aber wir haben die Person nochmal glücklich gemacht“, weiß Christina. „…und irgendwo bringt es auch für unser Leben etwas, weil man sieht: Ups, es kann auch ganz anders sein… Man sieht auf einmal, was am Schluss wirklich wichtig ist.“
Danke, daß Hügelhelden dieses Projekt vorgestellt hat ! Das ist meine ehrliche Meinung, denn viel zu wenig wird auf solche wichtigen Einrichrungen hin gewiesen.