„Ich halte wenig hinterm Berg“

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Felix Geider will es noch einmal wissen und bewirbt sich bei den Menschen aus Östringen, Odenheim, Eichelberg und Tiefenbach ein drittes Mal um das höchste Amt der Stadt.

Noch einen letzten Bissen vom Kokos-Hühnchen, dann lehnt sich Bürgermeister Felix Geider entspannt auf seinem Küchenstuhl zurück, faltet die Hände zufrieden über dem Bauch. Es sind die letzten entspannten Momente dieser Mittagspause, die er mit mir in seinem Haus, nur einen Steinwurf vom Rathaus entfernt, verbringt. Arbeit liegt heute noch reichlich vor ihm, Arbeit und eine Ankündigung, die für alle, die ihn kennen, weder überraschend noch unerwartet kommt. „Ich möchte noch einmal kandidieren“, sagt er und tippt mit dem Finger auf den dicken, aufgeschlagenen Aktenordner, auf dessen oberster Seite besonders der Tagesordnungspunkt „Bürgermeisterwahlen 2027“ ins Auge springt. Ein Tagesordnungspunkt, der am Abend vermutlich recht schnell abgehandelt sein dürfte, denn sobald Felix Geider seinen Hut offiziell in den Ring wirft, hat er mit dem Procedere rund um die Wahlen instantan nichts mehr am Hut. Gleichzeitig Wahlleiter und Kandidat, das geht natürlich nicht.

Die ultimative Liebeserklärung an Östringen

Dass Felix Geider noch einmal antritt, ist dabei nur konsequent und im Grunde die ultimative und endgültige Liebeserklärung an seine Stadt, sein Östringen. Hätte es ihn noch einmal eine Stufe höher auf der Karriereleiter gezogen, dann wäre jetzt der richtige Moment gewesen, um den Fuß auf die nächste Sprosse zu setzen. „Angebote und Möglichkeiten gab es durchaus“, erzählt er, doch für ihn war immer klar: Östringen oder gar nichts, bzw. Eschdringe und sunscht nix. Ob er einen Plan B hat, falls die Sache schiefgeht, möchte ich von ihm wissen – die Antwort kommt prompt: „Nein, überhaupt keinen“, lacht er und haut fröhlich die Hand auf die dicke Tischplatte. „Ich habe da relativ viele Türen einfach auch dauerhaft zugeschlagen, muss ich dazu sagen. Also gerade das Thema Politik Berlin-Stuttgart, das wird für mich in der Zukunft nicht in Frage kommen.“

Woran das liegt? Nun, wer Felix Geider kennt, weiß sofort warum. Sein Amt füllt der Mittvierziger mit – nennen wir es – reichlich Leidenschaft aus. Er ist kein Leisetreter, kein Mann der sanften Töne, sondern ein beherzter Polterer und eine Lokomotive unter Dampf, wenn er für etwas brennt, wenn er an eine Sache glaubt und dafür einsteht. Das ist die Art und Weise, wie er in Östringen Politik macht, und es ist die Art und Weise, warum ihn die Menschen aus der Stadt offenkundig schätzen und ihm bereits zweimal ihr Vertrauen ausgesprochen haben, 2011 und 2019. Bei der letzten Wahl fand sich noch nicht einmal ein Gegenkandidat, ein Umstand, den man durchaus auch als Ritterschlag begreifen darf.

Felix Geider ist sich des eigenen ungestümen Phänotyps und dessen markanter Attribute durchaus bewusst, glaubt nicht daran, mit seinem Temperament eine geeignete Besetzung als Oberbürgermeister einer Großstadt zu sein. Ob das nun ein Fluch oder Segen ist, möchte ich wissen? „Beides gleichzeitig“, sagt er und lässt den Blick an mir vorbei in seinen herbstlichen Garten schweifen. „Ich weiß nicht, ob da Typen wie ich wirklich gefragt sind… Ich bin einfach ein ziemlich direkter Typ… Ich halte wenig hinterm Berg.“

Pragmatisch, entschlussfreudig, unkonventionell

Typen wie er, die finden sich tatsächlich eher selten, vor allem im Chefsessel eines Rathauses. Und dennoch sitzt er hier, und das seit 15 Jahren – obwohl er in der Vergangenheit auch durchaus schon über die Stränge geschlagen hat. Wenn ihm etwas wichtig ist, dann tritt er dafür ein, dann kann er diskutieren, erörtern, aber nicht, bis irgendetwas zur Gänze todgeredet ist, sondern genau bis an den Punkt, an dem seiner Meinung nach einfach aktives Handeln nötig wird. Und hier kann es dann manchmal haarig werden…

Als Beispiel erzählt er mir frei heraus eine Geschichte, die andere vermutlich eher diskret unter Verschluss gehalten hätten, aber es ist gleichzeitig eine Anekdote, die man einfach gehört haben muss, um zu verstehen, wie Felix Geider tickt: Pragmatisch, ungestüm, entschlussfreudig und notfalls auch bereit, bestehende Grenzen zu dehnen, wenn es der Sache dient. Als vor ein paar Jahren eine wichtige kommunale Infrastrukturmaßnahme im Bereich der Kläranlage an starren Vorschriften und drohendem, jahrelangem Behördenstillstand zu scheitern drohte, griff der Bürgermeister eigenhändig ein. Trotz interner Warnungen vor rechtlichen Konsequenzen schuf er kurzerhand Platz, ließ ein paar im Weg stehenden Eschen entfernen und ging mit der Aktion im Anschluss sogar proaktiv in die Selbstanzeige.

Es ist die Geschichte einer Verfehlung, einer bewusst begangenen, aber dennoch einer Verfehlung. Aber es ist auch eine Geschichte, die zeigt, wie weit Felix Geiders Gestaltungsanspruch geht und dass er Verantwortung lieber selbst trägt, als sie im bürokratischen Dschungel versanden zu lassen. Dass man ein solches Vorgehen ablehnen oder zumindest extrem kontrovers diskutieren kann, ist Felix Geider klar, doch er steht zu seinen Entscheidungen, und das immer, wie er sagt: „Solange ich morgens in den Spiegel gucken kann bei solchen Aktionen und sagen kann, ich habe es zum Wohl meiner Bevölkerung, meines Ortes, meines Stadtteils getan, solange ist alles gut.“ Übergriffig oder eine gesunde Portion Chuzpe? Vermutlich eine Frage des Standpunkts.

Klarer Fokus: Gestalten statt verwalten

Felix Geider will gestalten, will sein Östringen voranbringen. Was ihn wild macht, was ihn aufregt, ist, wenn ihm dabei die Hände gebunden sind. Die hohen Pflichtabgaben, die Östringen (wie alle anderen Kommunen) nach Bundes- und Landesgesetzen leisten muss, lassen kaum noch Spielräume für die Gestaltung der Stadt, das prangert er vehement an. „Es kann doch nicht sein, dass kommunale Selbstverwaltung sich nur noch auf 5 Prozent des Haushaltsvolumens beschränkt“, sagt er, und sofort steht ihm wieder dieser wilde Trotz in den Augen, der schon fast so etwas wie sein Markenzeichen ist.

Dort, wo andere Kommunen die freiwilligen Leistungen aus Kostengründen immer weiter zurückfahren, will er sogar investieren. Beide Freibäder, sowohl das in Odenheim als auch das in Östringen, sollen saniert werden, und auch in die Schulen – Felix Geiders ganzer Stolz – wird weiterhin investiert. „Östringen ist Schulstadt, Östringen muss Schulstadt bleiben. Das ist eines unserer großen Markenzeichen.“

Östringen kann sich dabei auf ein vergleichsweise starkes wirtschaftliches Rückgrat stützen. Der erfolgreich wiederbelebte Industriepark auf dem ehemaligen Gelände des Nylonwerks, die großflächige Ansiedlung von Netze BW, der Versandriese Bader – sie alle tragen dazu bei, dass die Stadt trotz immenser Belastungen handlungsfähig bleibt.

Pläne für die Zukunft

Sollte Felix Geider 2027 ein drittes Mal gewählt werden, will er Östringen, Odenheim, Tiefenbach und Eichelberg weiter voranbringen. Es gilt beispielsweise, eine echte Östringer Mitte rund um den Kirchberg voranzubringen, das generationengerechte Wohnen in der Kernstadt und den Stadtteilen auszubauen und natürlich weiter in die Schulandschaft zu investieren, beispielsweise mit einer Sanierung des Östringer Schulzentrums und dem Bau einer Mensa.

Eine klare Ansage trifft Felix Geider auch bei den Schulen in den kleineren Stadtteilen, beispielsweise in Tiefenbach. Auch wenn durch geringe Schülerzahlen der Schulbetrieb eine echte Herausforderung ist, steht Felix Geider zu seinem Bekenntnis, diese Einrichtungen zu halten, komme was wolle: „Dieser Spruch, der damals in unserer Jugend gegolten hat: Kurze Beine, kurze Wege – das sollte auch gelten in unserer Zeit heute.“

Weiterhin möchte sich der Bürgermeister dafür einsetzen, dass trotz des Wegbruchs der Deutschen Glasfaser auch die Stadtteile eine Zukunftsperspektive für den schnellen Internetzugang erhalten. Leicht wird das nicht, attraktiv sei der Ausbau der Dörfer für kaum einen Anbieter, doch laut Geider laufen bereits Gespräche, um hier einen neuen Player an Bord zu holen.

Wenig Hoffnung für eine schnelle Lösung sieht er allerdings für die immense Verkehrsbelastung, die besonders die mitten durch die Kernstadt verlaufende Bundesstraße mit sich bringt. Zwar sei eine Umgehungsstraße schon seit Jahren in Planung, doch das Regierungspräsidium komme kaum mit der Umsetzung anderer Projekte voran, die weit vor Östringen in der Warteschlange liegen, so Felix Geider. Seine Wunschvorstellung wäre ein Tunnel, der komplett der Länge nach unter Östringen hindurchführt, aber das bleibt wohl ein Traum, sagt er und zwinkert.

Das Wichtigste zum Schluss: Das Miteinander

Was ihm besonders in Östringen am Herzen liegt, möchte ich zum Schluss von ihm wissen, und auch hier muss Felix Geider nicht lange über eine Antwort nachdenken. „Das Miteinander“, sagt er und meint damit die lebendige und vitale Vereinsstruktur, die sich wie ein rotes Band durch die Kernstadt und die Ortsteile zieht. Hier will er weiter fördern, weiter unterstützen, das zur Verfügung stellen, was eben nötig ist. Hier zu sparen kommt für ihn nie und nimmer infrage, und diese Feststellung lässt seine hellen Augen ein um das andere Mal eisern aufblitzen. „Dann verliert jeder Ort alles Liebenswerte und Lebenswerte, wofür er steht“, sagt er und stellt fest: „ Nicht mit mir!“

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