Was zieht einen am Montag – unter der Woche, zwischen Arbeit und Alltag – auf ein Straßenfest? Da hilft nur Nachfragen. Also ab ins Getümmel nach Hambrücken.
Als ich in meinen ersten Hügelhelden-Jahren die Vorankündigungen für Straßenfeste per E-Mail erhalten habe, bin ich irgendwie immer von einem Fehler ausgegangen. Samstag bis Montag? Ihr meint doch sicher Freitag bis Sonntag? Wer will denn am Montag noch auf ein Straßenfest, wenn die Arbeitswoche längst begonnen hat, wenn der Alltag wieder auf Volldampf läuft und spätestens am nächsten Morgen wieder Maloche ansteht?
Tja, was soll ich sagen: Da musste ich mich gleich mehrfach eines Besseren belehren lassen. Montags wird im Kraichgau sehr regelmäßig und an allen Ecken und Enden einfach weitergefeiert. Als ich irgendwann einmal zufällig an einem Montagabend durch das „Alte Rathaus Straßenfest“ in Karlsdorf-Neuthard gestolpert bin, musste ich mir ungläubig die Augen reiben. Sprichwörtlich das ganze Dorf war auf den Beinen. Einbrecher hätten an diesem Abend den Fischzug ihres Lebens machen können – es war ja eh niemand zu Hause.
Warum ausgerechnet montags?
Verstanden habe ich das Ganze aber nie. Denn nach meiner Weltsicht gehört zum gepflegten Eskalieren auf einer Party doch auch ein bisschen Luft und Raum, um die schlimmsten Begleiterscheinungen am Tag darauf auskurieren zu können. Samstagabend – das wäre für mich der richtige Zeitpunkt, um es krachen zu lassen. Sonntag meinetwegen mit den Großeltern oder den Kids noch mal tagsüber, aber montags?
Das musste ich klären und machte mich am Montag nach Feierabend nach Hambrücken auf, wo jedes Jahr mit viel Pomp und Gloria, Aufwand, Ehrgeiz und Hingabe das traditionelle Straßenfest gefeiert wird.

Wie lange ich schon nicht mehr da war, bemerkte ich gleich bei meiner Ankunft, als ich ganz offenbar an der falschen Stelle nach der Partymeile suchte. Wie so oft durch Anwohner „angeregt“, die der Meinung waren, dass auch in der Ortsmitte stetig und zu jeder Uhrzeit absolute Ruhe herrschen müsse, wurde das Fest noch vor Corona aus der Ortsmitte im Schatten der großen Kirche St. Remigius etwas weiter auswärts verlegt – an die Peripherie rund um die Sportplätze an der Lußhardthalle. Technisch gesehen ist es damit eigentlich kein lupenreines Straßenfest mehr, aber lassen wir die Korinthenkackerei.
Feierabend in Hambrücken
Schon von Weitem höre ich Menschen – und zwar nicht wenige von ihnen. Gut was los auf der Festmeile: An den kleinen Buden haben sich schon hier und da Trauben gebildet, man lacht, man scherzt, man stößt auf den Feierabend und den dritten Tag Straßenfest in Hambrücken an.

Ein fröhlicher Herr kommt mir entgegen, dem T-Shirt nach Mitglied – oder Fan – des hiesigen Gesangsvereins. Ursprünglich war er zum Mittagessen da, ist danach aber mit Freunden und Familie noch eine ganze Weile länger geblieben.
Und voll war es, erzählt er: „Ma könnt grad meine, in Hombrigge herrscht Hungersnot“, lacht er und zieht weiter.
Ja, montags gehört natürlich auch deftiges Essen mit dazu. Das sogenannte Handwerker-Mittagessen ist ein echter Klassiker. Liona, Inge, Isolde und Friedbert sind extra von „Wissedal“ nach Hambrücken geradelt, um sich Rindfleisch mit Meerrettich zu genehmigen. Jetzt stehen sie zufrieden vor einem bunten Stand und nuckeln in der spätnachmittäglichen Sonne an ihrem Softeis.

Als Wiesentäler sind sie sowieso echte Straßenfest-Veteranen, denn in Waghäusel wird tatsächlich noch auf der Straße gefeiert: schön eng, schön lang, schön voll, schön laut … Leider ist das in der Region keine Selbstverständlichkeit mehr. Schon diverse Straßenfeste wurden wegen missmutiger Anwohner, mangelnden Supports oder schwieriger Logistik gestrichen. Keine schöne Entwicklung …
Ein paar Meter weiter stehen Marek und Tim – immer noch kerzengerade, immer noch wach, obwohl sie im Grunde bereits seit Freitagabend nonstop auf den Beinen sind. Wenn schon Straßenfest, dann richtig und ohne Kompromisse.
Samstag und Montag sind die besten Tage, montags fast noch ein bisschen besser. Da sind es im Wesentlichen Einheimische, erzählen die beiden – einer mit einer Fanta in der Hand, der andere mit einem Cocktail. Raten Sie mal, wer davon heute noch Spätschicht hat …

Wie so viele, wenn nicht alle in Hambrücken, halten auch sie ihr Straßenfest hoch und in Ehren. Denn es gibt wahrscheinlich kaum eine schönere Gelegenheit, zusammenzukommen und so die Dorfgemeinschaft zu pflegen.
„Montags isch eigentlich am Beschte“
Gut was los ist auch schon im Festzelt des HCC, denn die umtriebigen Karnevalisten sind natürlich nicht nur zur fünften Jahreszeit, sondern über das ganze Jahr hinweg bei jedem Heimspiel am Start.
„Montags isch eigentlich am Beschte“, erzählt Benedikt und entblößt beim Lachen strahlend weiße Zähne in seinem bärtigen Gesicht. Zusammen mit Reiner, Wolfgang, Günter und dem alten Fritz steht er schon seit dem Startschuss auf dem Posten – gemeinsam mit rund 100 Helferinnen und Helfern, die für den HCC das große Festzelt am Laufen halten.
„Mir gehen oigentlich nur zum Schlofe heim“, bekräftigen die Clubveteranen und rempeln freundschaftlich die rot gewandeten Schultern aneinander.

Mindestens genauso gute Stimmung herrscht nebenan beim Hambrücker Freizeit-Club, wo nach dem Mittagsansturm vorübergehend ein bisschen Ruhe einkehrt, bevor es dann am Abend noch einmal zur Sache geht. Spätestens wenn bei den Musikern im großen Festzelt das beliebte Karaokesingen steigt, dürfte es wieder rammelvoll werden in Hambrücken.
Die kürzeste Erklärung
Von einer kleinen Gruppe Senioren, die gerade aus dem gut gefüllten Saal des TV Treff spaziert, will ich es dann noch einmal wissen. Meine Frage, warum man gerade am Montag ein Straßenfest besucht, beantwortet mir eine Gruppe älterer Männer, die ganz gemütlich und vielleicht schon ein bisschen bierselig an mir vorbeischlendert.
Die Antwort: kompakt, auf den Punkt, ganz Hambrigge eben.
„Ha, oiifach weils schee isch.“