Seit fünf Jahren ist Tobias Borho Bürgermeister in Kraichtal. Ein besonderes Amt in einer besonderen Stadt, die viel zu geben hat, aber auch vieles fordert.
Viele Menschen haben ein seltsames Verständnis von der Funktion und der Rolle eines Bürgermeisters. Nicht wenige scheinen dem Amt derart viel Macht und Einfluss zuzusprechen, dass diese zu hoch angesetzte Erwartungshaltung in der Realität zwangsläufig auf Enttäuschung stoßen muss. Es ist ein Eindruck, der sich im Grunde bei fast jeder größeren Diskussion rund um Gemeinde- und Stadtpolitik offenbart: In den Augen vieler wird ein Bürgermeister einer Art Regent gleichgesetzt, der mit maximalen Befugnissen schalten und walten kann. Ergo sei der Bürgermeister auch für jede Misere und für jedes Problem höchstpersönlich ursächlich und verantwortlich.
Da diese drastische Überschätzung zu einer verzerrten Erwartungshaltung führt, die niemandem dienlich ist, ist es wichtig, in diesem Kuddelmuddel aus echten und falschen Kompetenzen ein bisschen aufzuräumen. Wir konzentrieren uns dabei auf drei zentrale Aspekte.

Ein Bürgermeister ist in Baden-Württemberg kein Alleinherrscher, sondern der oberste Angestellte der Gemeinde. Seine Macht endet an drei klaren Grenzen:
- Das Diktat der Mehrheit: Die echte Macht liegt beim Gemeinderat. Egal ob Steuern, Bebauungspläne oder Großprojekte: Der Bürgermeister hat im Rat nur eine Stimme. Ohne eine Mehrheit im Gremium kann er keine einzige Entscheidung durchsetzen.
- Das Korsett des Haushalts: Kein Geld, kein Gestaltungsspielraum. Der Bürgermeister darf keinen Cent ausgeben, der nicht vorher vom Gemeinderat im Haushaltsplan abgesegnet wurde. Da der Großteil des Geldes für gesetzliche Pflichtaufgaben gebunden ist, bleibt für persönliche Herzensprojekte oft kaum Spielraum.
- Der Rahmen des Gesetzes: Ein Bürgermeister macht keine Gesetze, er setzt sie nur um. Ob Baugenehmigung oder Passwesen: Er führt Vorgaben von Bund und Land aus. Weicht er davon ab, pfeift ihn das Landratsamt als Aufsichtsbehörde sofort zurück, und Bürger können jeden Bescheid gerichtlich anfechten.
Um es auf den Punkt zu bringen: Ein Bürgermeister ist nicht der Big Boss einer Gemeinde, sondern mehr ihr Verwalter, ihr Moderator und vielleicht auch ihr Verhandlungsführer.
Der Mensch hinter dem Amt
Das ist an sich schon ein Fulltimejob, doch ein Bürgermeister ist eben nicht nur Amtsträger, sondern auch ein Mensch, eine Privatperson. Eine Doppelrolle, der manchmal nur sehr schwer gerecht zu werden ist. Das zeigt sich gleich zu Beginn unseres Gesprächs: Etwas abgehetzt stürzt Tobias Borho mit einer halben Stunde Verspätung in sein Büro – die Temperatur im Raum kratzt an den 30 Grad.

Der Grund für das Zuspätkommen ist kein schlechtes Zeitmanagement, sondern einer dieser Notfälle, die Eltern fürchten: Ein außerplanmäßiger Trip in die Klinik nach Heidelberg, um Medikamente für seine schwer kranke Tochter zu holen. Dass die familiäre Situation intensiv ist, ist in Kraichtal kein Geheimnis. Wer ihm in diesem Moment gegenübersitzt, merkt sofort, wie hier zwei Welten aufeinandertreffen: Der besorgte Vater auf der einen, das geforderte Stadtoberhaupt auf der anderen Seite.
Es dauert nur einen Moment, bis er in dieser Situation angekommen ist. Das Jackett fliegt über die Lehne des Schreibtischstuhls in seinem selbst eingerichteten Büro mit den zusammengewürfelten Möbeln aus dem eigenen Bestand. Einmal kurz mit den Fingern durch das mittlerweile spärlicher werdende Haar, und schon ist das Stadtoberhaupt präsent:
„Wenn man Bürgermeister einer Gemeinde ist und einem die Gemeinde am Herzen liegt, dann gibt man immer alles rein, was man kann. Und vielleicht manchmal auch mehr, als man kann“, sagt er.
Ein Satz, bei dem man unwillkürlich innehalten muss. Denn wer so intensiv brennt, bewegt sich auf einem schmalen Grat – ein Umstand, der auch in der Kraichtaler Bürgerschaft nicht verborgen bleibt, wo die hohe Präsenz des Bürgermeisters zwar geschätzt, die damit verbundene Belastung aber durchaus auch mit Sorge gesehen wird.
Vom Verwaltungsfachmann zum parteilosen Stadtoberhaupt
Tobias Borho brennt bereits seit fünf Jahren. 2021 wurde er aus einer ganzen Reihe von Gegenkandidaten als Amtsnachfolger von Ulrich Hintermayer zum Bürgermeister von Kraichtal gewählt. Der 1993 in Bruchsal geborene Politiker wohnt im Stadtteil Menzingen und lebt dort mit seiner Frau Amelie und seiner kleinen Tochter in einem alten Bauernhaus im historischen Ortskern.




Rein von der Qualifikation her ist er Vollblutverwalter: Mit 18 Jahren begann er seine Ausbildung im mittleren Verwaltungsdienst bei der Stadt Karlsruhe, erwarb 2012 die Fachhochschulreife in Durlach und absolvierte im Anschluss ein Studium an der Hochschule für öffentliche Verwaltung in Kehl. Dazwischen und danach folgten diverse Positionen im Verwaltungsapparat von Stadtverwaltungen, dem Jobcenter sowie ein Lehrauftrag in Ludwigsburg.
Politisch war er lange Jahre Teil der SPD – allerdings nur bis 2023, als er in einer kontrovers diskutierten Entscheidung statt auf der SPD-Liste auf jener der Freien Wähler in den Kreistag einzog. Seine Parteimitgliedschaft sei eine private Angelegenheit, so Tobias Borho damals:
„Ich bin nicht der Bürgermeister einer Partei, sondern ich bin der Bürgermeister der Stadt Kraichtal und damit der Bürgermeister aller Kraichtalerinnen und Kraichtaler. Dies ist unabhängig davon, ob sie mich gewählt haben oder nicht oder Mitglieder einer Partei sind oder nicht.“
So erklärte er damals den Schritt, der innerhalb der SPD als Vertrauensbruch empfunden wurde. Fünf Jahre nach seinem Amtsantritt sieht er sich in seiner Entscheidung bestätigt: „Man wird immer automatisch vereinnahmt, wenn man Mitglied in einer Bundes- oder Landespartei ist. Ich fühle mich jetzt freier.“
Eine Stadt, neun Teile: Die Kraichtaler Besonderheiten
Die vielseitigen Erwartungshaltungen, mit denen er sich jeden Tag in seiner Arbeit konfrontiert sieht, sind allerdings weiterhin Begleiterscheinungen des Amtes und eine logische Konsequenz aus der Beschaffenheit der Stadt Kraichtal. Als größte Flächengemeinde des Landkreises liegt die Besonderheit in der Zusammensetzung aus neun verschiedenen Stadtteilen – ohne eine echte Kernstadt wie beispielsweise Bruchsal oder Bretten aufweisen zu können. Wo andere Kommunen meist nur ein Brett zu bohren haben, sind es in Kraichtal nicht selten gleich neun.




Die Stadt verfügt über keine breit aufgestellte Großindustrie und keine ergiebigen Quellen für Gewerbesteuereinnahmen. Echte Kraichtaler Arbeitsplätze gibt es zwar, aber nicht in einem Ausmaß, von dem die Stadt umfangreich prosperieren könnte. Dagegen steht eine hohe Ausgabenlast, die keineswegs ein eigenes Verschulden darstellt, sondern sich aus der Struktur der Stadt ableitet:
„Wenn wir hier in Kraichtal 40 Meter Kanalrohr verlegen, schließen wir damit vielleicht 20 bis 30 Menschen an. In Bruchsal wären das wahrscheinlich ein paar Hundert.“
Insbesondere der Ausbau und die Erhaltung der Infrastruktur schlagen in Kraichtal spürbar zu Buche. Feuerwehrhäuser, Mehrzweckhallen, städtische Bestandsimmobilien, Strom- und Wasserversorgung: In der Kraichtaler Finanzverwaltung muss vieles oft mit neun multipliziert werden.
Wie in den vergangenen fünf Jahren wird deswegen auch in Zukunft ein Thema ganz oben auf der Agenda des Bürgermeisters stehen: die Stärkung der Wirtschaftskraft der Stadt. Hier sieht Tobias Borho besonders die Ansiedlung von mittelständischen Unternehmen als Schlüsselfaktor. Die Entwicklung von Gewerbegebieten genießt für ihn hohe Priorität; entsprechende Projekte, beispielsweise in Unteröwisheim oder Gochsheim, befinden sich längst in der Planung oder der konkreten Umsetzung.
Erreichtes und offene Baustellen
Befragt nach seinen großen Meilensteinen in den vergangenen fünf Jahren, führt Tobias Borho die Realisierung schwierig umsetzbarer Baugebiete ins Feld sowie den erfolgreichen Verkauf kostenintensiver Immobilien – wie etwa dem alten Rathaus in Gochsheim, der Kelter in Bahnbrücken oder der alten Grundschule in Landshausen, wo mit einem privaten Träger ein umfangreiches Schulprogramm für den Stadtteil entwickelt werden konnte.
Ebenso nennt er die flächendeckende Einführung von Carsharing, Ladesäulen für Elektroautos und Bücherschränken in allen neun Ortsteilen, den Ausbau der Kinderbetreuung sowie die Stärkung diverser Formen der Bürgerbeteiligung – etwa bei den Ortssprechstunden, der Jugendarbeit oder dem florierenden Projekt Schloßcafé in Gochsheim.

Dass aber noch reichlich Herausforderungen zu meistern sind, darüber macht sich Tobias Borho keine Illusionen. Wichtig wäre für ihn beispielsweise ein Ausbau der örtlichen Nahversorgung. Die Ansiedlung eines Selbstbedienungsladens in Menzingen sowie das Aufstellen von Automaten sind dabei erst der Anfang. Gerne hätte der Bürgermeister eine größere Dichte an Lebensmittelmärkten, die es derzeit nur in zwei Ortsteilen gibt.
Auch sein Wunschprojekt – ein Ärztehaus in Kraichtal – ist noch ein gutes Stück von der Realisierung entfernt, da sich insbesondere die Suche nach entsprechenden Fachärzten schwierig gestaltet. Des Weiteren will Tobias Borho trotz des frustrierenden Rückzugs des Anbieters Deutsche Glasfaser den Ausbau mit schnellen Internetanschlüssen in der Stadt vorantreiben. Wie das alternativ gelingen kann, steht derzeit jedoch noch nicht fest.
Baustellen gibt es in Kraichtal genug. Das ist keine Eigenheit dieser Stadt, sondern derzeit ein flächendeckendes Phänomen der chronisch unterfinanzierten Kommunen im Land. Bürgermeister Tobias Borho möchte dennoch nicht nur halb leere Gläser sehen, sondern dazu ermutigen, sich auf die Habenseite zu konzentrieren:
„Ich glaube tatsächlich, dass wir dazu neigen, viel zu sehr Nachteile zu sehen und die Vorteile dann zu vergessen.“
Er führt stattdessen Projekte ins Feld, die das außergewöhnlich starke Engagement vieler Menschen für ihre Stadt hervorheben: Vereine, die sich um das Gemeinwohl verdient machen, die sich für die Erhaltung Kraichtaler Kulturgüter einsetzen, die das Dorfleben hochhalten und pflegen.
„Und da können wir durchaus stolz sein, wenn wir in die Ortsteile schauen. Da ist es egal, ob ich Menzinger bin, Neuenbürger, Landshäuser, Unteröwisheimer oder Oberöwisheimer … ganz egal. Ich kann mit Stolz in andere Ortsteile schauen und sagen: Mensch, was die Bahnbrücker gemacht haben, das ist geil! Oder: Wow, was die in Oberacker mit dem Pfarrhaus hinkriegen, super! Ich glaube, das müssen wir mehr herausstellen.“
Gerade bei emotional besetzten Themen wünscht man sich in Kraichtal gelegentlich eine Debattenkultur, die den Fokus noch auf auf die Sache richtet. Sowohl im digitalen Raum als auch im direkten Austausch – bis hinein in die Ratsarbeit – täte der politischen Diskussion manchmal etwas mehr Gelassenheit gut. Wo persönlicher Frust oder Befindlichkeiten in den Hintergrund treten, entsteht der nötige Freiraum für tragfähige Lösungen. Am Ende ist allen Beteiligten am meisten gedient, wenn der Blick für das gemeinsame Ganze stets über den Momentaufnahmen des Tagesgeschehens steht.

Der Blick nach vorn
Und wenn Tobias Borho nach seinem ersten halben Jahrzehnt im Amt ein ganz ehrliches Fazit ziehen müsste, wie würde es lauten?
„Die letzten fünf Jahre waren immens anstrengend. Das sage ich ganz offen, die waren vielleicht auch anstrengender, als ich gedacht habe. Ganz transparent. Aber eben auch unglaublich erfüllend.“
Tobias Borho macht den Job spürbar mit Leidenschaft – das zieht sich durch das gesamte Gespräch. Seine Pläne reichen daher auch über die aktuelle Legislaturperiode hinaus. Die nächsten Wahlen stehen in drei Jahren an, der entscheidende Wahlkampf beginnt schon deutlich früher.
„Ich werde auf jeden Fall nochmal kandidieren. Ich werde mich nochmal um das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger bewerben. Mit allem, was ich eingebracht habe, mit allem, was ich geben kann.“
Dass er der immensen Doppelbelastung durch Amt und private Herausforderungen weiterhin standhalten wird, stimmt ihn optimistisch. Der Schlüssel ist für ihn sein Team im Rathaus, das am vergangenen Wochenende jeder beim Tag der offenen Tür persönlich kennenlernen konnte: „Ich bin froh, dass wir in den letzten Jahren hier ein Superteam gebildet haben. Anders würde es gar nicht gehen.“

Doch für ihn ist auch klar: Das Amt des Bürgermeisters ist kein prestigeträchtiger Titel, sondern bringt intensive Arbeit mit sich, der man gewachsen sein muss.
„Wer denkt: ‚Wenn ich Bürgermeister bin, gibt es viel Gehalt, ein geiles Eckbüro, einen Dienstwagen und einen netten 36- oder 39-Stunden-Job die Woche‘, der ist für das Amt ungeeignet“, lacht er, schlüpft bei gut 30 °C Raumtemperatur wieder in sein dunkles Sakko und eilt dem nächsten Termin entgegen.