Die Zeit, die uns bleibt

|

Viele Menschen fürchten sich vor dem Tod und noch mehr davor, sich mit ihm und der eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen. Palliativmediziner Axel Huber hat täglich mit dem Tod zu tun und längst seinen Frieden mit ihm geschlossen.

Ich will ehrlich zu Ihnen sein: Ich habe mich vor diesem Artikel gefürchtet, denn auch ich zähle zu jenen Menschen, die vor dem Sterben und allem, was damit einhergeht, zurückschrecken. Ich weiß auf einer rationalen, eher abstrakten Ebene genau, dass ich irgendwann sterben werde und dass es hierbei keine ärztliche Zweitmeinung braucht. Ich habe das kalte Gesicht meines Großvaters gestreichelt und dabei zugesehen, wie meine Großmutter noch Wochen lebte, nachdem sie bereits das Essen und das Trinken eingestellt hatte. Ich habe Freunde und Verwandte beerdigt und während des Studiums sogar eine Zeit lang bei einem Bestattungsunternehmen gejobbt. Hat der Tod dadurch seinen Schrecken verloren? Nein, nicht für mich.

Als damals meine kleine Tochter auf die Welt kam, hatte ich, als ich sie das erste Mal in den Armen hielt, einen kurzen und schrecklichen Gedanken. Ich stellte mir vor, wie sie irgendwann einmal als alte Frau das letzte Mal die Augen schließt, das letzte Mal ausatmet… Eine Vorstellung, die mir noch heute, jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, das Herz zu einem eiskalten Klumpen schrumpfen lässt.

Und dennoch, so wird es geschehen. Ihr, mir, Ihnen, uns allen. Vielleicht noch nicht mal als alter Mensch, vielleicht schon früher. Vielleicht durch einen Unfall, durch eine Krankheit oder irgendeine dieser vielen Absurditäten, die das Leben für uns Menschen bereithalten kann. Über jedem unserer Köpfe läuft ein unsichtbarer Countdown, den wir Gott sei Dank nicht sehen können, dessen Existenz wir stoisch und wider besseres Wissen einfach verleugnen.

Das Verdrängen der eigenen Endlichkeit

„Das Verdrängen der eigenen Endlichkeit ist zutiefst menschlich“, weiß Axel Huber, Leiter der Palliativstation an der Rechbergklinik in Bretten. „Ich glaube, die Menschen finden das erst dann wichtig, wenn es irgendwo bei ihnen im Umfeld ist. Und sonst tut es ihnen meistens ganz gut, das zu verdrängen.“ Nichts an Axel Hubers Worten trägt auch nur den Hauch einer Vorhaltung in sich, nicht das kleinste bisschen eines Tadels. Über die langen Jahre seiner Karriere hat der sanftmütige Mediziner das Wesen der Menschen akzeptiert, wie er auch das Wesen des Todes selbst akzeptiert hat. „Wir können uns die Patienten nicht so backen, wie wir sie gerne hätten. Das muss ich manchmal meinen Assistenten sagen. Man muss das so akzeptieren.“

Axel Huber ist Palliativmediziner. Ein sperriges Wort, das nicht jeder sofort einordnen kann, doch die Zielsetzung dieser Disziplin lässt sich gut auf den Punkt bringen: Die Behandlung von Menschen mit einer unheilbaren Erkrankung. Es geht nicht zwingend um die unmittelbare Sterbephase; Patienten können formal eine Lebenserwartung von mehreren Jahren haben. Die Palliativmedizin ist im Grunde die ehrlichste Form der Medizin, denn sie steht dem Mythos entgegen, dass am Ende einer Therapie immer die vollständige Genesung eines Patienten steht. Hier haben uns all die vielen blütenweißen Vorabendserien ein gänzlich falsches Bild vermittelt. Das Krankenhaus ist weder heile Welt noch eine Welt, die alles wieder heile macht. Diese Realität deckt sich selten mit den Idealen des Medizinstudiums – eine Erfahrung, die auch Axel Huber persönlich machen musste: „… auch ich musste das letztlich erst dann in der Tätigkeit lernen, dass diese Vorstellung aus dem Studium ‚Ich mache was und dann ist es wieder gut‘ in den allermeisten Fällen so gar nicht zutrifft.“

Erhalt von Lebensqualität im Fokus

Auf der Palliativstation geht es eben nicht um die Fälle, die mit einem Happy End, einem warmen Händedruck und fröhlicher Musik über dem Abspann zu Ende gehen. Hier werden Menschen behandelt, deren Krankheit in den allermeisten Fällen nicht geheilt werden kann, die mit kleinen oder großen Schritten dem Tod entgegengehen. Im Fokus der Behandlung steht in erster Linie der Erhalt von Lebensmut, Lebenswillen und Lebensqualität, solange es irgendwie geht, durch eine bestmögliche Symptomtherapie. Am Ende steht aber eben das Ende, weiß Axel Huber genau. Etwa ein Drittel seiner Patientinnen und Patienten kehrt dafür nach der Stabilisierung zurück nach Hause, ein weiteres Drittel in eine Einrichtung wie zum Beispiel ein Hospiz, und das letzte Drittel stirbt direkt hier auf der Station.

Die Palliativstation in Bretten unterscheidet sich erheblich von den anderen Stationen. Die Räume sind freundlich und hell eingerichtet, gleichen mehr einem schönen Hotelzimmer als einem Krankenzimmer. Es gibt einen großen Balkon mit Blick über den Rechberg, ein Wohnzimmer mit gemütlichen Sesseln, Büchern, Spielen und sogar eine kleine Küche. Es geht darum, eine schöne Atmosphäre zur Verfügung tzu stellen, einen friedlichen Ort, der den Übergang so gut es geht erleichtern soll.

Der Tod ist auf Axel Hubers Station immer präsent. „Fast täglich. Nicht, dass jeden Tag Menschen sterben bei uns. Aber es ist natürlich ein Thema, das immer auf einer Palliativstation über einem steht“, erklärt der erfahrene Mediziner, der sich insbesondere auf die Onkologie und die Hämatologie spezialisiert hat. Dennoch dürfe man sich die Atmosphäre hier oben im dritten Stock der Rechbergklinik nicht düster und schwer ausmalen. „Das hört man immer wieder, […] also dass die Stimmung in Akutmedizinbereichen oft schlechter ist als auf Palliativstationen, weil es einfach mehr um die Menschen geht.“

Das Abwägen zwischen Nutzen und Schaden

Ja, es geht um Menschen. Um Menschen, die mit dem eigenen Tod konfrontiert sind – eine Erfahrung, die jeder Einzelne völlig individuell erlebt und verarbeitet. Längst nicht jeder kann diesen Gedanken akzeptieren, und das ist keine Frage von Alter und Erfahrung, weiß Axel Huber genau. „Es gibt teilweise betagte Menschen, die nicht sehen wollen, dass nach 85 Jahren nicht noch mal 85 Jahre kommen. Das heißt, das ist gar keine Altersfrage, wie so was aufgenommen wird.“

Schwieriger ist für viele die Frage, wann das Kämpfen endet und das Fügen in das eigene Schicksal beginnt. Denn gerade dann, wenn bereits absehbar ist, dass die Krankheit tödlich endet, sehen sich nicht wenige Patienten mit einer sehr schwierigen Abwägung konfrontiert: Wann übersteigt der Nutzen einer Therapie die möglichen Schäden? „… das ist aber letztlich eine Kernaufgabe, primär mal onkologisch einzuschätzen, was geht oder was verspricht mehr und wo ist die Benefizienz [der Nutzen] größer, wo ist die Malefizienz [der Schaden] größer“, beschreibt Axel Huber dieses schwierige Dilemma. „Es gibt viele Behandlungen, es gibt viele Fortschritte, aber der Mensch bleibt ein endliches Wesen.“

Wie ein Mensch stirbt, ist eine Frage so individuell wie er selbst. Es gibt keine Blaupause, keine standardisierten Abläufe. „Ein Sterbeprozess kann Sekunden gehen und kann sich auch über Wochen ziehen“, berichtet Axel Huber. „Selbst bei etwas vermeintlich Eindeutigem kommt es vor, dass auch ich selbst sage, ich glaube, jetzt geht es zu Ende, und am nächsten Tag guckt mich der Patient an und sagt: Heute geht es mir wieder gut.“

Ein sanftes Herunterfahren

Es ist die Aufgabe der Palliativmedizin, den Übergang so gut zu begleiten, wie es geht, ihn menschlich und erträglich zu machen, ihm aber irgendwann nicht mehr im Wege zu stehen. In der finalen Sterbephase wird meist auf künstliche Ernährung oder Flüssigkeitszufuhr sowie künstliche Beatmung verzichtet. Das mag auf den ersten Blick befremdlich klingen, doch hier hilft das Verständnis der menschlichen Physiologie und der biologischen Abläufe. Das natürliche Austrocknen und der Sauerstoffmangel können euphorisierende Stoffe im Körper freisetzen und das Leiden mindern, während medizinische Interventionen den Sterbeprozess oft künstlich belasten. Irgendwie ist es auch ein tröstlicher Gedanke, dass der Körper eingedenk des nahenden Todes auf eine Art sanftes Herunterfahren schalten kann. Und auch wenn es so unendlich schwerfällt, das zu akzeptieren, es ist einfach in uns Menschen angelegt: Das Sterben gehört zum Leben dazu.

Es ist wichtig zu verstehen, dass man diesen Umstand gleichzeitig akzeptieren und dennoch schwer daran zu tragen haben kann – das geht selbst einem erfahrenen Mediziner wie Axel Huber nicht anders. Das Schicksal seiner Patienten, ihr letzter Weg, ist für ihn keine medizinische Routine, sondern berührt ihn auch als Mensch, und Menschen sind nun einmal empathische Wesen. „Sie können nicht jedes Mal rausgehen und das ärztlich, professionell an der Schwelle von der Klinik abschütteln. Manchmal nimmt man es mit. […] Also ich kann das nicht so gut. Ich nehme relativ viel mit“, sagt Axel Huber. Es ist genau diese Art von Ehrlichkeit, innerer Reflexion und Sanftmut, die ihn zu einem außergewöhnlichen Arzt macht – einen, den man in einer solch schwierigen Situation gerne an seiner Seite wissen möchte.

Über den eigenen Tod hat Axel Huber schon gründlich nachgedacht und seinen Frieden mit ihm geschlossen. „… ich habe mir schon über die Zeit immer wieder die Frage gestellt, was will man erreichen, was sind die Prioritäten. Und da kann ich für mich sagen, die wichtigen Dinge, die habe ich für mich erreicht“, hält Axel Huber für sich fest. „… wenn mich jetzt irgendwas einholt, dann bin ich insofern mit mir im Reinen, dass ich nicht sage, ich habe jetzt irgendwas aufgeschoben und verpasst.“

Gut zu wissen

Schon vor über 20 Jahren hat man an der Rechbergklinik in Bretten die Notwendigkeit einer umfassenden palliativmedizinischen Versorgung erkannt. Gefördert und unterstützt wird dieses Ansinnen auch durch den Pelikanverein, der in diesen Tagen sein rundes Jubiläum feiert. Unter dem Leitmotiv „Das Leben erleben. Jeden Tag.“ widmet er sich der Lebensqualität von unheilbar kranken Menschen am Ende ihres Lebensweges.

Anzeige

2 Kommentare zu „Die Zeit, die uns bleibt“

  1. Ein sehr sensibler Artikel über ein Thema, das wohl die Meisten zeitlebens verdrängen.
    Aber irgendwann ist eben Schluss!

Schreibe einen Kommentar

Liebe Leser/innen, bevor Sie nun Ihren Kommentar absetzen, hier noch ein paar kurze Hinweise: Unsere Kommentarspalte ist nicht die Bruddelecke. Konstruktive und reflektierte Meinungen sind uns willkommen, Gemotze ohne Substanz dagegen nicht. Bleiben Sie fair, bleiben sie freundlich. Beleidigungen, Herabwürdigungen, überzogene Polemik oder unbelegte Behauptungen / Unterstellungen werden von uns weder veröffentlicht noch gibt es eine Diskussion darüber. Danke! Zum Datenschutz: Wir speichern über die von Ihnen übermittelten Angaben weder personenbezogene Daten oder IP-Adressen, noch werden Cookies gesetzt. Weitere Informationen finden sie in unserer Datenschutzerklärung