Im August 2025 eroberte Katharina Kimmich das Rathaus Ubstadt-Weiher im Sturm. Wo steht sie, wo steht die Gemeinde heute, ein Jahr später? Wir haben einfach nachgefragt.
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Das Interview zum Nachlesen
Stephan Gilliar: Liebe Hügelhelden, ganz herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe unserer Sommerinterviews. Heute aus dem Rathaus in Ubstadt-Weiher, wo sich Bürgermeisterin Katharina Kimmich anschickt, ihr erstes Jahr als Amtsnachfolgerin von Toni Löffler zu besiegeln. Ist es tatsächlich genau ein Jahr her, Frau Kimmich?
Katharina Kimmich: Am 1. August war mein erster Arbeitstag. Das heißt, wir sind jetzt ein bisschen drüber.
Stephan Gilliar: Okay, das wollen wir durchgehen lassen. Können wir sagen, ein Jahr läuft das Ganze. Wir sind mitten im August oder Anfang August. Die Sommerhitze schlägt, wie auch in den letzten Jahren, mittlerweile erbarmungslos zu. Heute werden wir wieder so knapp an der 40-Grad-Marke kratzen. Hier drin dreht sich so ein kleiner No-Name-Billigventilator. Ist das alles, was Sie an Kühlung bekommen?
Katharina Kimmich: Also im Bürgerbüro unten gibt es eine Klimaanlage und oben im Dachgeschoss auch, weil da mit dem Arbeitsschutz in den vergangenen Jahren das Arbeiten sonst einfach nicht mehr möglich war. Aber wir hier im mittleren und auch im unteren Bereich schwitzen mit der Bevölkerung mit.
Arbeitsalltag und Raumsituation im Rathaus
Stephan Gilliar: Sie haben es vorhin im Vorgespräch gesagt: Sie schauen momentan, dass Sie den Arbeitsalltag im Rathaus aus diesem ganz klassischen 9-to-5 ein Stück weit herausholen und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Möglichkeit geben, das Ganze teilweise über digitale Wege zuzuspielen. Was sind denn da Ihre Pläne und Ihre Absichten? Wo könnte so ein Alltag hinführen?
Katharina Kimmich: Wir haben die Herausforderung, dass das Nebengebäude unser Sorgenkind ist und dort momentan niemand arbeiten kann. Das heißt, wir müssen uns überlegen, was wir langfristig machen. Aufgrund der finanziellen Situation ist es zum jetzigen Zeitpunkt unrealistisch, dass wir neubauen oder sanieren. Das werden wir uns finanziell schlicht nicht leisten können. Deswegen schauen wir momentan, wie viele Arbeitsplätze wir perspektivisch in den nächsten 15 Jahren hier im Rathaus überhaupt noch brauchen. Es gibt eine Möglichkeit, mit dem Raum zu arbeiten, der uns jetzt zur Verfügung steht. Das bedeutet dann natürlich auch: Stichwort Desk-Sharing, Stichwort Ausweitung des digitalen Arbeitens und die Mitarbeitenden mit dem nötigen Equipment auch zu Hause auszustatten, damit wir da eine gute Balance finden zwischen den Räumlichkeiten, die wir haben, und dem, was uns digital zur Verfügung steht.
Stephan Gilliar: Das ist, wenn man sich Ubstadt-Weiher anschaut und wie es bisher gelaufen ist, ein relativ neuer Stil. Generell ist das Rathaus ein bisschen im Umbruch: Viele neue Mitarbeiter, viele neue Amtsleiter. Wie macht sich das Ganze bemerkbar und vor allem: Wie kommen die Alteingesessenen damit klar, die jetzt eine deutlich jüngere Chefin haben als bisher?
Katharina Kimmich: Ich muss sagen, das ist im Rathaus genauso wie in der Bevölkerung draußen: Ich wurde von meinem Empfinden her mit offenen Armen aufgenommen. Ich habe tatsächlich keinen Moment gehabt, in dem ich dachte, dass es jetzt wegen meines Alters irgendwo schwierig ist. Allen war klar, dass Toni Löffler aufhört und jemand Neues kommt. Ich würde wirklich sagen, alle haben mich mit offenen Armen empfangen und jetzt gehen wir mit voller Kraft voraus.
Wohnort und Ankommen in Ubstadt-Weiher
Stephan Gilliar: Ein Jahr Bürgermeisterin in Ubstadt-Weiher. Hat es das Privatleben schon geschafft, dahin aufzuschließen? Ich sehe draußen steht ein kleines Auto mit Rastatter Kennzeichen aus der Bischweierer Zeit, aber Sie fahren jeden Morgen noch den Weg aus Eppingen. Wann schließt man da nach Ubstadt-Weiher auf mit Kennzeichen und Wohnort?
Katharina Kimmich: Wenn uns die richtige Immobilie über den Weg läuft. Ich glaube, es kennt niemand den Immobilienmarkt in Ubstadt-Weiher so gut wie ich. Wir schauen regelmäßig. Aber wenn wir uns jetzt verändern, dann verändern wir uns langfristig, und das soll kein Kompromiss sein, sondern etwas, wo wir uns wirklich wohlfühlen. Deswegen sind wir momentan noch entspannt und schauen einfach, dass etwas vorbeikommt, was uns gut gefällt.
Stephan Gilliar: Ist von Ihnen die Suchanzeige: „Suche ein herrschaftliches Anwesen mit zwölf Zimmern und Hubschrauberlandeplatz“?
Katharina Kimmich: Tatsächlich wäre ein großes Anwesen in Ubstadt-Weiher gar nicht so schwierig zu finden. Die Frage ist eher, was man findet, wenn man nur zu zweit ist, gar nicht so viel Platz braucht und auch keine Zeit hat, um viel Rasenpflege zu betreiben.
Klimawandel und Pflege der Grünflächen
Stephan Gilliar: Rasenpflege ist ein gutes Stichwort, wenn man sich in der Gemeinde umschaut. Das ist ja wie überall ein Trauerspiel: Alles ist braun, gelb und abgestorben. Was macht die Gemeinde Ubstadt-Weiher, um sich an den Klimawandel anzupassen – wir haben vorhin schon über das Thema Klimatisierung gesprochen –, der immer weiter und stetiger auf uns zukommt?
Katharina Kimmich: Wir sind jetzt wahrscheinlich wie ganz viele andere Rathäuser auch mit unseren Kindergärten, Schulen, Pflegeheimen und dem Seniorenwohnen ins Gespräch gekommen, um von den Nutzern eine Übersicht zu bekommen, in welchen Räumen es wirklich schwierig ist und wo es noch funktioniert. So können wir für dieses Jahr zwar nicht mehr, aber für nächstes Jahr im besten Fall die Räumlichkeiten in einem verträglichen Maß nachrüsten. Auch da wieder das Thema Finanzen: Es wird uns nicht möglich sein, jede öffentliche Einrichtung mit einer Klimaanlage auszustatten. Aber wir müssen schauen, dass zumindest im Bereich Schulen und Kindertageseinrichtungen die Räume so ausgestattet werden, dass es funktioniert und nicht drei Wochen der Unterricht ausfällt oder die kleinen Kinder Schwierigkeiten haben zu schlafen.
Stephan Gilliar: Im Interview mit Ihrem Bauhofleiter hat er mir schon verraten, dass auch beim Bewirtschaften der Grünanlagen mittlerweile umgedacht wird: Es wird immer weniger gemäht und mehr stehen gelassen, damit die Natur die Möglichkeit hat, sich zu regenerieren und widerstandsfähiger zu werden. Wie ist es mit dem allgemeinen Kurs der Gemeinde? Unter Ihrem Vorgänger gab es die Prämisse, relativ viel zu bauen und zu ertüchtigen. In Weiher wurden eher Parkplätze geschaffen, Neubaugebiete erschlossen – was auch Flächenversiegelung und mehr Hitzestress bedeutet. Das sind Dinge, die Sie übernommen haben, weil die Projekte längst in der Umsetzung waren. Was wird Ihre Handschrift tragen? In welche Richtung soll sich die Gemeinde unter diesem Aspekt verändern?
Katharina Kimmich: Vielleicht noch eine kurze Ergänzung: Was die Pflege der grünen Flächen betrifft, versuchen wir tatsächlich den eingeschlagenen Weg weiterzuführen. Das stößt bei der Bevölkerung manchmal auf Fragezeichen, weil es vermeintlich ungepflegt aussieht – auch auf dem Friedhof. Aber von unserer Seite aus ist es so: Wenn man der Natur ein bisschen Raum gibt und nicht gleich wieder alles abmäht, ist das gerade bei solchen Temperaturen hilfreicher. Und es hilft natürlich auch dem Bauhof, in seiner Arbeit hinterherzukommen.
Stephan Gilliar: Die Zeit der grünen Rasen ist einfach vorbei.
Katharina Kimmich: Vorbei, genau. Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich noch gar nicht sagen, was wirklich meine Handschrift sein wird, weil momentan die große Überschrift schlicht lautet, dass man Geld einsparen muss. Es geht gar nicht so sehr um die Frage, was man jetzt aktiv weiterentwickeln kann, sondern wie man das, was wir haben, mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen erhalten kann. Es geht um die Frage, welche Straßen ertüchtigt werden müssen, wie die Kanalleitungen aussehen, wie der Zustand der Kläranlage oder beim Zweckverband im Wasserwerk ist. Können wir im Bereich Innenentwicklung etwas machen, damit die Kosten für die Erschließung eines gesamten Neubaugebiets verringert werden, weil in der Innenentwicklung die Strukturen schon da sind? Auch wieder Thema Erschließung, die man nutzen kann. Der Fokus liegt darin, die Ressourcen, die wir haben, zu erhalten und aufgrund des finanziellen Mangels nichts zu zerschlagen, was unsere Ortsteile ausmacht.
Ortsentwicklung und Haushaltskonsolidierung
Stephan Gilliar: Dennoch die Frage: Werden die Ränder weiter wachsen? Ich glaube, Ubstadt-Weiher hat gar nicht mehr so viele Kapazitäten, um in die Fläche zu gehen. Es ist natürlich einfacher, ein Neubaugebiet aufzumachen, als ein altes Bestandsgebiet zu sanieren. Aber wenn man sich in den alten Ortskernen umschaut, wäre da durchaus Potenzial, mehr daraus zu machen.
Katharina Kimmich: Was ich übernommen habe, ist die Planung für das Baugebiet Tiefeweg hier in Ubstadt. Das werden wir auch fortführen, weil Gespräche mit Grundstückseigentümern schon gelaufen sind und viele Familien im Vertrauen darauf, dass dort etwas entsteht, ihre Lebensplanung darauf eingestellt haben.
Stephan Gilliar: Aber das ist noch nicht komplett in trockenen Tüchern, oder?
Katharina Kimmich: Ja, in trockenen Tüchern. Aber da geht momentan alle Energie hinein, dass wir da Verbindlichkeit hinbekommen. Darüber hinaus liegt der Fokus aus meiner Sicht zum jetzigen Zeitpunkt aber erst einmal in der Innenentwicklung.
Stephan Gilliar: Es gibt ja auch einen gewissen Sanierungsstau. Manche kommunalen Einrichtungen haben schon Jahrzehnte auf dem Buckel. Und das trifft jetzt auf eine Zeit, in der das Geld nicht wie Milch und Honig fließt. Wir haben vor ein paar Tagen den Landrat bei seiner Rede zum diesjährigen Haushalt des Landkreises gehört: Da stehen alle Lichter auf Rot, da gibt es nichts zu beschönigen. Das ist in Ubstadt-Weiher vermutlich nicht viel anders. Welche Spielräume haben Sie überhaupt noch, um etwas Größeres anpacken zu können?
Katharina Kimmich: Die Spielräume sind extrem klein, das muss man sagen, weil uns das laufende Geschäft finanziell so einengt, dass kaum finanzielle Spielräume für Investitionen da sind. Wir haben, wie alle anderen Gemeinden auch, die LuKIF-Mittel aus dem Sondervermögen des Bundes bekommen. Das sind bei uns ein bisschen mehr als 8 Millionen Euro. Damit können wir durchaus arbeiten. Klar ist aber auch: Wir haben Kostenschätzungen beispielsweise für unser Schwimmbad in Ubstadt, das seine Halbwertszeit lange hinter sich hat, und die belaufen sich auf 8 Millionen Euro.
Stephan Gilliar: Super, passt ja perfekt.
Katharina Kimmich: Passt perfekt – und dann ist für alles andere nichts mehr da. Wir haben auch Hallen, die dringend saniert werden müssten, und das ist etwa überall die gleiche Dimension an Kosten. Das sind nur Schätzungen von vor zwei, drei Jahren; da weiß heutzutage jeder, dass das gar nicht zu halten sein wird. Wir müssen klug überlegen: Was sind unsere Prioritäten, was wollen wir als Erstes angehen? Für mich ist ganz klar: Ich will das nicht ohne die Bevölkerung machen. Das sind Sachen, bei denen wir wenig Mittel zur Verfügung haben und uns überlegen müssen, wo wir investieren. Das möchte ich gar nicht alleine und auch nicht nur im Gemeinderat entscheiden, sondern wir überlegen momentan, wie wir die Bevölkerung gut einbinden können.
Zumutungen, freiwillige Leistungen und Vereine
Stephan Gilliar: Jetzt werden Sie wahrscheinlich nicht drumherum kommen, der Bevölkerung auch das eine oder andere zuzumuten. Momentan hört man aus dem Rathaus noch nichts, wo es wirklich wehtun könnte. Aber nehmen wir das Beispiel Schwimmhalle: Technisch auf dem Stand der 60er-Jahre. In Tiefenbach gab es eine vergleichbare Anlage, da gab es keine Diskussion, das Ding musste stillgelegt werden, weil der Sanierungsbedarf in keinem Verhältnis zum Nutzen stand. Werden wir in den nächsten Monaten damit rechnen müssen, dass klare Ansagen aus dem Rathaus kommen, was nicht mehr geht?
Katharina Kimmich: Das wird über kurz oder lang so kommen beziehungsweise muss man in eine aktive Diskussion gehen und der Bevölkerung sagen: Wenn ihr das Schwimmbad wollt, bedeutet das in der Konsequenz, dass andere Dinge nicht mehr gehen. Das erarbeiten wir momentan. Wir stellen alle freiwilligen Leistungen, die wir in der Gemeinde erbringen, zusammen, damit wir das im Gemeinderat präsentieren können. So können wir aufzeigen, wo unsere finanziellen Spielräume sind und an welcher Stelle wir etwas tun können oder einschränken müssen, damit wir uns künftig noch etwas leisten können.
Stephan Gilliar: Man kann sich ausmalen, dass bei 8 Millionen Euro Fördermitteln eine einzige Maßnahme, die alles verschlingt, kein gangbarer Weg ist. Man kann nicht überall sonst das Wasser abdrehen. Gibt es unverhandelbare Posten? Wie sieht es zum Beispiel mit der Vereinsförderung aus? Die Vereine sind in Ubstadt-Weiher ein extrem starkes Rückgrat der Gesellschaft, es gibt sehr viele Engagierte. Müssen auch sie sich auf engere Gürtel einstellen?
Katharina Kimmich: Der Fairness halber muss man sagen: Ich bin nicht die Einzige, die entscheidet, ich brauche immer den Gemeinderat. Aber wenn es nach mir geht, packen wir die Vereinsförderung nicht an. Wir schauen uns momentan die Hallengebühren an. Da geht es um Privatnutzung, aber auch um die Nutzung durch die Vereine. Das Stichwort ist hier Ressourcen- und Energiemanagement, weil die Energiekosten gestiegen sind und wir als Gemeinde diese Erhöhung nicht mehr komplett alleine tragen können. Das wird die Vereine in gewissem Maße treffen. Aber was die Vereinsförderung selbst betrifft: Wenn es nach mir geht, kürzen wir da nicht, weil die Vereine für mich das Rückgrat unserer Gesellschaft sind. Wenn ich draußen auf einem Fest unterwegs bin – egal wie schlimm die Medienberichte sind und welchen Eindruck man von der Welt hat –, sitzen die Leute auf der Bierbank, der Musikverein spielt und alle freuen sich ihres Lebens. Es ist für mich nicht verhandelbar zu sagen, dass wir da kürzen, denn das macht unsere Ortsteile aus. Das ist das Pfund, mit dem ich arbeiten kann, weil ich Bürger habe, die sich wohlfühlen und sich engagieren. Ohne das Ehrenamt wird es in Zeiten knapper Kassen überhaupt nicht mehr funktionieren.
Stephan Gilliar: Quasi psychologische Daseinsfürsorge. Ubstadt-Weiher tut weit mehr für seine Vereine als andere Gemeinden. Auch das habe ich im Interview mit Ihrem Bauhofleiter gehört: Da werden Mülltonnen und Toilettenwagen vom Bauhof bereitgestellt – das ist im Vergleich zu Umlandkommunen keine Selbstverständlichkeit. Sie haben gerade gesagt: „Ich bin nicht die, die entscheidet, das ist letztlich der Gemeinderat“. Das wissen Sie als Kommunalpolitikerin und ich als Lokaljournalist, aber viele glauben immer noch, dass im Büro die Alleinherrscherin sitzt und alles nach Gutdünken entscheidet. Sie waren in Kraichtal als Hauptamtsleiterin in Führung, aber nicht in der ersten Reihe. Jetzt sind Sie ganz vorne das Gesicht der Gemeinde. Gab es Irritationen oder Berührungspunkte, an denen Sie gemerkt haben, dass es etwas anderes ist, wenn man das direkte Feedback der Menschen abbekommt?
Katharina Kimmich: Man hört viel darüber, dass Politiker und Bürgermeister verbal oder tätlich angegriffen werden. Da muss ich sagen: Toi, toi, toi, das ist mir seit meinem Amtsantritt noch nicht passiert. Alle begegnen mir bisher mit großem Respekt, und das ist eine gute Basis. Natürlich ist es ein Unterschied, ob noch jemand vor einem steht oder nicht mehr. Wenn im Gemeinderat bei der Bürgerfragestunde jemand fragt: „Wer hat diese blöde Entscheidung getroffen?“, dann muss ich sagen: „Ja, ich habe diese blöde Entscheidung getroffen“. Das macht schon einen Unterschied. Auf der anderen Seite kandidiert man nicht für den Job, wenn man nicht gestalten will. Mit diesem Gestaltungsanspruch geht am Ende immer die Verantwortung einher. Selbst wenn der Gemeinderat eine Entscheidung trifft, bin ich diejenige, die das nach außen trägt. Das ist einfach der Job.
Führungsstil, Rolle und Amtsverständnis




Stephan Gilliar: Es gibt unterschiedliche Wesenstypen im Bürgermeisteramt: Die Lauten, von denen man viel Getöse hört – was nicht schlecht sein muss, sondern ein anderer Stil ist. Bei Ihnen war es im Wahlkampf so, dass Sie am Anfang der Underdog waren. Mein Eindruck war, dass der Wendepunkt kam, als Sie Ihre Vorträge komplett frei gehalten haben. Das hat Sie stark abgehoben. Das lässt erahnen, dass Sie ein akribischer Mensch sind, der sich intensiv vorbereitet. War das nur im Wahlkampf so oder ist das immer noch so?
Katharina Kimmich: Im Wahlkampf gab es sicherlich mehr Detailgenauigkeit als normalerweise, weil einen der Alltag oft einholt. Zu hoher Perfektionismus lähmt mich, die Verwaltung und die gesamte Gemeinde. Da muss man die Waage halten. Es gibt Reden – wie beim Neujahrsempfang oder bei Schulentlassfeiern –, in die ich sehr viel Energie stecke, weil mir wichtig ist zu sagen, was aus mir herauskommt. Aber manchmal muss man sagen: Man nimmt die 80 Prozent und verzichtet auf die 100, weil wir sonst gar nicht weiterkämen.
Stephan Gilliar: Würden Sie sagen, dass es Ihnen im Wesen etwas fehlt, das laute Klappern zu beherrschen?
Katharina Kimmich: Fragen Sie mich in einem Jahr noch einmal, wenn mir eine Situation auffällt, in der das besser gewesen wäre. Es gibt ein Buch, das heißt Radikale Freundlichkeit, und davon halte ich sehr viel.
Stephan Gilliar: Das heißt, die Wahrnehmung Ihrer Person in der Bevölkerung ist für Sie in Ordnung?
Katharina Kimmich: Ja, tatsächlich schon.
Stephan Gilliar: Lieber ruhig den Job machen und nicht groß ins Rampenlicht?
Katharina Kimmich: Ja. Ich bin die Bürgermeisterin, das heißt, ich bin für die Bürgerinnen und Bürger da. Die Rolle repräsentiert die Gemeinde. Das ist mein Job. Es geht nicht darum, dass ich als Person im Rampenlicht stehe, sondern dass das Amt und die Aufgaben richtig ausgeführt werden. Deswegen bin ich nicht der Meinung, dass ich als Person im Rampenlicht zu stehen habe. Es kann ganz gut sein, eher ruhiger zu sein: Wenn man dann nämlich laut wird und etwas Klares sagt, hören die Leute auch wirklich zu.
Belastung, Selbstfürsorge und Zukunftsausblick
Stephan Gilliar: Ihr Amtsvorgänger war auch niemand der ganz lauten Töne, insofern hat Ubstadt-Weiher da kontinuierlich entschieden. Blicken wir kurz auf das zurückliegende Jahr: Gab es an dieser Position Dinge, die Sie so nicht erwartet haben und die Sie überrascht haben?
Katharina Kimmich: Es klingt blöd, wenn ich sage, dass es keine Überraschungen gab, aber es gab eigentlich keine. Das Vollumfängliche wusste ich theoretisch: dass die Tage durchlaufen, egal ob Wochenende ist oder nicht. Was das mit der eigenen Energie und Selbstfürsorge macht, war etwas, in das ich mich erst reinarbeiten musste. Aber ansonsten wusste ich, worauf ich mich einlasse, und es ist so, wie ich es erwartet hatte.
Stephan Gilliar: Jedes Vereinsfest, jeder Fassanstich – wie tariert man aus, dass noch etwas für einen selbst übrig bleibt?
Katharina Kimmich: Ich versuche da eine Balance zu finden. Wenn ein Verein vier Feste im Jahr hat, gehe ich nicht auf alle vier, sondern vielleicht auf zwei. Wir haben vier Ortsteile, und an manchen Wochenenden ist in jedem Ortsteil ein Fest. Das schaffe ich nicht. Ich schreibe mir das auf und gehe im nächsten Jahr zum nächsten. Ich habe nicht den Eindruck, dass die Vereine einem das übel nehmen; jedem ist bewusst, wie umfassend das Amt ist. Es gibt ein großes Verständnis in der Bevölkerung. In der Region gab es Fälle, in denen Bürgermeister wegen der Belastung gesundheitliche Probleme bekamen, und das hat die Menschen sensibilisiert.
Stephan Gilliar: Haben Sie da schon eine Selbstfürsorge entwickelt?
Katharina Kimmich: Ich versuche es mir bewusst zu sagen. Montags gehe ich zum Beispiel zum Sport, und da muss viel passieren, dass ich da nicht hingehe.
Stephan Gilliar: Auch auf dem Laufband mit Laptop und Videotelefonie?
Katharina Kimmich: Nein, tatsächlich nicht. Ich gehe in einen Kurs. Das Einzige, was ich mache: Wenn das Wetter so aussieht, als könnte es ein Starkregenereignis geben, nehme ich das Handy mit in den Kurs, um erreichbar zu sein, falls jemand anruft.
Stephan Gilliar: Haben Sie das Handy die ganze Nacht an?
Katharina Kimmich: Ja. In Kraichtal war ich auch schon für den Katastrophenschutz mitverantwortlich, von daher ist das für mich nicht neu.
Stephan Gilliar: Gibt es in manchen Ortsteilen Strichlisten, wie oft sich die Bürgermeisterin blicken lässt? Ist das etwas, das man im Hinterkopf behalten muss?
Katharina Kimmich: Die Strichliste würde mich nicht stressen, aber es ist mein Anspruch, eine Ausgewogenheit herzustellen. Ich hoffe, dass mir das gelingt.
Stephan Gilliar: Was waren im letzten Jahr die großen Herausforderungen, was haben Sie geschafft und wie sieht der Ausblick auf das nächste Jahr aus?
Katharina Kimmich: Was das letzte Jahr geprägt hat, ist die Haushaltssituation und indirekt das Nebengebäude. Beides bedeutet, dass wir uns in der Verwaltung auf stabile Füße stellen müssen. Frau Schlageder ist als Amtsleitung in den Ruhestand gegangen. Wir sind in einem Organisationsprozess, um uns zu verschlanken und Arbeitsplätze zu reduzieren, um das Nebengebäude ausgleichen zu können. Wir haben gemeinsam im Gemeinderat geschaut, auf welche Projekte wir uns fokussieren und wo wir einsparen können. Wir durchforsten unseren Haushalt bis ins kleinste Detail nach Einsparpotenzialen. Unter dieser Überschrift stand eigentlich das gesamte letzte Jahr.
Stephan Gilliar: Die Zusammenarbeit des Bürgermeisters mit dem Gemeinderat sagt viel aus. In manchen Kommunen kracht es regelmäßig, aus Ubstadt-Weiher hört man sehr wenig. Ist das ein kooperativer Stil?
Katharina Kimmich: Ja, das ist es. Den habe ich aber auch übernommen. Das ist die Art und Weise, wie auch Toni Löffler mit dem Gemeinderat umgegangen ist. Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, diesen Stil weiterzuführen. Wenn man ehrlich ist: Wir sind 21 Leute im Gremium. Egal welche Parteianschauung man hat, so groß können die Unterschiede gar nicht sein, weil die Aufgaben auf der Straße liegen. Mein Anspruch ist es, diese Aufgaben gemeinsam mit dem Gemeinderat zu bewältigen. Ein großer Kampf in so einem kleinen Gremium tut der Gemeinde nicht gut.
Stephan Gilliar: Das, was Sie im letzten Jahr beschäftigt hat, wird vermutlich auch das nächste prägen: Das liebe Geld.
Katharina Kimmich: Das wird sicherlich so sein. Im vergangenen Jahr war der Kindergarten mit der Arztpraxis in Zeutern ein großes Projekt. Das wird nächstes Jahr abgeschlossen, sodass die Kindergartenkinder einziehen und die bestehenden Gruppen entlastet werden können. Wir hoffen weiterhin, einen Hausarzt für Zeutern zu finden. Die medizinische Versorgung und Nachfolgeregelungen in den Ortsteilen werden uns auch in den folgenden Jahren beschäftigen. Stichwort Innenentwicklung: Wir haben als Gemeinde viele kommunale Liegenschaften – nicht nur Hallen, sondern auch Wohngebäude –, bei denen wir uns überlegen müssen, was wir damit machen. Das wird uns nächstes Jahr massiv beschäftigen. An der Schule steht aktuell eine große Dachsanierung an. Ansonsten geht es um Straßenunterhaltung, Gehwege und Leitungssanierung – also darum, mit den vorhandenen Mitteln die Infrastruktur langfristig auf gute Beine zu stellen.
Stephan Gilliar: In Weiher wurde ja früher einmal Erdöl gefördert – wäre das eine Option, um wieder Geld reinzuholen? Ich glaube eher nicht. Vielen Dank, Frau Kimmich, für das angenehme Gespräch und alles Gute für die nächsten sieben Jahre Amtszeit. Wir erlauben uns, vorher noch einmal vorbeizuschauen.
Katharina Kimmich: Vielen Dank, sehr gerne.
Stephan Gilliar: Ciao.