Der Sommer war einmal meine liebste Jahreszeit, heute lehrt er mich das Fürchten
Der Blick aus dem Fenster
Ich liebe den Samstagvormittag. Aufstehen, gemütlich einen Kaffee brühen, entspannt vor dem Haus sitzen und überlegen, was heute alles in Garten und Hof ansteht. Danach rein in die alte, grüne, abgewetzte Arbeitshose und die schweren Arbeitsstiefel, die Ärmel hochgekrempelt und los geht es: Gießen, jäten, ernten, sammeln, ab und zu mähen, stutzen, pflegen, pflanzen… Das Schaffen im Garten, früher ein widerwillig aufgeführtes Lustspiel, ist heute etwas, auf das ich mich die ganze Woche über freuen kann.
An diesem heutigen Samstagmorgen, so wie auch schon in den unzähligen letzten Wochen, verlasse ich das Haus jedoch nicht. Ich stehe mit meiner Tasse Kaffee am Küchenfenster und sehe hinaus über das tote, braune Ödland, das einmal mein Garten war. Die Wiese ist nicht mehr als eine apokalyptische Wüste, aus der hier und da ein paar Disteln ragen. Die Blumen in den Beeten sind längst zu vertrockneten Skulpturen erstarrt. Die Bäume beginnen bereits im Juli braun zu werden und haben schon längst einen Teil ihres Obstes abgeworfen. Es macht mich unendlich traurig, diesen Ort so sehen zu müssen, der normalerweise für Natur, für Wachstum und für Leben steht.
Wässern und retten kann ich all das nicht. Zu verletzlich und angeschlagen ist unser Brunnen, der unsere einzige Wasserquelle darstellt. Um ihn zu schonen, entnehmen wir nur so viel Wasser, wie es gerade nötig ist. Für meinen Garten bleibt nichts übrig. Auch die großen Wassertanks, die ich sonst mit Regenwasser fülle, sind längst leer, längst trocken.
Die Machtlosigkeit der Natur
Ich bin keiner dieser Hobbygärtner, die glauben, in einem viereckigen, giftgrünen Rechteck die Perfektion finden zu können – nein, weit gefehlt. Eingepflanzt habe ich im Wesentlichen widerstandsfähige heimische Pflanzen, Kräuter und Stauden. Doch auch diese robusten Gewächse kommen nach Wochen ohne Regen längst an ihre Grenzen. Lediglich meine älteren Bäume, die längst tiefe Pfahlwurzeln entwickelt haben, schaffen es noch, halbwegs vital zu wirken, doch auch ihnen geht es nicht gut.
Denn diese Perversion von Sommer ist schließlich nicht der erste, sondern nur ein weiterer Höhepunkt im gnadenlos um sich greifenden Klimawandel, der auch unsere vormals so grünen Hügel fest im Griff hat. Abgesehen von ein paar wertlosen, kurzen Regenschauern, meist nicht länger als ein paar Minuten, hat es seit vielen Wochen nicht mehr geregnet.
Das neue Normal
Wenn ich mir unseren Wetterbericht ansehe, sehe ich auch in den kommenden Tagen keinerlei Hoffnung. Auch in der kommenden Woche blickt mich nur das wolkenlose Sonnensymbol an, darunter Zahlen, die uns früher absurd vorgekommen wären, die heute zum neuen Normal mutiert sind. 35, 37, 39… Ich weiß noch sehr genau, wie heiß mir damals schon Werte rund um die 30 Grad vorgekommen sind, heute gelten Temperaturen am Ende der Zwanziger schon als „Abkühlung“.
Ich habe den Sommer früher sehr geliebt, besonders die Abende, wenn das Licht golden und die Schatten lang wurden, wenn man unbekümmert draußen auf der Bank sitzen konnte, gemeinsam mit Freunden, um den Tag ausklingen zu lassen. Heute hat es selbst am späten Abend noch Temperaturen rund um 30 Grad – zu viel für mich, um draußen zu sitzen, zu viel für mich, um überhaupt irgendetwas zu leisten. Den Tag über verkrieche ich mich im Haus. Im Erdgeschoss ist es noch halbwegs kühl in unserem alten Bauernhaus aus dem 18. Jahrhundert mit seinen dicken Mauern. Die knapp 40 Grad, die draußen unbarmherzig auf Hof, Haus und Garten herabdrängen, fühlen sich schmerzhaft auf der Haut an, der Schweiß schießt sofort in die Augen, nichts davon trägt die locker-leichte Handschrift eines Sommers von einst.
Eine Katastrophe in Zeitlupe
Und während ich im Halbdunkel meines Hauses sitze und darauf warte, dass diese verlorene Jahreszeit vorübergeht, trocknen draußen Bäche, Seen und Flüsse aus, stirbt der Wald einen unsichtbaren, langsamen und leisen Tod, weicht das lebendige Grün dem tristen Braun. Und während sich diese Katastrophe seit Jahren in aller Seelenruhe und ohne jede Eile vor unser aller Augen entfaltet, geschieht: nichts. Die schwindende Ressource Wasser darf von allen und jedem in völlig beliebiger Menge entnommen und verschwendet werden – ohne Plan, ohne Sinn, ohne Verstand. Schwache Menschen sterben weiter heimlich und unbemerkt in viel zu heißen Wohnungen und Heimen. In wohlklimatisierten Räumen beschließen Regierungen, all das Drama weiterhin zu ignorieren oder gar zu befeuern. Autos werden größer und gefräßiger, während riesige Brände Wälder in nie gekannter Größenordnung in Flammen aufgehen lassen.
Ein leiser Glaube
Ich bin eigentlich ein heimlicher Optimist, habe immer geglaubt, dass wir all die vielfältigen Schwierigkeiten, in denen wir stecken, irgendwann überwinden werden. Heute, an einem weiteren unermesslich heißen Samstag, fällt mir das schwerer denn je. Und doch stehen da draußen noch immer die alten Bäume mit ihren tiefen Wurzeln, die dem Boden die letzte Feuchtigkeit abtrotzen und stumm darauf warten, dass der Regen irgendwann zurückkehrt. Vielleicht sollte ich es ihnen gleichtun.
Herr Gilliar hat mit seinen Worten und dem doch zuversichtlichen Ende bestimmt vielen Hobbygärtnern aus der Seele gesprochen. Danke, es tut gut den Schmerz des früheren Samstagvormittags (den wir alle vermissen) zu teilen.
Treffender kann man den Sommer nicht beschreiben. Sie sprechen mir aus dem Herzen.
Sehe ich leider genau so. Mich macht es traurig, wenn ich durch den (lichten) Wald spaziere und sehe, wie die kleineren Bäume langsam vertrocknen und die Bäche und Flüsse verschwinden. Früher war der Sommer die Zeit, um draußen zu sein, heute versucht man, den Tag möglichst drinnen im Dunkeln zu verbringen.
Aber so ist das nun mal in einer Demokratie: Die Mehrheit hat den Kanzler gewählt, der ihnen nicht „die Heizung aus dem Keller ausbaut“ und die Parteien, die ihnen das Autofahren nicht verbieten wollen. Nun wundern sich manche. Andere erzählen nach wie vor, dass es früher schon heiße Sommer gab und dass das alles normal wäre.
Ich hoffe jedoch, dass wir irgendwann zur Vernunft kommen und gemeinsam daran arbeiten, das ganze zu verlangsamen oder möglicherweise sogar zu stoppen.
Strom kommt aus der Steckdose und Wasser aus dem Wasserhahn. Wo ist das Problem. Im Baumarkt gibt es sogar Farbspraydosen für den Rasen. Wer jetzt das Heulen bekommt, soll zum Kick und sich ein paar Stofftaschentücher kaufen. Handgenäht von Uiguren. Ich hänge meinen Anhänger an mein Quad und hole mir an der Quelle 200 Liter Wasser für meinen Vorgarten. Wenn da nix mehr ist pump ich das aus der Kraich. Fische gibts ja in der Dose. Was brauchen die Wasser !?
@ Martin Rausch
Vielen Dank für die sinnvollen, sowie zum Teil auch sparsamen Tipps. Viele Zusammenhänge sind mir dadurch klar geworden. Warum bin ich da nicht selbst drauf gekommen?
Vielleicht ist für mich jetzt auch die Zeit für einen Quad gekommen:)
Es ist einfach mal wieder ein herrlicher Sommer.
Gut geschrieben, Respekt.
Ich traue es mich kaum zusagen, aber in 10-15 Jahren werden wir „diesen“ Sommer, sogar als kühl ansehen….
Ein großes Kompliment für den zutreffenden Bericht! Ich mag den Sommer sehr und Wärme ertrage ich gut, aber im Moment ist es doch zuviel. Einmal wieder am Tag den Rolladen oben lassen, das wäre mein Wunsch!! Herzliche Grüße Hildegard H.
Danke, dass Sie das Thema ansprechen und für den so eindrücklichen Artikel. Mich macht das Ganze auch sehr betroffen. Ich versuche, in meinem Handeln und Entscheiden stets die Nachhaltigkeit als oberes Gebot zu beachten, weiß aber, ich und wir alle und müssen noch mehr tun. Können wir auch! Also, liebe Mitmenschen, lasst uns diesen Sommer als Warnung nehmen und packt mit an – Fahrrad statt Auto, Urlaub in Deutschland statt Flugreisen, Gärten mit einheimischen Arten statt 2mm-Rasen umfasst mit Kirschlorbeerhecke – und SUVs braucht wirklich keiner. Neben unseren Kindern dankt uns das auch der Geldbeutel und unsere Gesundheit !
Gut geschrieben !
Mir geht es auch so wie vielen Menschen zur Zeit. Man sehnt sich nach angenehmeren kühleren Temperaturen und ganz besonders auf Regen. Der Rasen ist dürr fast kein Halm von grünem Gras ist mehr übrig . Die Äpfel fallen vom Baum sind grün und hart Vor 3 Wochen waren wir am Bodensee Erschreckend wie wenig Wasser der See hat im Vergleich zu den Jahren vorher. Man sitzt nur noch in verdunkelten Räumen mit zum Teil Ventilator an wenn die Raumtemperaturen auf fast 30 Grad ansteigen. Ich kann mich mit meinen 60 Jahren an solche Sommer mit fast 40 Grad und eine solche Dürre und Wasserknappheit nicht erinnern
Vielen Dank Herr Gilliar für diesen Bericht, der mir aus dem Herzen geschrieben scheint. Und ich kann Ihnen sagen, mir geht es genauso. Früher liebte ich den Sommer, heute fürchte ich ihn und ich freue mich auf den Herbst, den Winter und das Frühjahr, um dann wieder Angst vor dem nächsten Sommer zu bekommen. Wenn man, wie ich, viel in der Natur unterwegs ist, dann trifft einen die Hitze und der Anblick der sterbenden Vegetation, der versiegenden Bachläufe, laubwerfenden Bäume im August, wie ein Blitz ins Herz. Besser als Ihr Artikel kann man es nicht schreiben! Mit dem Hund kann man entweder früh morgens ab Sonnenaufgang bis max 2 Std danach oder spät Abends bis in die Dunkelheit hinaus. Im Garten lassen, wenn man selbst einmal das Haus verlässt, kann man ihn nicht. So tut mir nicht nur die Menschheit, sondern auch die vielen Haustiere, die mit ihren Besitzern in ihren Wohnungen leiden, die Wildtiere, die weder Wasser noch Futter finden, leid. Ich hoffe, dass, wenn es der Wirtschaft so richtig weh tut, dass dann ein Wandel im Denken einsetzt. Money hurts !!! Alles andere greift beim menschlichen Verstand nicht! Es erinnert mich etwas an die Corona Zeit, der man hilflos ausgeliefert war und einfach abwarten musste. Hoffentlich bleiben wir resilient bis der Regen alle erlöst. LG
Ich kann ihre Gedanken und Gefühle zu 100% nachempfinden. Es geht mir genauso. Es ist einfach unendlich traurig zu sehen, wie die Natur leidet. Die Blätter sich zusammenrollen und trocken von den Bäumen fallen. Das tut mir fast körperlich weh. Ich mag diesen Sommer nicht mehr und sehne die ersten Regentropfen und den Herbst herbei.
Leider werden die Schäden in der Natur den Sommer überdauern. Wer das noch schön redet, dem ist auch nicht mehr zu helfen. Und nein, solche Sommer gab es eben nicht schon immer. Die Sommer meiner Kindheit hatten 28, vielleicht auch an einzelnen Tagen mal 30 Grad.
Tja…manchmal ist es schwer, dabei noch die Laune zu behalten. Aber- die Hoffnung stirbt zuletzt.
Liebe Grüße, E.B.