Auf der wilden Wiesn

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Zum fünften Mal rockt die Weide in Flehingen

von Stephan Gilliar

Wilde Mischung auf der Kuhweide

Ich dachte, wenn meine Tochter morgens Marmelade auf ihr Käsebrot schmiert, ist das eine wirklich wilde Mischung. Himmel Arsch und Zwirn, was lag ich doch schief. Was eine wirklich wilde Mischung ist, weiß man erst, wenn man einmal zu Gast auf Jessy´s und Steffen´s Kuhweide war – dann, wenn dort zum Herbstbeginn alljährlich ihr selbstgemachtes und handgemachtes Open Air Festival “Rock die Weide” steigt.

Dann fangen die beiden an, alles ineinander zu mischen, von dem man im ersten Moment denken würde, dass es so überhaupt nicht zusammenpasst… Tja, nur um wenig später auf den Trichter zu kommen: Das passt noch besser als Arsch auf Eimer. Ha jo, wenn eine Mischung aus Profi-Stylistin und Milchbauer auf ihrem Acker alle Altersgruppen von 0–99 verquirlt, ein hochgradig professionelles Rockfestival mit einem good old fashioned Dorffest kreuzt, Volksmusik und Heavy Metal gemeinsam in den Mixer wirft und alles auf höchster Stufe häckselt, dann kommt dabei nicht weniger heraus als die – sie mögen mir die Wortwahl nachsehen – geilste Show, die der Kraichgau jemals gesehen hat.

Metalhead meets Volksmusik

Es ist aber auch ein Bild für Götter, die Gesichter der tätowierten und in wilde Hardcore-Band-Shirts und Lederkutte gekleideten Metalheads zu sehen, wenn die Regie als Opener für die Troglauer die “Weiße Rose” von den Kastelruther Spatzen über der Weide ausschüttet. Aber da Metal-Fans die friedliebendste Spezies auf diesem Planeten sind, arrangiert man sich innerhalb von Minuten und schüttelt das Haupthaar eben auch mal zu den schrillen Quetschkommoden-Vibes aus der Oberpfalz.

Nach einem wirklich schönen und harmonischen Opener durch die Vorgruppe “Zweiter” lassen die Troglauer auf der Weide ein ordentliches Feuerwerk steigen, sind sich für keinen Spaß zu schade, geben Gas, als würden sie gerade vor 100.000 Mann auf der Münchner Wiesn spielen… was sie – by the way – durchaus schon gemacht haben. Der Kraichgau geht mit, freut sich, jubelt und tanzt, egal ob zu geliehenen Partynummern wie der Lampe aus den Siebzigern oder selbstgemachtem bayerischen Kulturgut wie der Powerhymne vom Haberfeldtreiber.

Ob mit dem Fuffzehn-Liter-Weißbierglas, dem Bobfahrer-Sturzhelm auf den wilden Locken oder einer hüpfenden Sackkarre – Frontmann Domml weiß eh, wie man eine gute Show abfeiert.

Wenn der Donnerbalken bebt

Noch während die Troglauer zum großen Finale, pünktlich mit einem wunderschönen violetten Sonnenuntergang im Rücken, ansetzen, fangen backstage die harten Jungs vom Donnerbalken bereits damit an, reichlich schwarze Farbe im Gesicht zu montieren. Was sie heute Abend vorhaben, wäre vermutlich weit weniger Wiesn-kompatibel als die Setlist der Troglauer.

Sie zollen lieber Tribut an Vorbilder wie Rammstein, Onkelz, Metallica oder AC/DC. Wenn´s knallt, dann donnerts eben… So kennt man die Jungs aus dem Enzkreis, für die der Auftritt auf der Flinger Kuhweide keineswegs eine Premiere ist. Mit reichlich Bumms aus den Boxen, gut geteerten Stimmen und Pyrotechnik bringen sie den Sound wieder ein paar Oktaven weiter nach unten – und die Stimmung der Metalheads weiter nach oben.

Ein Festival mit Zukunft

Es ist ein Festival, das einfach Spaß macht. Ein Abend, auf den man sich völlig zurecht den ganzen Sommer über freuen darf und der nach dieser fünften Auflage irreversibel zum guten Porzellan des Kraichgauer Kulturlebens zählt.

Aus dem Nichts erschaffen von zwei talentierten Quereinsteigern, die vorher mit der Organisation von Festivals so viel zu tun hatten wie sie und ich – absolut nichts.

Möge “Rock die Weide” noch lange leben, möge der Acker der beiden noch lange beben und mögen Steffens Kühe am Tag danach leckere Milchshakes geben. Lasst es weiter krachen, ihr beiden – das habt ihr gut gemacht.

6 Kommentare zu „Auf der wilden Wiesn“

  1. Ich persönlich bedauere ein wenig die Tiere, die stundenlang dieser lauten Musik ausgesetzt sind. Ich selber habe die Musik in Menzingen gehört als ich schon im Bett lag.

  2. Ich bin letztes Jahr das erste Mal auf dieses Festival aufmerksam geworden. Abgeschreckt hatte mich, dass man fast ausschließlich auf Cover Bands gesetzt hat, was sich wohl auch weiterhin durchzieht.
    Dafür ist mir die Veranstaltung bei aller Liebe dann doch zu teuer, vor allem wenn man bedenkt, dass unsere Kids den gleichen Preis bezahlen sollen.

    Klar sind die etablierten Bands teuer, aber es geht auch anders, wie es der Musikverein Hart e.V. bei seinen Open Airs auf der Kartbahn immer wieder bewiesen hat.

    Falls man sich traut kleineren Bands mit eigener Musik, die ganz oft echt was drauf haben, eine Bühne zu bieten und auf die Cover Bands mit dem ewig gleichen Setup zu verzichten, komme ich mit Kind und Kegel gerne mal vorbei.

  3. Das ist so nicht ganz richtig. Sowohl die Troglauer als auch Donnerbalken haben durchaus auch eigene Titel im Repertoire..

  4. Ich war am Wochenende selbst als Gast beim Festival und möchte zu den kritischen Kommentaren Folgendes sagen:
    Das Tierwohl wird hier nicht „nebenbei“ behandelt, sondern steht an oberster Stelle. Entsprechende Unterlagen müssen regelmäßig beim Regierungspräsidium und den zuständigen Behörden eingereicht werden – und genau das geschieht auch. Der Hof lebt von seinen Tieren, die Veranstalter ebenso. Wer hier ernsthaft unterstellt, dass man die Tiere wissentlich leiden lässt, verkennt schlicht die Realität.

    Zum Thema Coverbands: Musikgeschmack ist individuell. Wer Coverbands ablehnt, soll das gerne tun – aber daraus abzuleiten, dass das Festival weniger wert sei, ist schlicht unfair. Die Besucherzahlen sprechen eine deutliche Sprache: So viele Menschen kommen nicht jedes Jahr wieder, wenn das Konzept nicht aufgehen würde. Und dass etablierte Bands und ein ganzes Festival mit Infrastruktur Geld kosten, sollte auch jedem klar sein. Außerdem wurden dieses Jahr Familienkarten angeboten, sodass Kinder und Erwachsene nicht denselben Preis bezahlen müssen.

    Man darf außerdem nicht vergessen: Das Ganze wird von zwei Privatpersonen organisiert, die ohne professionelle Agentur ein Event auf die Beine stellen, das in dieser Qualität und mit dieser Atmosphäre in der Region einzigartig ist. Wer dafür kein Verständnis hat oder wem das Angebot nicht gefällt, hat die einfachste Lösung überhaupt: nicht hingehen.

  5. Es war ein absolut geiles und gelungenes Festival und war zum Teil besser organisiert als manches „Groß Event“.Meinen größten Respekt an die Veranstalter und deren Helfer – es war alles Top.
    Die Menge hatte Spaß , und freut sich auf eine Fortsetzung
    Grüße der Fan aus Gochze🤘

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