Die Dorfpride kommt – Am 31. Mai erlebt Zeutern seine erste große queere Kundgebung
Wir leben in einer aufgeklärten Zeit, in der allen dieselben unveräußerlichen Grundrechte zustehen, in der die Gedanken frei und die Würde des Menschen grenzenlos ist. Würden Sie diesen Satz unterschreiben, würden Sie in Gedanken nicken, wenn Sie diese Zeilen lesen? Nun, ganz so einfach ist es natürlich nicht. Selbstverständlich hat die liberale, freie und aufgeklärte Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten einen enormen Sprung nach vorne gemacht – doch beständig versuchen Gegenbewegungen, Errungenschaften wieder zunichte zu machen und uns in eine Zeit zurückzuwerfen, die kaum als ruhmreich in die Geschichtsbücher eingehen dürfte.
Wussten Sie zum Beispiel, dass noch bis in die Achtzigerjahre hinein in manchen europäischen Ländern Menschen zwangssterilisiert wurden? Dass Vergewaltigung in der Ehe noch weit bis in die Neunzigerjahre hinein nicht einmal strafbar war und Übergriffe in kirchlichen und staatlichen Einrichtungen quasi zur Tagesordnung zählten? Oder dass Menschen mit Behinderungen noch fast bis zur Jahrtausendwende systematisch entrechtet und gegen ihren Willen medikamentös ruhiggestellt wurden? Wussten Sie ferner, dass Homosexualität in Deutschland noch bis 1994 als Straftat galt – mit der Folge, dass Abertausende Menschen verurteilt und gesellschaftlich geächtet wurden?
Halten wir es kurz: Alle, die nach den diffusen und zutiefst unmenschlichen Logiken unserer Gesellschaft nicht auf der Spitze der gaußschen Glockenkurve der „Normalität“ ritten, mussten sich auch in unserer Gesellschaft mit Ausgrenzung und Erniedrigung befassen – das ist leider Fakt.
Wo Unrecht ist, da ist Widerstand – und das ist auch gut so. Für queere Menschen, also alle, deren sexuelle Orientierung, geschlechtliche Identität oder Lebensweise nicht der gesellschaftlichen Mehrheitsnorm entspricht, war das Jahr 1969 ein äußerst neuralgischer Punkt. Damals war es in den USA an der Tagesordnung, dass besonders in Bars und Kneipen, die von homo- und transsexuellen Menschen aufgesucht wurden, „zufälligerweise“ sehr häufig Razzien der Polizei stattfanden.
Im Sommer 1969 kam es in der New Yorker Bar „Stonewall Inn“ in der Christopher Street erstmals zu einem breiten Widerstand gegen diese offensichtliche staatliche Willkür. Die Folge? Nicht weniger als ein gesellschaftlicher Aufbruch, eine Welle der Solidarität – aber auch tagelange Auseinandersetzungen zwischen Zivilgesellschaft und Polizei. Man kann dieses Ereignis durchaus als Wendepunkt für die LGBTQIA+-Community bezeichnen. Der Name der Straße, in der sich die Bar befand, steht heute für eine Veranstaltung, die sich weltweit durchgesetzt hat und uns allen als Christopher Street Day bekannt ist.
Seien Sie ehrlich: Wenn Sie an den Christopher Street Day denken, dann denken Sie vermutlich an Großstädte, an ganze Straßenzüge voller Fahnen und feiernder, tanzender Menschen. Sie denken vielleicht an Hamburg, an Berlin oder vielleicht auch an Karlsruhe, wo 1984 der erste CSD stattfand. Lassen Sie mich raten – Sie denken vermutlich weniger an Zeutern, das süße Weindörfchen, den kleinsten Ortsteil von Ubstadt-Weiher. Nun ja, ab dem 31. Mai könnten sich diese Bilder vielleicht besser miteinander verbinden als bisher. Denn an diesem Datum werden erstmals in der Geschichte von Ubstadt-Weiher queere Menschen auf die Straße gehen, Flagge zeigen und Gesicht zeigen.
Und wenn wir ehrlich sind: Warum denn bitte auch nicht? Queere Menschen leben und wirken nicht nur in Großstädten, sondern natürlich auch auf dem Land – das ist allein schon eine simple statistische Gewissheit. Anders als in der Stadt gibt es auf dem Dorf jedoch kaum sichtbare Communities, kaum Anlaufstellen, keine Beratungszentren, keine Angebote und nur wenige Orte, an denen man zusammenkommen und Gemeinsamkeit leben kann.
Die Dorfpride setzt sich für flächendeckenden Schutz und Sichtbarkeit queerer Menschen insbesondere im ländlichen Raum ein – durch gezielte Gewaltprävention, kostenlose Beratungsangebote, queere Jugendarbeit, sichere Begegnungsorte in jedem Dorf sowie umfassende Sensibilisierungsmaßnahmen für Verwaltung, Bildung und öffentliche Einrichtungen.
Das ist auch weiterhin nötig – denn Druck und Anfeindungen sind nicht etwa auf dem Rückzug, sie nehmen weiter unbeirrt zu. Bereits im vergangenen Dezember veröffentlichte das Bundeskriminalamt neue Zahlen, die klar belegen, dass queerfeindliche Straftaten boomen. Allein 2023 wurden 17.000 durch Hass motivierte Verbrechen erfasst – die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen.
Die Dorfpride soll ein Zeichen setzen, Forderungen an Politik und Gesellschaft erneuern, Aufmerksamkeit schaffen – und ein Bewusstsein für all jene, die viel zu oft nicht gesehen werden. Angefangen hat alles vor fünf Jahren, 2020 in Mühlhausen, erzählen Patrick und Vanessa, beide im Organisationsteam der Dorfpride, im Redaktionsgespräch. Auf einer Party sei es zu der Blitzidee gekommen – die auch am nächsten Morgen noch Bestand hatte und sich zu einem handfesten Projekt entwickelte. Mit einem gemeinsamen Kraftakt wurde die erste Dorfpride auf die Beine gestellt – alles andere als leicht mitten in der Corona-Pandemie. Doch am Ende zogen rund 500 Menschen mit Maske und Abstand friedlich und fröhlich durch Mühlhausen.
Die Idee war von Anfang an ein voller Erfolg, die Resonanz um ein Vielfaches höher, als das Orga-Team sich überhaupt hätte vorstellen können. Bei einer der Neuauflagen in Ladenburg waren es bereits über 1.200 Menschen, die sich an der Dorfpride beteiligten – darunter auch viele, die sich spontan solidarisierten oder einfach vom Sog der Menge erfasst wurden, erzählen Patrick und Vanessa. Da gab es Sportvereine, die sich Trikots in Regenbogenfarben überzogen, Anwohnende, die einfach so Haus und Hof öffneten – und, das freut beide besonders – auch ältere Menschen, die offen und interessiert das Gespräch suchten, ganz ohne Vorbehalte.
Und natürlich – das dürfte bei besorgniserregenden zweistelligen Wahlergebnissen rechter Parteien kaum jemanden überraschen – gibt es auch Gegenstimmen. Gerade in Zeiten, in denen rechte Parteien zweistellige Wahlergebnisse erzielen, zeigen sich immer wieder Menschen, die queeres Leben grundsätzlich ablehnen. Einmal habe es sogar eine Gegendemonstration einer rechtsextremen Partei gegeben, erzählt Patrick – doch das seien nur eine Handvoll Menschen gewesen. Trotzdem ist man achtsam, die Sicherheitsbedenken steigen Jahr für Jahr. Während die Polizei anfangs lediglich den Verkehr rund um die Demo regelte, gibt es heute eine Analyse und Einschätzung potenzieller Bedrohungslagen durch das Landeskriminalamt – sowie eine enge Abstimmung mit dem Organisationskomitee.
Mit Zeutern verlässt die Veranstaltung erstmals den Rhein-Neckar-Kreis und wagt den Sprung in den Landkreis Karlsruhe. Zeutern ist in vielerlei Hinsicht eine Premiere – zumal es mit Abstand die kleinste Gemeinde ist, in der die Dorfpride jemals stattfand. Dennoch sind die Rahmenbedingungen hier ideal, weiß Vanessa. Allein die Anbindung an den ÖPNV ist hier gut – eine zentrale Voraussetzung, um die Anreise der Teilnehmenden möglichst leicht zu gestalten. Von einer Anreise mit dem Auto wird ohnehin abgeraten, denn gerade auf dem Dorf gibt es kaum ausreichend Parkplätze für eine Veranstaltung dieser Größenordnung.
Dass die Dorfpride etwas bewirkt – tatsächlich Bewusstsein und Wertschätzung schafft – darüber sind sich die Mitglieder des Orga-Teams einig. „Kritik ist immer lauter als Konsens“, sagt Patrick – und spricht damit im Grunde die alte Kraichgauer Weisheit aus: „Gebruddelt isch ewwe schneller.“ Dass aber viel mehr Menschen der Sache gegenüber positiv und wohlwollend eingestellt sind, davon sind Patrick und Vanessa überzeugt.
Auf den 31. Mai freuen sie sich – auch wenn bis dahin noch viel Arbeit zu erledigen ist. Wir freuen uns auch – und sind uns ganz sicher, dass das liebenswerte Zeutern wie immer in jeder Hinsicht positiv zu überraschen weiß.
Wieder ein wertschätzender Bericht, genau auf den Punkt gebracht. Ich freue mich auf eine bunte vielfältige Dorfpride im „ süssen Weinort Zeutern“
Ich war vor Jahren auf dem Christopher Street Day in Köln.
Leider musste ich dort genau das erleben, was andersherum gerne vorgeworfen wird – Ausgrenzung und Beschimpfung.
Ich war dort mit meinem damaligen Freund (heute mein Mann). „Verschwindet, ihr sch*** Heten!“ war noch der freundlichste Gruß, der uns erreicht hat.
Die queere Community nehme ich als extrem exklusiv wahr.
Cis Menschen (wie man so schön neudeutsch sagt) sind weitestgehend unerwünscht und daher frage ich mich, ob ein „Zusammen“ überhaupt erwünscht ist.
Den Schildern nach zu urteilen, die ich nach kurzer Recherche im Internet zur Dorfpride gefunden habe, liege ich mit meiner Einschätzung wohl nicht ganz verkehrt.
Ich wünsche dem Orga-Team trotzdem viel Erfolg bei seiner Mission. Auf dass es eine friedliche, fröhliche und inklusive Veranstaltung werden werde!
Jede Wette,
dass die Bevölkerung von Ubstadt-Weiher schon seit Jahrzehnten „sehnsüchtig“ auf so ein Ereignis wartet.
Was steht denn auf den Schildern? Kannst Du uns die Quelle nennen?
Sofern die Wortwahl durchgeht:
z.B. „Fuck the CIS-tem“ … man stelle sich vor, jemand würde ein Schild hochhalten mit dem Gegenteiligen Wortspiel …
Und genau deshalb sollte sie jedes Jahr stattfinden.
❤️
Ach warum nicht! Es passiert so viel negatives auf dieser Welt da ist doch das alles in Ordnung. Es wird niemand verletzt, alle sind glücklich dabei. Es ist doch freiwillig. Leben und Leben lassen. Diejenigen die Probleme damit haben müssen ja nicht hin!! Ich wünsche tolles Wetter, nette Leute und gutes Gelingen!!
❤️
Grundsätzlich ist das nix dagegen einzuwenden ! So fern ^^niemand^^ ausgegrenzt wird 😉.
Hab das Original nicht gefunden. Was glaubst Du was Homosexuelle und Trans- Menschen ertragen müssen. Da darfste nicht so dünnhäutig sein.
Es geht nicht um Dünnhäutigkeit …
Hass, Beschimpfung und Ausgrenzung sollten doch eigentlich in alle Richtungen ein No-Go sein oder gibt es deiner Meinung nach Menschen, bei denen das völlig ok ist, weil sie eben keine strukturelle Diskriminierung erfahren?!
Die Antwort auf Hass darf doch nicht Hass sein!
Ich bin Mensch, du bist Mensch … das ist die einzige Kategorisierung, die ich benötige!