2700 Meter heile Welt – Ewig dampft das Bähnle

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Ein liebes Stück heile Heimat: Seit bald 60 Jahren fährt die Schlossgartenbahn durch Karlsruhes grüne Lunge.

von Stephan Gilliar

Mein Karlsruhe verändert sich. Viel zu schnell, wenn Sie mich fragen, aber das ist wohl nun mal der Lauf der Welt. Obwohl die Fächerstadt gerade mal eine halbe Stunde von Bruchsal entfernt ist, schaffe ich es nur ziemlich selten, meiner Heimatstadt einen Besuch abzustatten. Jedes Mal, wenn ich dort bin, fällt mir auf, was sich gerade wieder verändert hat. Manches zum Guten, manches weniger. An das Verschwinden der Straßenbahn unter die Erde werde ich mich wahrscheinlich nie gewöhnen; mir fehlt das Rattern der alten Holzklasse über die Kaiserstraße. Noch immer laufe ich instinktiv links oder rechts der Straßenmitte – manche Sachen sind einfach in Fleisch und Blut übergegangen.

Doch es gibt einen Ort, an dem das gute alte Rattern immer noch zu hören ist, an dem sich seit meiner Kindheit kaum etwas verändert hat. Jedes Jahr zur Osterzeit wird im Schlossgarten das alte treue Bähnle aus seinem Winterschlaf geholt, damit es wie eh und je seine Runden durch Karlsruhes schönste Winkel drehen kann. Der Schlossgarten ist und bleibt das Paradies Karlsruhes, ein Refugium, das unverhandelbar und dessen Grund und Boden für die Menschen in der Stadt unantastbar ist. Man erinnere sich nur an den heftigen Widerstand gegen die Erweiterung des Bundesverfassungsgerichts hinein in den Botanischen Garten. Etwas Federn lassen musste dieser Garten Eden am Ende doch, zumindest wurde schließlich ein Kompromiss erzielt, der nicht allzu wehgetan hat.

Doch egal wie schnell sich die große weite Welt in Karlsruhe auch drehen mag, manche Dinge sind und bleiben heilige Reliquien – und dazu zählt Gott sei Dank auch das Bähnle. Seit 1967 fährt es seine immergleiche Route durch den Schlossgarten, einen einzigartigen weitläufigen Park, dort, wo der Karlsruher Fächer im großen Schlossturm konvergiert. Uralte Bäume, verschlungene Pfade, Wasserspiele, versteckte Winkel, satte grüne Wiesen und zwischendurch die schmalen Gleise mit ihrer bescheidenen Spurweite von 600 Millimetern.

Traditionell am Karfreitag setzt sich in jeder Saison, gutes Wetter vorausgesetzt, die Schlossgartenbahn in Bewegung. Es gibt gleich mehrere Triebfahrzeuge, manche davon mit Diesel betrieben, aber auch klassisch mit Dampf. Besonders am Wochenende ist es die rote Dampflok „Greif“, die viele Menschen in den Park lockt, ansonsten aber auch die gute alte „Susi“ oder die elektrisch angetriebene „Emma“. Ganz früher waren es sogar noch mehr, denn Ursprung und Blütezeit der Schlossgartenbahn war ein Event, das Karlsruhe wahrscheinlich niemals vergessen wird: die große Bundesgartenschau im Jahr 1967.

Vor ziemlich genau 60 Jahren riss man sich in Karlsruhe die Eintrittskarten hierfür aus den Händen; die ganze Stadt war in Aufbruchstimmung, überall wurde gebaut, gepflanzt und gegärtnert. Nahezu 100 Hektar Stadtfläche wurden damals in die Planungen miteinbezogen. Neben dem Schlossgarten waren das der Schlossplatz, der Botanische Garten, der Fasanengarten und der Stadtgarten. Der dort angesiedelte Zoo musste sogar teilweise in den Oberwald ausgelagert werden, damit genug Platz für die Ausstellungsfläche geschaffen werden konnte. Darüber hinaus wurden im damals absolut innovativen Stadtteil Waldstadt mehrere Häuser erbaut – mit einzigartigen Schaugärten, ein Paradebeispiel der damaligen Zeit.

Und, nun ja, als besondere Attraktion wurde im Schlossgarten die Schlossgartenbahn, heute liebevoll das „Bähnle“ genannt, aus der Taufe gehoben. Vier Züge zogen am Anfang hier ihre Kreise und sollten ursprünglich samt den Gleisen zum Ende der Schau wieder abgebaut werden. Doch die Karlsruher hatten sich in ihre Bahn verliebt, und wenn sich Badener etwas in den Kopf gesetzt haben, tut man gut daran, einfach mitzuziehen. Dabei waren durchaus dicke Bretter zu bohren: Das Regierungspräsidium Karlsruhe belegte den Weiterbetrieb mit hohen Auflagen, unter anderem der Errichtung eines eigenen Betriebshofs für die Bahn. Zunächst erbarmte sich ein privater Betreiber, übergab aber schließlich das Geschäft in den achtziger Jahren an die Verkehrsbetriebe Karlsruhe, die auch heute noch Jahr für Jahr dafür sorgen, dass die Karlsruher knapp drei Kilometer lang bei schönem Wetter durch den Schlossgarten rattern können.

Steffen Waidelich und sein Team im Führerstand der Greif

Besonders beliebt ist die Dampflokomotive „Greif“ in ihrem herrlichen Rot. Betrieben wird diese durch Steffen Waidelich, der die Lok als Subunternehmer der VBK auf Kurs hält. Zu der kleinen tapferen Dampfmaschine hat er ein liebevolles Verhältnis, wie er auf seiner Webseite schreibt – schon seit er ein Schuljunge war. 2016, also vor genau zehn Jahren, hat er sich der Bahn angenommen und dreht auch heute noch seine Runden durch den Schlossgarten, unterstützt von einem aufopferungsvollen und enthusiastischen Team.

Als Karlsruher darf man mit Fug und Recht stolz auf die alte Schlossgartenbahn sein, die nächstes Jahr ihr 60-jähriges Jubiläum feiert. Hoffentlich bleibt sie uns auf alle Zeiten erhalten: ein heiles Stück Karlsruhe, eine Reise durch die Geschichte der Stadt und durch die eigene Kindheit auf 2,7 Kilometer Länge.

1 Kommentar zu „2700 Meter heile Welt – Ewig dampft das Bähnle“

  1. Vielen DANK für diese Geschichte. Es ist mir bekannt, daß es ein solches Bähnle gibt, aber als Fahrgast hatte ich noch nicht das große Vergnügen. Wenn ich bei meiner Tante und meinem Onkel in Durlach zu Besuch war, dann gab es immer mal wieder den Besuch von Trainingseinheiten des KSC.

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