Vom Balkan in den Kraichgau

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Willkommene Verstärkung für die Pflege – Fünf junge Fachkräfte aus dem Kosovo starten an den Kliniken in Bruchsal und Bretten durch.

Machen wir uns ehrlich – Es ist eine Katastrophe mit Ansage: Seit Jahren klafft in Deutschland die Schere zwischen Pflegebedarf und verfügbaren Pflegekräften immer weiter auseinander. Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass in den kommenden Jahren mindestens eine halbe Million Fachkräfte fehlen werden – und das allein, um eine halbwegs funktionale Versorgung überhaupt noch aufrechterhalten zu können. Der demografische Wandel und die zunehmende Überalterung der Gesellschaft wirken hier als Brandbeschleuniger. Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt – wir reden von hunderttausenden Menschen zusätzlich, die auf professionelle Hilfe angewiesen sein werden. 

Wenn Stationen stumm werden

Dieser Notstand betrifft längst nicht mehr nur Altenheime. Auch in deutschen Kliniken schrillen die Alarmglocken. Laut einer aktuellen Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO und des Deutschen Krankenhausinstituts berichten 94 Prozent der Krankenhäuser von unbesetzten Pflegestellen auf den Allgemeinstationen – auf Intensivstationen sind es im Schnitt sogar zwölf Prozent. Das meldet das Deutsche Ärzteblatt mit Verweis auf die Untersuchung. Die Konsequenz ist so einfach wie dramatisch: Ohne Pflegepersonal steht alles still. Die schönsten Räume, das modernste Equipment, die kompetentesten Ärzte – ohne Pflegerinnen und Pfleger läuft buchstäblich nichts.

Lösungen jenseits der Landesgrenzen

Das ist auch der RKH, der Regionalen Kliniken Holding, längst bewusst. Sie betreibt mit der Fürst-Stirum-Klinik in Bruchsal und der Rechbergklinik in Bretten zwei wichtige Standorte im Landkreis Karlsruhe – und auch hier sind Pflegekräfte seit Langem Mangelware. Ein Zustand, der nicht nur das Personal belastet, sondern den gesamten Klinikbetrieb ausbremst. Also entschloss sich das Team um Pflegedirektorin Lisa Müller zu einem mutigen Schritt und erweiterte den Suchradius radikal: 1780 Kilometer bis nach Pristina, der Hauptstadt des Kosovo.

Für ein solches Unterfangen gibt es in Deutschland übrigens keinerlei standardisierte Verfahren, darüber berichtet gerade erst diese Woche die Tagesschau in einem größeren Artikel zum Thema. Das Fazit ist wenig erbaulich: So seien die Anerkennungs- und Genehmigungsprozesse nicht einheitlich, was Wartezeiten von mehreren Jahren nach sich ziehen könne. Tja, bei aller Liebe, aber hier erkennt man nicht die Handschrift einer Politik, die den Pflegenotstand vollumfänglich verinnerlicht hat.

Vom Studium auf Station

Doch Lisa Müller kann bereits auf erste Erfolge verweisen. In Kooperation mit dem Kolping-Bildungswerk gelang es der RKH, gleich mehrere junge Menschen für den beruflichen Neustart im Kraichgau zu gewinnen – und das mit Bravour. Kolping übernahm die bürokratischen Mammutaufgaben: Visa, Genehmigungen, Formulare. Die RKH kümmerte sich derweil um Unterkunft und Integration. Seit Mitte Mai sind Erzana, Vlora, Argjira, Florentina und Euron nun in Bruchsal und Bretten angekommen – und machen auf ganzer Linie Eindruck.

Einfühlsam, sprachgewandt, bereit

Im Gespräch mit unserer Redaktion erleben wir die fünf als offen, fröhlich und erstaunlich sprachgewandt. Trotz nur sechs Monaten Deutschunterricht in der Heimat funktioniert die Kommunikation beinahe reibungslos – ein Talent, das Respekt verdient. Dass sie sich trotz getrennter Einsatzorte als eingeschworenes Team verstehen, zeigt sich auch in der Freizeitgestaltung: Die jungen Frauen wohnen gemeinsam in WGs, Euron, als bisher einziger Mann der Gruppe, in einer eigenen Wohnung. Doch im Klinikalltag trifft man sich regelmäßig – spätestens bei den vorgeschriebenen Fortbildungen.

Hochschulabschluss statt Kurzausbildung

Diese Fortbildungen sind gesetzlich vorgeschrieben, um die Anerkennung der Ausbildung auf deutschem Niveau sicherzustellen. Zar ein gut gemeinter Gedanke, der allerdings auch impliziert: Hier fehlt noch etwas. Dabei haben alle fünf an der Universitätsklinik in Pristina ein reguläres Hochschulstudium absolviert – deutlich über dem Niveau vieler deutscher Pflegeausbildungen. Dennoch: Bis zur vollständigen Anerkennung liegen noch einige Monate Zusatzqualifikation vor ihnen. Und auch hier muss man sich die Frage stellen, ob mit solch, möglichst hoch liegenden Latten, dem bereits heute äußerst kritischen Personalmangel im Lande entgegen gewirkt werden kann. 

Erste Erfolge, große Pläne – und ein außergewöhnlicher Einsatz

Für Lisa Müller sind die fünf Neuzugänge ein echter Glücksgriff: engagiert, freundlich, lernwillig. Es hat ganz einfach gefunkt und das ist auch Lisa Müller zu verdanken, die mit ihrer lieben und freundlichen Art, vielleicht hier und da schon ein bisschen Mama-Ersatz geworden ist ;-)  Denn dass die Integration der neuen Pflegekräfte so reibungslos funktioniert, ist nicht zuletzt dem persönlichen Einsatz der Pflegedirektorin und ihres Teams zu verdanken – und zwar weit über das normale Maß hinaus.

Lisa Müller hat sich nicht auf abstrakte Strategien oder wohlklingende Konzepte verlassen. Sie hat gemeinsam mit ihrem Team buchstäblich selbst angepackt. Wohnungen wurden organisiert, auch weil die Klinik selbst über keinen nennenswerten Wohnraum verfügt. Vermieter wurden persönlich abgeklappert, Mietverträge vermittelt. Die Grundausstattung der WGs? Höchstpersönlich bei IKEA besorgt, in den Kofferraum geladen, aufgebaut. Wer schon mal einen Schlafzimmerschrank von IKEA aufgebaut hat, weiß, das muss Liebe sein. Nur auf diesem Fundament – menschlich, empathisch und unbürokratisch – kann Integration nicht nur gelingen, sondern wirklich nachhaltig wirken. Während anderswo noch über Fachkräftemangel debattiert wird, werden in Bruchsal und Bretten längst tragfähige Brücken gebaut. So, genug Lobhudelei, aber Ehre, wem Ehre gebührt.

Ein Team wächst zusammen

Natürlich braucht Integration Zeit. Aber das erste vorsichtige Beschnuppern ist längst einer echten Kollegialität gewichen. Die fünf Neuen sind angekommen, sowohl beruflich als auch menschlich. Der tägliche Austausch hilft dabei, sprachlich wie fachlich weiter zusammenzuwachsen – und das auf pragmatische, sympathisch undogmatische Weise. Learning by doing, sozusagen. Und es funktioniert.

Kraichgau Calling

Auch abseits der Klinik gibt es viel zu entdecken: Ausflüge, Kino, Konzerte – das Leben im Hügelland hat einiges zu bieten. Das Deutschlandticket, das im Rahmen ihrer Tätigkeit gestellt wird, hilft beim Erkunden der neuen Heimat. Was den fünf besonders gut gefällt? Die deutsche Pünktlichkeit. Und was nicht? Die Deutsche Bahn. Zugegeben, das klingt nach einer dicken Portion Klischee, aber manchmal sind Klischees eben halt a bissle wahr..

Integration mit Patenschaft

Die RKH hat zusätzlich ein Patenschaftsprogramm ins Leben gerufen: Deutsche Kolleginnen und Kollegen stehen den Neulingen zur Seite – nicht als Aufpasser, sondern als Begleiter auf Augenhöhe. Hier und da hakt es vielleicht noch, fremdelt es ein wenig – aber das legt sich. Ganz sicher. Pflegedirektorin Lisa Müller bringt es auf den Punkt: „Ich bin einfach nur glücklich, dass sie da sind.“ Und beim Blick in die Gesichter der fünf wird klar: Wir auch. Also, basst, sitzt, wackelt, hat Luft.

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