(Echte) Väter im Himmel

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Mein Vatertag im Zeuterner Himmelreich

Väter in der Minderheit – Eine Runde Selbstmitleid von Tommy Gerstner

Himmel, was für ein Tag. Noch jetzt brennt mir die Hirnhaut unter der Schädeldecke, was die Kombination aus viel Sonne auf der blanken Birne und einer Anzahl an Bieren sein dürfte, die manch einer als übertrieben bezeichnen würde. Sei´s drum, dafür hat der liebe Gott (oder irgendein Pharma-Konzern) das Aspirin erfunden. Aber wie hat mein alter Herr gesagt: Jede Freude im Leben muss mit dem passenden Schmerz erkauft werden. Ach ja, mein alter Pa. Genau um Ihn, um mich und alle Männer die erfolgreich gezeugt haben, sollte es doch ursprünglich am Vatertag gehen. Ein Fest für uns Väter, die anno 2016 weder wissen wo sie stehen, noch was man von Ihnen genau erwartet. Moment! Nicht dass ihr denkt, ich würde den 50ern und ihren starren Rollenverteilungen hinterhertrauern. Wobei, doch – Manchmal vielleicht schon ein bisschen. Damals waren die Rollen zwar nicht fair verteilt, aber man wusste zumindest wo man steht. Heute bin ich eine Mischung aus Ernährer, Hausmann, hartem Kerl und Softie – Nur habe ich leider noch immer nicht herausgefunden, was ich wann sein soll?? Wisst Ihr das, liebe Geschlechts-Genossen?

Der Vatertag ist verloren

Nur an diesem einen einzigen Tag hätte ich gerne ausschließlich mit Euch gefeiert, liebe Mit-Väter. Ich hätte mir gerne angehört wie ihr die familiären Untiefen durchquert und wie es Euch so als modernen Vätern in dieser politisch-korrekten Unisex-Welt geht. Doch statt dessen treffe ich bei meiner, in den späten Vormittags-Stunden beginnenden Wanderung, nur auf Halbwüchsige und Männer in inniger Nähe zu Frau und Kind. Schon nach wenigen Minuten höre ich um die Ecke das kakofonische Gehämmer einer Art Musik, die aus kleinen Boxen schallt welche an einer Art Leiterwagen befestigt sind. In diesem Gefährt befinden sich zudem ein Kasten Bier und die gesamte Spirituosen-Abteilung aus dem Ghetto-Netto. Gezogen wird das Gespann von Kevin, Justin und Jason aus Kuhdorfingen. Justin und Jason grölen zur Musik und entblößen dabei ihre festen Zahnspangen, die glitzernd zwischen Flaumbart und Pickel-Meer funkeln. Ja, Jungs – genau für Euch wurde dieser Tag erdacht! Wenn einer von Euch schon Vater ist, fresse ich meinen Rucksack. Wobei, kann ja sein dass zuhause in Kevins Kinderzimmer bereits Peggy-Chantal auf das RTL2-Casting-Team von „Teenie-Mütter“ wartet. Früher hätten Sie dafür klammheimlich heiraten müssen, heute gibt´s dafür eine TV-Zielgruppe. Irgendwie seltsam eine Generation heranwachsen zu sehen, die sich nur übers Internet unterhält und sich höchstens mal zum Saufen zusammenrottet. In meiner Jugend in den 80ern haben wir uns zwar auch zum Saufen getroffen, vom Internet haben wir uns aber schön ferngehalten. Das war noch echte Disziplin. Ich grüße die drei Möchtegern-Väter nett und schaue Ihnen noch eine Weile nach, wie sie ihren Karren den Berg hochwuchten. Keine Sorge, den Rückweg werden sie ob ihres Alkoholpegels wahrscheinlich bequem im Krankenwagen zurücklegen.

Ankunft im Himmelreich

Dann habe ich es endlich geschafft! Nach 30 Kilometern Wanderung (nicht schlecht für einen zu dicken Mittvierziger) komme ich im Zeuterner Himmelreich an. Wie jedes Jahr ist es hier einfach toll. Die Aussicht gelingt mühelos bis nach Mannheim – ob man es nun sehen will, oder nicht. Anwesend sind: 1500 Fahrräder, ein paar Vatertags-Wägen und jede Menge Frauen und Kinder. Hier und da sieht man tatsächlich auch mal einen Mann. Na ja, zur Verteidigung der Mädels – vielleicht feiern die eben nur zufälligerweise am gleichen Ort die Himmelfahrt von Meister Christi…  Der Musikverein spielt Pop und Rock – Klassiker. Nichts klingt so schön wie Silbermonds „Das Beste“, interpretiert von einem Blasorchester. Ich hole mir ein Bier und ein Steak und suche nach einem reinen Männertisch. Nur heute, ja wirklich nur heute, will ich ausschließlich mit adulten Y-Chromosom-Besitzern zusammen sein. Ganz am Rand entdecke ich eine Gruppe von Haudegen bei denen alles passen könnte. Ich werde herzlich aufgenommen und pflanze meinen Hintern gerne auf die Bierbank. Wir stellen uns vor: Neben Thomas (ich) sind da noch Holger, Michael, Dieter und noch ein Dieter. Allesamt Väter, allesamt mit Familie hier. Jetzt bekomme ich ein schlechtes Gewissen. Steht mir als Mann dieser eine Tag ganz ohne Frau und Kind etwa doch nicht zu? Hätte ich sie vielleicht doch mitnehmen sollen?

Alles wird gut

Die Jungs lachen und räumen ein, dass die Frauen heute zwar dabei sind, aber eine eigene Gruppe bilden und zudem bald wieder nachhause gehen. Man sei also durchaus unter Männern – fast zumindest. Mir reicht das völlig und ich schließe mich der Gruppe für den Rest des Tages bereitwillig an. Bis in den Abend sitzen wir da, trinken, reden und lachen. Über das „Vater Sein“ reden wir kaum, müssen wir auch nicht.. Auch wenn Frauen das nie verstehen werden – wir Männer haben eine Verbindung zueinander, die meistens auch ganz ohne Worte auskommt. Beschwingt laufe ich bei Einbruch der Dunkelheit zur Bahnstation, beglückt über einen richtig schönen Vatertag im Zeuterner Himmelreich. Unterwegs sehe ich auf eine Decke im Gras liegend, Kevin, Justin und Jason wieder. Alle drei haben offenbar Glück bei den Damen gehabt und züngeln mit roten Köpfen zur mittlerweile etwas ruhigeren Musik aus den Plastik-Boxen. Ich muss lächeln und denke: Wer weiß Jungs, vielleicht klappt das mit dem „Vater sein“ noch heute Abend. Dann dürft ihr nächstes Jahr sogar hochoffiziell dabei sein – wenn er wieder ruft: Der Vatertag.

Text: Tommy Gerstner / Bilder: Stephan Gilliar

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