Raus aus der Kirche

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Nach über vier Jahrzehnten kehrt unser Autor dem Kreuz den Rücken. Wie hunderttausende jedes Jahr, ist er nach langem Hadern und Zögern aus der Kirche ausgetreten. Philipp Martin über Gründe, Schuldgefühle, Frust und schmerzliche Erfahrungen.

Noch einmal liest mir die Standesbeamtin den Text auf dem schlichten, einseitigen Formular vor, ich nicke, der Stempel saust nieder und ich bin raus. Nach über 40 Jahren bin ich kein Teil der Kirche mehr. Vier Jahrzehnte, die mit dem priesterlichen Beträufeln meines kindlichen Schädels mit Taufwasser begannen, enden an diesem stürmischen Februartag in einer Bruchsaler Amtsstube. Ich bin bei weitem nicht der einzige, der diesen Schritt an diesem Tag geht. Der Kalender der Standesbeamtin ist voll, immer mehr solcher Termine finden sich dort in den letzten Jahren. Alleine 2020 haben weit über 400.000 Menschen in Deutschland die katholische und die evangelische Kirche verlassen, nun bin auch ich einer davon.

Jeder Mensch hat für diesen Schritt seine höchst eigenen Gründe, jeder seine eigene Vorgeschichte. Man mag diese Beweggründe zwar erahnen, konkret kann ich Ihnen aber nur sagen, was mich nun schlussendlich zu diesem letzten Gang bewegt hat. In meinem Fall war es eine Mischung aus persönlichen Erfahrungen und all dem Schrecken, der in den letzten Monaten und Jahren Stück für Stück aus den porösen Fugen der bis dato dicken und undurchdringlichen Kirchenmauern heraus sickerte. All das Leid, dass so vielen Menschen, so vielen Kindern von Geistlichen über Jahrzehnte hinweg angetan wurde, das systematisch vertuscht und trotzdem nie zu einem Umdenken oder gar zu einem Paradigmenwechsel geführt hat. Ein in sich geschlossenes System, das über eigene Gesetze und eine eigene Rechtsprechung verfügt, das gleichermaßen innerhalb wie außerhalb unserer Gesellschaft ungestört agieren kann, passt nicht mehr in mein Weltbild anno 2022. Von der langen und blutigen Geschichte der Institution Kirche will ich an dieser Stelle gar nicht erst anfangen, aber ich kann kein Teil eines völlig außer Kontrolle geratenen Machtapparates mehr sein, der scheinbar jeden Bezug zur Realität, zur Moral, zum Anstand und überdies jedwede Fähigkeit zu besonnenem Handeln verloren hat. Verzeihen Sie mir meine harten Worte, die nicht einmal den Versuch unternehmen meine über Jahrzehnte genährte Verbitterung zu kaschieren, doch so empfinde ich einfach nach unzähligen Skandalen und dem mitunter völlig weltfremden und unmenschlichen Gebahren, das die Kirche in der Vergangenheit an den Tag gelegt hat. Es tut mir dabei ehrlich leid um die vielen aufrichtigen Seelen, die innerhalb der Kirche liebevoll und warmherzig agieren, die an diese Institution glauben und sie hochhalten… Dennoch halte ich dieses, meiner Meinung nach bis in den Kern fehlerhafte Konstrukt für nicht mehr reformierbar und ergo auch nicht mehr für meine spirituelle Heimat.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin weder Agnostiker noch Atheist… Ich glaube durchaus an eine schöpfende Kraft im Universum, an eine Art göttliche Natur des Universums. Es wäre doch absurd, wäre all die Schönheit, all die Sinnhaftigkeit um uns herum einfach aus purem Zufall heraus entstanden? Ich glaube auch an die Macht des Glaubens und an die Stärke die sich daraus ziehen lässt, als Individuum aber auch in Gesellschaft. Im Grunde ist eine Glaubensgemeinschaft also eine höchst begrüßenswerte Sache. Und zwar genau bis zu diesem Zeitpunkt, an dem sich irgendwer zu ihrem Anführer aufschwingt, zum verlängerten Arm und Sprachrohr Gottes…. Bis Regeln aufgestellt werden, Dogmen und Gesetze, welche Menschen in gut und schlecht unterteilen, die die einen erheben und die anderen ausgrenzen oder abwerten.

Genau das tut aber die Kirche, der ich nun den Rücken gekehrt habe. Sie wertet, sie richtet, sie maßt sich an Weltanschauung und Moral nach eigenen Maßstäben zu definieren – Menschen auf der Strecke zu lassen, die sich danach nicht richten. Ich habe es auch innerhalb meiner Familie an so vielen Stellen beobachten und kaum glauben können. Ich erinnere mich an meinen Großvater, der ganz durch die Demenz entrückt, nackt und schreiend in seinem Krankenhausbett um die letzte Ölung bat. Ich erinnere mich an den Priester der sie ihm erteilte um im selben Atemzug die Hand aufzuhalten und um Begleichung der Rechnung über 50 Euro zu bitten…nachdem mein Großvater sieben Jahrzehnte lang Kirchensteuern entrichtet hatte, ohne zu murren, freiwillig und gerne. Ich erinnere mich an meinen Stiefvater, dem – als er meine Mutter in zweiter Ehe heiraten wollte, die Trauung in der Kirche verwehrt wurde. Schließlich gilt die Ehe in der katholischen Kirche als Sakrament und unauflöslich… Ich erinnere mich auch an den ehemaligen Priester, der meine Frau und mich frei getraut hat. Kurz zuvor hat er sein Priester-Amt niedergelegt, da es ihm verboten war gleichgeschlechtliche Paare zu trauen. Denn auch darüber, wer wen zu lieben hat, wer wen lieben darf, maßt sich die Kirche an zu richten.

Ich könnte Ihnen noch mehr Beispiele nennen, doch dies – zusammen mit den jüngsten Entgleisungen – sind die Gründe, weshalb ich meiner Kirche den Rücken zugewandt habe. Ich stehe zu dieser Entscheidung, will aber dennoch nicht verheimlichen, das mich seither auch ein paar seltsame Gefühle begleiten. In erster Linie Schuld… die kindliche Befürchtung – und das völlig wider besseren Wissens – Gott irgendwie enttäuscht zu haben. Man mag darüber lachen, doch wenn ich heute und hier ehrlich zu ihnen bin, möchte ich es vollständig sein.

Ich will Ihnen mit diesen Zeilen nichts empfehlen, nichts raten, nichts nahelegen. Ich wollte sie teilhaben lassen an meinen Gedanken, die manche von ihnen vielleicht nachvollziehen können, andere aber ablehnen. Beides ist völlig in Ordnung. Unabhängig von meinen persönlichen Befindlichkeiten, bin ich jedoch der untrüglichen Meinung, dass wir gesamtgesellschaftlich die Institution Kirche ganz neu und damit durchaus auch kritisch durchleuchten und bewerten sollten. Die jüngsten Enthüllungen haben glasklar aufgezeigt, dass sie auch Schmerz und Leid innerhalb unserer Reihen geschaffen und damit noch nicht einmal mehr ihren eigenen Geboten treu ist. Denn wenn wir uns alle auf einen kleinsten, gemeinsamen Nenner – ja vielleicht auch einen Neubeginn einigen müssten, wäre “Liebe deinen Nächsten“ doch ein verdammt guter Anfang, finden Sie nicht?

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6 Gedanken zu „Raus aus der Kirche“

  1. Glückwunsch zu Ihrem mutigen Schritt. Wenn ich den Begriff „Kirche“ im vierten und fünften Absatz durch „Staat“ ersetze, wünschte ich man könnte auch aus dieser Institution austreten, ohne Deutschland und seiner Heimat dabei den Rücken zu kehren. Die Parallelen sind offensichtlich – der soziale Auftrag in gleicher Weise verfehlt. Lediglich das Patriarchat wurde durch ein breiter aufgestelltes, nicht minder machthungriges, Gremium ersetzt.

    • Ich hatte die gleiche Assoziation mit Kirche und Staat wie sie. Den Schritt aus der Kirche raus habe ich aus den gleichen Gründen bereits vor Jahren gemacht und unterstütze mit dem Geld liebe andere Organisationen. Glaube hat nichts mit einer Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft zu tun. Wie viele tatsächlich Gläubige gibt es noch in den Landeskirchen?!

  2. Auch wenn es ihre persönliche Meinung und ihre Erfahrungen mit der Kirche widerspiegelt, ist es auf den Punkt gebracht. Ich bin diesen Weg vor einem Jahrzehnt bereits gegangen und man fühlt sich mit jedem neuen Skandal in seiner Entscheidung bestätigt. Schade finde ich nur, dass die Kirche immer noch durch unsere Politik geschützt wird. Nach dieser endlos langen Liste der Skandale und einer zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft sollte man darüber nachdenken, ob das Eintreiben der Kirchensteuer durch den Staat noch in dieses Bild der Kirche paßt.

  3. …Ich hab den gleichen Schritt getan, vor ca. einem Jahr aus den gleichen Gründen.
    Unglaublich, wie die Kirche mit diesen Missbräuchen umgeht. Und fast jeden Tag werde ich bestärkt darin es getan zu haben, da fast jeden Tag Unerträgliches neues und Widerwärtiges zu Tage gefördert wird, in den Untersuchungsunterlagen. Mit Sicherheit ist das jedoch auch das nur die Spitze des Eisberges und vieles wird weiterhin verborgen bleiben, zum Leid der Betroffenen. Die Kirche wird all das zu verhindern wissen….
    Ich habe keinerlei schlechtes Gewissen deshalb.
    Wie sonst sollte man seinen Unmut über dieses unsägliche Verhalten ausdrücken!
    Nur indem man kein Teil dieser Kirche mehr sein will, und das auch kund tut!

  4. Dem ist nichts hinzuzufügen,es sollten noch viele mehr den Weg gehen ,sonst wird sich nie was ändern !!!!

  5. Zum Glück gibt es auch an der Basis der katholischen Kirche viele engagierte Mitarbeiter und Ehrenamtliche, die weiterhin (oder vielleicht auch jetzt erst recht) versuchen, die christlichen Werte und Gemeinschaft zu leben und zu vermitteln. Die selbst geschockt sind, was immer wieder ans Licht kommt und wie damit umgegangen wird.
    Die oft selbst hin und her gerissen sind und trotzdem weiterhin versuchen, für die Menschen in der Gemeinde da zu sein. Ich selbst arbeite seit 3 Jahren im Pfarrbüro und habe zuvor in der Industrie gearbeitet und dort so viel Mobbing, Sexismus und Sticheleien etc. mitbekommen…(zum Glück nicht persönlich)… dort wurde das oft belächelt und verharmlost.
    Ich kann jeden verstehen, der der Kirche den Rücken kehrt, aber die meisten Mitarbeiter der Kirche sehen selbst auch die massiven Verfehlungen und versuchen einen positiven Wandel der Kirche mitzugestalten. Nicht ohne Grund unterstützen Tausende das Projekt #KircheohneAngst #OutofChurch
    Man darf Kirche nicht verallgemeinern… hinter der Kirche stehen tausende von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, die „zu den Guten“ gehören…!

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