Rathaus unter Feuer

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Am Ende gibt es nur Verlierer – Das Wiedererstarken der Pandemie setzt die Städte und Gemeinden unter enormen Druck

Ein Lanzenbruch mit jenen, die gerade in der Zwickmühle stecken von Stephan Gilliar

Es ging einfach viel zu schnell. So schnell der Sommer dem Herbst Platz machte, so schnell folgte in Sachen Corona Anspannung auf Entspannung. Mit dem Absturz der Temperaturen explodieren die Infektionszahlen und erreichen seither jeden Tag neue, traurige Höchststände. Fast 40.000 Menschen infizierten sich in den vergangenen 24 Stunden mit covid-19, über 230 starben. Niemand scheint aktuell wirklich zu wissen, wie mit dieser Situation umgegangen werden soll. Die Menschen sind ratlos und – noch schlimmer – die Politik offenbar ebenso. Die Situation in Baden-Württemberg ist nicht minder alarmierend, als jene auf Bundesebene. In manchen Landkreisen sind bereits Inzidenzen von mehr als 500 erreicht worden, in vielen Regionen stehen Krankenhäuser und Intensivstationen vor der Überlastung. Das Erreichen der Alarmstufe und das Inkrafttreten extrem restriktiver Regeln für Ungeimpfte, ist nur noch eine Frage weniger Tage.

Soweit die besorgniserregende Faktenlage, die uns allen wie ein DejaVu vorkommen sollte, schließlich haben wir im vergangenen Herbst eine ähnliche Situation bereits durchlebt. Anders als im letzten Jahr scheint sich aber im Herbst 2021 alles anders anzufühlen, alles anders abzuspielen… Wir scheinen zwar die Situation am Rande unseres Blickfeldes zu registrieren, nicht aber darauf zu reagieren. Wir wollen nicht hinsehen, wollen nicht hinnehmen, dass die Pandemie nicht zu Ende ist, dass die Dinge sich gerade wieder zum Schlechteren wenden. Wir wollen dass es vorbei ist, wollen wieder Normalität – also holen wir den Klassiker schlechthin aus der Werkzeugkiste der menschlichen Psychologie: Wir verdrängen.

Das kann uns niemand wirklich zur Last legen, es ist eben Teil unserer menschlichen Natur. Wir sind müde, die Batterien sind entladen. Wir wollen in diesem Winter einfach nur zur Ruhe kommen, mit der Familie Weihnachten feiern, zuvor in der Stadt mit Freunden einen Glühwein trinken und nicht über 2G, 3G, Impfdurchbrüche, Impfnachweise, Booster und den ganzen verdammten Rattenschwanz der Pandemie nachdenken müssen. Alle die uns diesbezüglich auf den Boden der Wahrheit zurückzuholen versuchen, sehen wir als Störenfriede und schlicht unerwünscht an.

Diese Wut und dieser Frust treffen in allererster Linie jene, die den direkten Kontakt mit uns halten und dennoch in der Pflicht stehen, aktuelle Regelungen und die Entscheidungen von „ganz oben“ mitzutragen und durchzusetzen. Kurzum: Der Druck lastet auf den Rathäusern, den Ordnungsämtern, der Polizei. Diese Institutionen durchleben aktuell eine regelrechte Zerreißprobe, werden zerrieben zwischen dem Druck aus Landes- und Bundespolitik sowie dem der Bürgerinnen und Bürger. Es ist ein unlösbarer Konflikt, aus dem ausschließlich Verlierer hervorgehen. Egal wie sich unsere lokalen Lenker aktuell positionieren, am Ende machen sie es in den Augen vieler zwangsläufig falsch.

Die Menschen erwarten von Ihnen, in diesem Dezember wieder unbeschwert über Weihnachtsmärkte bummeln zu können, die Gastronomen, Händler und Veranstalter endlich wieder ohne große Hürden ihr Publikum begrüßen zu dürfen, die Eltern eine reibungslose Betreuung ihrer Kinder ohne Einschränkungen. Alles legitime und nachvollziehbare Wünsche, doch wenn wir ehrlich sind, müsste die aktuelle Lage eigentlich zum Gegenteil führen: Zu weniger Kontakten und zu einer Vermeidung von größeren Menschenansammlungen. Schon beim Schreiben dieser Worte manifestiert sich mein Widerwillen dagegen wie ein Fausthieb in den Magen.

Wer dieses Dilemma durchdenkt, kann vielleicht ein Stück weit erahnen, welcher Druck auf den Rathäusern und Behörden derzeit lastet. Niemand hier will den Menschen etwas verwehren, etwas wegnehmen, sie drangsalieren oder gängeln. Warum auch? Das wäre schlicht absurd, schließlich arbeiten hier auch Bürgerinnen und Bürger, Menschen wie du und ich die ebenso gerne alles hinter sich lassen würden.

Nehmen wir doch das Beispiel Weihnachtsmarkt und sehen uns die verfügbaren Optionen an: Ein klassischer Weihnachtsmarkt bedeutet Gedränge, bedeutet Enge, bedeutet ideale Umstände für Infektionen. Um das ganze zu entzerren wird in vielen Städten und Gemeinden daher über einen dezentralen Weihnachtsmarkt nachgedacht, quasi über die ganze Innenstadt verteilte Stände. Doch was glauben Sie, passiert an jenen Ständen, die Glühwein oder Bratwürste anbieten? Es wird eng und es wird kuschelig. Nun könnte man diese Stände einfach weglassen, doch was bliebe dann übrig: Ein bisschen Kunsthandwerk, ein bisschen Kinderchor… beides traurigerweise schon lange keine Besuchermagneten auf Weihnachtsmärkten mehr. Diese Option zusammen mit der Traurigsten: dem Komplettausfall des Marktes, sind beides Garanten für den Zorn des Volkes. Wir wollen das einfach nicht und wir wollen in diesem Fall auf irgendjemanden wütend sein, jemand dafür verantwortlich machen. Raten Sie mal wer das sein könnte?

Machen wir uns nichts vor, es wird vermutlich erst noch schlimmer werden, bevor es wieder besser wird. Durch eine Kombination aus Planlosigkeit und Trägheit in der Politik und einer viel zu großen Bevölkerungsgruppe, für die Solidarität offenbar nur ein abstrakter Begriff aus dem Duden ist, steht uns ein haariger Winter bevor. Das will niemand sehen und das will niemand hören. Allzu verständlich, allzu menschlich… doch denken Sie in ihrer Resignation und ihrer Enttäuschung auch an jene, die es sich schlicht nicht leisten können, nicht zu sehen und nicht zu hören.

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