Plötzlich Halbzeit

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Über die Midlife Crisis und das Paradies, das komischerweise immer gerade dort ist, wo du nicht bist

Eine sehr persönliche Bestandsaufnahme von Hügelhelden-Herausgeber Stephan Gilliar

Es gibt da diesen Traum, der mich in regelmäßigen Abständen heimsucht. Ich sitze in der Sporthalle meines alten Internats und schwitze über meinem Mathe-Abi. Ich kapiere keine einzige von den Aufgaben, die dort vor mir auf dem Papier stehen. Die Uhr tickt, die Zeit verrinnt und ich bekomme allmählich Panik. Irgendwann, kurz bevor die Schulglocke unbarmherzig das Ende der Prüfung einläutet, fällt es mir dann siedendheiß ein: Was mache ich eigentlich hier, ich habe mein Abi doch schon vor Ewigkeiten bestanden und in der Tasche. Mit diesem Endorphin-durchfluten Glücksgefühl wache ich dann auf – nur um im Anschluss festzustellen, dass ich zwar tatsächlich mein Abi habe, seither aber mehrere Jahrzehnte ins Land gezogen sind.

Auch wenn es schon so verdammt lang her ist – das Gefühl der großen Freiheit und Erinnerungen an diese, offene und grenzenlose Welt, packen mich manchmal noch heute. Wie ich das erste Mal mein altes Post-Telefon abhob und das erste, schnarrende Freizeichen meines eigenen Anschlusses erklang. Wie ich meinen Namen auf ein Stück Malerkrepp an meinen ersten, eigenen Briefkasten klebte. Oder wie ich zusammen mit meiner Freundin den alten Kühlschrank in unsere erste, eigene Wohnung trug und wir im Anschluss davor – ohne jegliche Möbel – auf dem Fußboden kalte Pizza aßen. Ich erinnere mich an das Glücksgefühl, als ich das erste Mal eine eigene Radiosendung moderierte und mein erster, selbst aufgelegter Song aus den Boxen der alten Bandmaschine erklang (Maywood – late at night). Ich erinnere mich an das knatternde, röhrende Geräusch wenn ich den Choke meiner ersten Klapperschüssel zog. 

Alles hat sich damals aufregend und intensiv angefühlt, alles geschah schließlich zum allerersten Mal. Es war ein Gefühl von Unsterblichkeit, als ob die Zeit niemals vergehen würde –  das Jungsein war eine Selbstverständlichkeit – gekommen um zu bleiben. Doch je mehr man vom süßen Nektar des Lebens trank, desto mehr gewöhnte man sich an diesen vertrauten Geschmack, zuckten und funkten die Neuronen eine Winzigkeit weniger. So sehr du auch versuchst dieses Gefühl, diesen Kick wiederzuerlangen – desto schwieriger wird es dir mit fortschreitenden Jahren erscheinen. Natürlich ist das so, schließlich werden wir älter, sammeln Erfahrungen… oder lapidar ausgedrückt – gewöhnen uns an das Leben. Die alten Herren von meiner Lieblingsband STS haben das schon 1985 perfekt in Worte gefasst: “Und I wer‘ kalt und immer kälter, I wer‘ abgebrüht und älter – Aber das I will I net, und das muss I jetzt klär’n – I möcht lachen, tanzen, singen und rear’n”. 

Gott ja, die Welt noch einmal zu spüren wie in jungen Jahren, das wäre schön. Ich versuche das jedes Jahr an Weihnachten, jedes Jahr mit etwas weniger Erfolg. Noch einmal diese Aufregung vor dem Heiligen Abend zu durchleben, genau in der Art, in der sie dich als Kind geschüttelt hat. Die Aufregung in der Nacht, als der Adventskalender mysteriöserweise an der Wand auftauchte, die Aufregung vor der Bescherung und dieses feierliche und festliche Gefühl, das dich bis ins Mark durchdringt. Stattdessen arbeiten wir als Erwachsene unter Volldampf und mit so viel Zeitdruck und Stress im Nacken, dass wir völlig unvorbereitet auf die Festtage stoßen und nicht mehr in der Lage sind vorher angemessen herunterzufahren –  auf ein Level, das uns deren Erleben überhaupt erst ermöglichen würde.

Compadres, das war nun reichlich depressiv anmutender Tobak, möglicherweise durch diese endlos scheinende Krise zusätzlich befeuert, doch zweifelsohne Teil meiner Gedankenwelt. Wer jetzt aber daraus schließen möchte, ich wäre gerne noch einmal jung, noch einmal Anfang zwanzig, der irrt dennoch. Schließlich erinnere ich mich noch gut daran, was für ein unfertiger Mensch ich damals war…mit aufgestelltem Hahnenkamm und doch so unsicher und unerfahren, dass ich heute wahrscheinlich über mich selbst lachen würde. Seither habe ich so viel gelernt, so viel an Erfahrungen gesammelt… Ich habe geliebt, habe verlassen, wurde verlassen, bin hoch geflogen, manchmal tief gestürzt, bin wieder aufgestanden und habe von vorne begonnen… 

Ich habe so viel erreicht, was aus unerfindlichen Gründen zur Selbstverständlichkeit wurde. Gemäß dem alten menschlichen Makel “das Paradies ist immer gerade dort, wo du nicht bist” scheine ich so oft zu vergessen, was auf der Habenseite meines Daseins notiert ist. Dafür schäme ich mich, denn dort steht jede Menge – ja, unendlich viel mehr als in der Spalte mit den Defiziten. Ich habe eine Frau kennengelernt, die mich immer so akzeptiert hat wie ich bin und die ich seit dem ersten Tag an liebe. Sie hat mich geheiratet und uns eine gesunde und nicht minder liebenswerte Tochter geschenkt, auf die wir jeden Tag stolz sind. Ich habe Freunde, die mich mögen und die zu mir stehen. Ich wohne im Haus meiner Träume und arbeite selbständig genau in jenem Beruf, den ich mir immer erhofft habe. Darüber hinaus leide ich nicht an Hunger, Armut oder Krankheit und lebe in einem Land, in dem kein Krieg herrscht, in dem die Menschen weitgehende Freiheitsrechte genießen. 

Das alles ist nicht selbstverständlich, ist vielmehr Privileg und Gnade. Und doch stehe ich an viel zu vielen Tagen morgens auf und konzentriere mich erst einmal darauf, was gerade nicht so gut läuft. Welches Körperteil mir heute morgen Beschwerden macht, klassischerweise die Knie oder der Magen – stöhne über unliebsame Termine oder was eben sonst noch so an vermeintlichen Bürden zu tragen ist. In wachen Momenten, sowie just eben diesem, frage ich mich dann verwundert, wieso ich mich immer wieder dieser Art zu Denken hingebe? Was soll diese einseitige Fixierung auf die verstreuten, grauen Wolken am Himmel, die nichts anderes mit sich bringen, als Krise und Verdruss?! Ja, ich bin nicht mehr jung, da gibt es nicht viel zu diskutieren. Der 20. Geburtstag kam und man war jung, der 30. Geburtstag kam und man war immer noch jung, mit dem 40. Geburtstag begann das Hadern… doch das sind blödsinnige, wenig zielführende Gedanken.  Die Jungen werden über diese Worte lachen, sie fühlen sich völlig zurecht vom Alter noch unerreichbar, die Älteren lachen zurecht auch darüber oder vielmehr über mich und mein Gejammer… Sie haben diesen Quatsch bereits hinter sich, erkennen sich vielleicht noch vage wieder – doch haben schon längst ihren Frieden mit dem Älterwerden gemacht. 

Wie hat Delmore Schwartz so schön pathetisch gesagt: „Die Zeit ist das Feuer in dem wir verbrennen.“ Der Trost in diesen Worten liegt nicht im “Verbrennen”, sondern im “wir”. Wir kokeln alle gemeinsam vor uns hin, keiner bleibt außen vor, jeder durchläuft denselben Lebensweg – vom Anfang bis zum Ende – vom Geboren werden bis zum Sterben. Sich darüber allzu viele Gedanken zu machen, macht somit wahrlich keinen Sinn. Wenn irgendwas auf dieser Welt ganz von alleine und ohne unsere Mithilfe geschieht, dann eben das. 

Ich verspreche und gelobe euch daher heute, an diesem, meinem Geburtstag: Ich will mich künftig viel mehr darauf konzentrieren, was ich habe, was ich erreichen konnte. Auf die Menschen, die bei mir und um mich sind, die mich so annehmen wie ich bin und die mich mitunter sogar lieben. Ich habe keine Ahnung, wie lange das Spiel noch läuft, ob ich wirklich gerade erst in die zweite Halbzeit durchstarte, ob diese vielleicht sogar längst schon läuft oder gar in Kürze zu Ende ist… „The Future is not ours to see“ hat Doris Day vor Ewigkeiten gesungen und damit immer noch absolut recht. Ich habe alles erreicht was ich immer erreichen wollte und wenn morgen der Schlusspfiff ertönt, gibt es nichts zu bereuen… heute ist heute und morgen ist morgen. Heute bin ich hier, bin ich jung, bin ich am Leben. Deshalb trinke ich auf mich, auf die Menschen die mir etwas bedeuten und natürlich auf euch alle Freunde – Prost, ihr jungen Hüpfer, Prost, ihr alten Säcke – mir hen no Zeit – numme net huddle

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5 Gedanken zu „Plötzlich Halbzeit“

  1. Ob du es glaubst oder nicht, Stephan, den gleichen Traum habe ich auch regelmäßig :-)

  2. Lieber Herr Stephan Gilliar,
    Sie haben sehr viel erreicht, denn Sie haben eine Frau gefunden, die Sie liebt so wie Sie sind und das ist nicht selbstverständlich. Wenn ich alter Sack (68)
    auf mein Leben zurückblicke, dann hat es genau wie bei Ihnen sehr viele Höhen und Tiefen gegeben. Morgens kann ich aus meinem Bett klettern und ich bin sehr dankbar, dass ich von gesundheitliche Problemen nicht tangiert werde. Bleiben sie wie Sie sind, was anderes bleibt Ihnen nicht übrig. Günter Grünwald (Grünwalds Freitagscomedy) herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag und die besten Wünsche von Stier zu Stier.

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