Onkel Mados Hütte

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Zeitreise in die 80er – Die Ziegelhütte Neibsheim ist eine Dorfkneipe wie sie schöner nicht sein könnte

Leute, ganz ehrlich, als ich vor ein paar Tagen das erste Mal die schwere Holztür der Neibsheimer Ziegelhütte aufstieß, lief mir ein Cocktail aus Rührung, Erinnerung und Nostalgie eiskalt und flammend heiß den Rücken hinab. Als ich die schweren Eichenbalken, die grob gedrechselte Theke, die schummrigen Lampen, den knarrenden Holzboden und die allgegenwärtigen Zeichen der Zeit sah, war ich auf einmal wieder 15. Die Ziegelhütte ist ein Tempel für all jene die in den Dorfkneipen im Kraichgau in den Achtzigern und Neunzigern die schönste Zeit ihres Lebens verbracht haben. In Kneipen wie dieser habe ich vor 25 Jahren gefeiert, getanzt, gelacht, gesoffen und geprügelt – manchmal sogar alles an einem Abend.

Wenn die Ziegelhütte ein Tempel der guten alten Zeit ist, dann ist Mado ihr Hohepriester. Im schwarzen AC DC-T-Shirt steht er hinter dem Tresen, reckt die Leder-umwickelte Fessel nach oben und strahlt aus seinem 3 bis 15 Tage Bart über das ganze Gesicht. Eigentlich heißt er Matthias und hat noch bis vor ein paar Jahren gutes Geld in der Entwicklungsabteilung von Daimler verdient… irgendwann hat ihn aber dieser angepasste Spießer-Alltag derart angeödet, dass er alles hingeschmissen hat und Wirt wurde. Allein dieser Schritt der Mut, Courage, Persönlichkeit und Eier erfordert, macht ihn zu einem meiner postmodernen Helden. Das geht offenkundig nicht nur mir so, die Gäste lieben ihren Mado der immer ein offenes Ohr, einen rotzfrechen Spruch und einen warmen Schlag auf die Schulter zu vergeben hat.

Die Ziegelhütte ist Mados zweite Station als Wirt. Zuvor hatte er vis a vis dem Brettener Pfeiferturm das “Eighties” geschmissen, seit anderthalb Jahren ist er aber nun ein echter Neibsheimer Hüttentotte. Die Ziegelhütte ist hier schon seit Jahrzehnten eine Institution. Noch gegründet zu Zeiten als es im Dorf sage und schreibe sechs Gaststätten gab (Hasenheim Löwe, Lamm, des un sell…), hat das von vorne unscheinbare Häuschen an der Hauptstraße die Jahre überdauert. Früher eine normale Gaststätte, kam 1976 der Umbau zur urigen Kneipe, die durch ihre schummrig hölzernen Winkel und Ecken einzigartig im Kraichgau ist.

Fast noch besser als das charakterstarke Innenleben, ist aber der dahinterliegende Biergarten. Ich lehne mich nicht aus dem Fenster wenn ich behaupte, es ist der schönste weit und breit – jedes Detail stimmt und man fühlt sich auf der Stelle wohl und zu Hause. Ankommen, hinsetzen, von Mado einen Lemmy (Whiskey-Cola doppelt) serviert bekommen und alles wird gut. Definitiv zu empfehlen, eine Mitfahrgelegenheit im Anschluss vorausgesetzt, sind auch die jeweils einen halben Liter starken Monster-Cocktails, wahlweise in rot, gelb, grün oder weiß.

Falls nur die Frage aufkommen sollte, ob man hier auch essen kann, gibt es auch hierfür einen Daumen nach oben. Normalerweise würde ich in einer Kneipe von der Speisekarte abraten oder zumindest die Einnahme eines Breitbandantibiotikum im Vorfeld empfehlen. Ganz ehrlich, der klassische Kneipenfraß aus meiner Jugend umfasste immer genau ein einziges Gericht: Ein schneeweißes, gummiartiges Baguette mit rechteckig geformtem Schinken darauf plus neon-orangene Cocktail Sauce die man nur rotzevoll lecker finden konnte. In der Ziegelhütte gibt es so etwas nicht, hier wird die Karte von verschiedenen Pizzen dominiert. Diese und die artverwandten Flammbrote werden tatsächlich von Mado selbst hergestellt und schmecken äußerst passabel, um nicht zu sagen überraschend gut.

Kurzum, die Ziegelhütte Neibsheim bekommt von mir zwei Daumen nach oben (mehr habe ich anatomisch bedingt eh nicht zu vergeben). Für wen ist dieser Laden geeignet? In erster Linie für Hardrocker, Neibsheimer, im Dunkeln gut Sehende, Dartspieler, Trinkfeste, Holz-Liebhaber und Jacky-Fans. Darüber hinaus aber auch für alle die einfach die Kneipenkultur ihrer Jugend noch einmal hochleben lassen, gerne mit netten Menschen in einem schönen Biergarten sitzen und auf die schönst mögliche und unkomplizierteste Weise Spaß haben wollen.

Übrigens: Morgen ist „Bad Taste Party“ in der Ziegelhütte und das Geilste – Ich muss mich dafür noch nicht mal umziehen.

Ein Tipp von Hügelhelden-Redakteur Stephan Gilliar

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