Oma Schorles Haus der 1000 Dinge

Ein magischer Besuch in der Winkelgasse Odenheims

Es gibt Orte in unserem liebenswerten Hügelland die eigentlich jeder seiner Bewohner kennen sollte – stehen sie doch beispielhaft für das Liebenswerte und Ureigene dieser, unserer kleinen Ecke der Welt. Dazu gehört zweifelsohne auch der Trödelladen von Oma Schorle in Odenheim.

Lotte Brendle-Schorle hinter ihrer Ladentheke

Oma Schorle heißt in Wirklichkeit Lotte Brendle-Schorle und betreibt in der Nibelungenstraße eine Art Trödelladen, den man ohne weiteres als die Winkelgasse Odenheims bezeichnen könnte. Es ist mitnichten eine Übertreibung zu behaupten, dass es hier wirklich alles, aber auch alles zu kaufen gibt. In den verschachtelten Räumen – durchzogen von unzähligen labyrinthartigen Korridoren, findet sich auf mehreren Ebenen einfach alles was jemals in einem Laden angeboten wurde. Kurzwaren, Spielwaren, Dekoration, Kleidung, Elektroartikel, ein fast vollständiges Baumarkt-Sortiment und vieles vieles vieles mehr…. Am besten trifft es noch die legendäre Strophe über den Laden von Frau Waas aus Michael Endes Lummerlandlied:

Eine Insel mit zwei Bergen
Und der Laden von Frau Waas
Hustenbonbons, Alleskleber
Regenschirme, Leberkas
Körbe, Hüte, Lampen, Bürsten
Blumenkohl und Fensterglas
Lederhosen, Kuckucksuhren
Und noch dies, und dann noch das

Manfred Jenning / Augsburger Puppenkiste

Vergleichen lässt sich das Sortiment von Oma Schorle, die übrigens stramm ihrem 90. Lebensjahr entgegengeht, mit jenem eines voll ausgestatteten Kaufhauses….wohlgemerkt eines Kaufhauses aus den 80er Jahren. Kein Konsumtempel mit grellen LED Strahlern, Rolltreppen und Marmor-Applikationen, sondern eng beieinander stehende, zweckmäßige Regale, die nach oben bis unter die Decke und in alle Richtungen bis zum Horizont mit allerlei Nützlichem gefüllt sind. Mitunter kann man hier auch Produkte entdecken, die es seit Jahrzehnten im regulären Handel nicht mehr zu kaufen gibt. Würde Doc Brown Ersatzteile für den Flux-Kompensator suchen, hier würde er sicher fündig!

Oma Schorles Sortiment deckt die vergangenen Jahrzehnte ab, macht aber auch vor der Neuzeit nicht halt. Ob man es glauben mag oder nicht, die liebenswerte Laden-Inhaberin – wohlgemerkt geboren im Jahre des Herrn 1930 – lässt es sich auch im Spätherbst ihres Lebens nicht nehmen, noch auf die einschlägigen Branchen-Messen nach Köln, Frankfurt oder Bielefeld zu reisen. Dort informiert Sie sich über die aktuellen Trends und waltet und verwaltet ihren Laden mit den von der Pike auf erlernten Fähigkeiten eines waschechten Kaufmanns.

Ihr über die Jahrzehnte zu einem regelrechten Kaufhaus angewachsenen Laden in Odenheim, der den etwas sperrigen Namen “Schorle & Co Baustoffe Fliesen Tapeten Teppiche” trägt, betreibt die rüstige Seniorin tatsächlich bereits seit 1948. Bis zu diesem Zeitpunkt unterhielt Papa Adolf-Anton noch ein Transportgeschäft im Ort und spezialisierte sich dann auf den Baustoffhandel. Gemeinsam mit ihrem Mann Manfred, der genau wie ihr Sohn schon längst von ihr gegangen ist, baute Lotte den kleinen Baustoffhandel immer weiter aus. Heute dürfte dieser zum umfangreichsten, wenn aber leider auch unterschätztesten Warenangebot im ganzen Kraichgau zählen. So manche Fahrt in die chronisch verstopften Speckgürtel von Bruchsal oder Bretten dürfte hinfällig sein, erhält man doch das Gesuchte mit Sicherheit auch bei Oma Schorle – gute Beratung selbstverständlich inbegriffen. So fand auch unser Begehr nach einer passenden Farbe für den im Dauerregen verwitterten Gartentisch vor unserer Redaktion, sofort professionelles Gehör. Oma Schorle nickt nur knapp und begibt sich schnellen Schrittes und zielstrebig in das Gewirr der endlos scheinenden Regalreihen. Am Ende halten wir nicht nur den ideal passenden und von uns vorher noch nicht einmal im Traum in Erwägung gezogenen Bootslack in den Händen, sondern auch den schon ewig gesuchten, passenden Ersatzreifen für die alte Schubkarre.

Wer am Ende des Einkaufs Oma Schorles Laden wieder verlässt und auf dem Gehsteig der Odenheimer Nibelungenstraße stehen bleibt, der spürt in seinem Inneren genau drei Gefühle aufsteigen: Glück einen in der Zeit erstarrten Ort gefunden zu haben, der den unkomplizierten Tagen der eigenen Kindheit gleicht, Vorsatz und Gewissheit hier ab sofort regelmäßig vorbeizuschauen und zu guter Letzt etwas melancholische Traurigkeit darüber, dieses Juwel nicht schon viel viel früher entdeckt zu haben.

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