Oh je OP, mein erstes Mal unterm Brusler Messer
Ein Erfahrungsbericht von Philipp Martin
Bitte sehen Sie es mir nach, dass ich jetzt nicht das Fass einer fundamental-religiösen Weltanschauungsdiskussion im weit diskutablen Feld zwischen Kreationismus und Darwinismus eröffnen möchte. Daher sagen wir es einfach so: Der menschliche Körper ist ein ausgeklügeltes und durchdachtes Wunderwerk – bis auf eine äußerst seltsame Schwachstelle: die Leiste. Bis vor kurzem wusste ich nur am Rande, dass ich über eine solche verfüge. Jetzt weiß ich, dass man sie bereits mit einfachem Husten kaputt machen kann. Der Ablauf – so einfach wie unspektakulär: Bronchitis – heftig husten – seltsamer Knubbel in der Unterhose. Für mich ein medizinisches Novum, für meinen Hausarzt nur ein schiefes Lächeln wert. „Kleiner Leistenbruch, kannst du lassen oder operieren.“
Dazu muss man wissen: Ein Leistenbruch heilt leider nicht mehr von alleine, auch nicht, wenn man ganz doll dran glaubt. Man muss aber auch nicht zwingend sofort operieren, vor allem nicht, wenn es ein kleiner, einfacher Bruch ist. Es gibt da dieses Prinzip „watchful waiting“ – das medizinische Äquivalent von „Abwarten und Tee trinken“. Das wäre für mich auch durchaus ein Modell gewesen, wenn ich nicht bekennender Hypochonder im Endstadium wäre und immer das Worst-Case-Szenario für das wahrscheinlichste halten würde. In diesem Fall würde der Bruch den Darm einklemmen, was einem medizinischen Notfall gleichkäme. Sobald ich in den Besitz dieser Information gekommen war, konnte ich quasi schon spüren, wie der Bruch gierig nach der nächstbesten Darmschlinge schnappt. Daher gab es nun nur noch eine Lösung für dieses Dilemma: Oh je OP.
Im Krankenhaus meiner Wahl, der Fürst-Stirum-Klinik in Bruchsal, wo unsere Familie traditionell all ihre Geburten, Wehwehchen und Sterbefälle abwickelt, bekomme ich zu meiner großen Überraschung einen Termin innerhalb von nur vier Wochen. Zum Vergleich: Als ich neulich bei einem Hautarzt nach einem Hautkrebsscreening innerhalb der nächsten drei Monate gefragt habe, bekam ich stattdessen nur einen hysterischen Lachanfall am anderen Ende der Leitung. (Termin steht jetzt übrigens für das Frühjahr 2027.)
Aber einfach so zur OP erscheinen – so leicht ist es dann doch nicht. Vorher gibt es erst einmal eine Reihe von Pflichtveranstaltungen, so zum Beispiel die Vorstellung beim Oberarzt. Sein routiniertes Abtasten und sein Mangel an aufgeregter Begeisterung lassen erahnen, dass es sich bei einer Leistenbruch-OP nicht um diese Art von exotischen Spezialeingriffen handelt, für die Ärzte in die engere Auswahl prestigeträchtiger internationaler Medizinpreise kommen. Man könnte diese kurze und herzliche Begegnung mit: Blick in die Hose, knappes Nicken, Handschlag und Marschbefehl zusammenfassen.
Etwas konkreter wurde es schon ein paar Wochen später, als die OP-Aufklärung anstand. Das ist so eine Art Schnitzeljagd durch mehrere Abteilungen des Krankenhauses, in meinem Fall beginnend mit einem Pfleger, der so sehr nach Enrique Iglesias aussah und auch genauso schön klang, dass ich eigentlich kaum etwas davon mitbekommen habe, was er mich gefragt hat. Im Ernst: Der Mann sollte Synchronsprecher für lateinamerikanische Film-Beaus werden, sein medizinischer Fragenkatalog klang wie ein Latino-Romantik-Hit. („I can be your hero, baby.“) Also ein paar Unterschriften leisten – ich hatte sowieso nie vor, diese Zusammenstellung hypothetischer Extremsituationen genauer durchzulesen – und weiter zu Schwester Margit. Schwester Margit begrüßt mich mit einem erprobten, aber sympathischen Singsang, inklusive integrierter persönlicher Ansprache und ein paar kleinen eingebauten, pfiffigen Bonmots. Blutdruck messen, Laufzettel abhaken und ab in den Wartebereich vor der Anästhesie. Vom modernen Prunk der Neubauten der Fürst-Stirum-Klinik bemerkt man hier irgendwo im Labyrinth der Flure und Korridore nicht viel. Ich setze mich auf eine Kunstledergarnitur, die vermutlich während der Anschaffung in den Achtzigern mal schick gewesen war, direkt neben einem Fahrstuhl, auf dem ein Schild verkündet, dass dieser dauerhaft außer Betrieb genommen wurde. Es ist ein bisschen so wie im Flur-Set von „The Big Bang Theory“. Während im Hintergrund Schwester Margit beim nächsten Patienten den exakt gleichen Monolog wiederholt, lediglich an passender Stelle den korrekten Namen einsetzt, werde ich von meiner Anästhesistin ins Besprechungszimmer gerufen.
Um noch eine Serie zu zitieren, die Sie vielleicht nicht kennen: Hier erwartet mich mein erster Doogie-Howser-Moment. Sie wissen schon, diese alte Soap, in der das sechzehnjährige Wunderkind bereits als Arzt im Krankenhaus praktiziert. Meine Anästhesistin ist zwar sicher keine 16 mehr, aber eher im Frühstadium der Zwanziger als im Endstadium, so zumindest meine Einschätzung. Aber vielleicht hat sie auch ein paar Klassen übersprungen. Alles, was sie sagt, wirkt auf jeden Fall zum einen professionell und zum anderen empathisch – ein Double Feature, das längst nicht alle Mediziner aus dem Stand beherrschen. Sie erklärt mir die Grundzüge der anstehenden Anästhesie („Zugang rein – glücklich sein“) und schickt mich hinauf in den vierten Stock, für ein paar letzte Papiere in meinem mittlerweile erklecklich angewachsenen Stapel. Hier erläutert mir eine weitere fröhliche Twentysomething anhand einer groben schematischen Darstellung des menschlichen Körpers auf dem Papier, mit ihrem grünen Textmarker, wo ich überall am Tag vor der OP meinen Pelz zu entfernen habe.
Machen wir einen kleinen Zeitsprung und begeben wir uns gedanklich direkt an den Tag der Operation. Äußerst depressiv verstimmt, übernächtigt und innerlich vor Angst zitternd, darüber hinaus kahl rasiert, sodass es in meiner Leistengegend aussieht wie zuletzt in der Zeit um meinen zehnten Geburtstag herum, finde ich mich in der Klinik ein. Zunächst Check-in in der Eingangshalle: Die freundliche Dame in der Aufnahme druckt eigens für mich einen etwa 200-seitigen Roman aus, plus eine Fülle an Aufklebern, mit der man so manches Stickeralbum meiner Jugend hätte bekleben können.
Danach wieder hinauf in den vierten Stock, wo mich eine Krankenschwester begrüßt, die ich sofort und unwiderruflich in mein Herz schließe. Ich kann nicht ganz ausschließen, dass ich sie möglicherweise, noch von der Anästhesie benebelt, später am Tag „Mama“ nennen werde – aber ich bin sicher, das würde sie mir verzeihen. Ein Herz von einer Frau: zugewandt, empathisch und souverän mit meiner an diesem Morgen zu neuen Höhen aufgeschwungenen Hypochondrie umgehend. Extra für Fälle wie mich gibt es eine klitzekleine Tablette, die mir hier ein bisschen die Spannung aus dem Getriebe nimmt. Danach sitze ich auf einer Art Deluxe-Rollstuhl ganz alleine im späteren Aufwachzimmer und schaue aus dem Fenster auf die Dachlandschaft der Klinik und das dahinter im kalten Winternebel liegende Bruchsal. Die Füße eingepackt in klinikeigene Anti-Rutsch-Socken, über dem Schritt eine Art Krepppapier-Unterhose, die die Klinik vermutlich am Ende nicht zurückhaben möchte, gehüllt in ein Hemd, dessen am Rücken verlaufende Knopfleiste man selbst nur dann schließen könnte, würde man sich beherzt beide Arme auskugeln.
Nach etwa einer halben Stunde Wartezeit, in der ich die gleiche Seite in meinem Buch vermutlich 50-mal gelesen habe, ohne überhaupt zu wissen, was dort stand, holt mich meine Lieblingsschwester zwecks Vollstreckung ab. Tatsächlich hat mich die kleine Pille in einen halbwegs friedlichen Zustand versetzt, sodass mir die Fahrt über das alte Linoleum und hinein in einen Bereich der Fürst-Stirum-Klinik, der deutlich moderner anmutet, ganz gelassen vorkommt. Dann lande ich in einem Raum, in dem man sich bestimmt an diesem Morgen tierisch geärgert hat, weil alle versehentlich genau das Gleiche angezogen haben: grün, mit türkisfarbener Haube – kann passieren, Jungs. Hier werde ich noch mal gefragt, was operiert werden wird. Wie man mir später versichert: eine routinemäßige Abfrage für die OP, deren Ablauf ich auch mit einer gänzlich abweichenden Antwort („Einmal Vasektomie, Fett absaugen und Darmspiegelung“) nicht hätte ändern können. Also sage ich brav „Hernie rechts“, ernte ein zufriedenes, maskiertes Nicken und steige von meinem Rollstuhl auf die OP-Liege um. Jetzt gibt es den Zugang in den rechten Handrücken, durch den die Schwester flaschenweise diverse Flüssigkeiten in mich hineinlaufen lässt. Beeindruckend, wie egal mir das alles bereits zu diesem Zeitpunkt ist – ich lasse es einfach geschehen. Währenddessen findet sich meine Anästhesistin ein, auch kann ich einen Blick auf meine Chirurgin werfen: beide nach meinem Dafürhalten noch blutjung. Falls die Fürst-Stirum-Klinik über Personal jenseits der 30 verfügen sollte, bekomme ich es an diesem Tag zumindest nicht zu sehen.
Jetzt kommt der Teil, vor dem ich mich am meisten fürchte: das Abgleiten in die Narkose. Ich würde mich per se als derartigen Kontrollfreak bezeichnen, dass ich große Summen darauf setzen würde, mich diesem Akt nur durch pure Willenskraft zu widersetzen. Ein Versuch, der genau drei Atemzüge mit der Sauerstoffmaske Bestand hat – danach sofort Filmriss. Nicht unangenehm, kein Sturz in die Tiefe, kein Entwinden der Realität wie im Horrorfilm: einfach Licht aus …
Als ich wieder zu mir komme, sind mehrere Stunden vergangen und ich sitze wieder genau dort am Fenster, wo ich am Morgen bereits auf meine Operation gewartet habe. Die erste Frage, die mir durch das benebelte Gehirn geistert: Wie zum Teufel haben die es geschafft, meinen 115 Kilo schweren Hintern von der OP-Liege zurück in diesen Stuhl zu bugsieren? Vermutlich konnte ich ihnen dabei nicht behilflich sein. Ich versuche mir vorzustellen, wie meine junge Chirurgin und meine ebenso junge Anästhesistin gemeinsam einen bewusstlosen, stämmigen Mittvierziger umwuchten – die Visualisierung dieses Akts fällt mir aber schwer.
Lange muss ich darüber aber nicht nachsinnen, denn hier kommt schon meine Lieblingsschwester. Fröhlich lächelnd und mit einem Satz auf den Lippen, der ein bisschen augenzwinkernden Tadel transportiert: „Na, jetzt wird’s aber auch mal Zeit, dass Sie wieder aufwachen.“ Tatsächlich sind seit der Narkoseeinleitung ungefähr fünf Stunden vergangen – fünf Stunden, die in meinem Gedächtnisprotokoll komplett fehlen. Eine Zeit, die, einem schnellen Blick an meinem Körper hinunter nach zu urteilen, jedoch völlig ausgereicht hat, um mich wie Ralph Fiennes in „28 Years Later“ komplett orange anzustreichen. Dazu wurden drei kleine Pflaster montiert: zwei links am Bauch, eines über dem Bauchnabel. Ansonsten sieht alles aus wie immer – wenn man von der Abholzung des Urwalds am Vortag absieht. Nach zwei Brezeln mit Butter (eigentlich war nur eine eingeplant, ich habe aber eine zweite erbetteln können) kommt auch schon meine Frau und holt mich ab. Von der Einlieferung bis zur Ausgabe keine sieben Stunden – verrückt, was die Medizin heute im ambulanten Bereich alles kann.
Meine Chirurgin hat in jedem Fall ganze Arbeit geleistet: Alles da unten sieht sauber aus und verheilt so, wie es soll. Wenn man von den bizarren Muskelkater-Schmerzen absieht, die sich durch mein komplettes Inneres hartnäckig für etwa 48 Stunden ziehen, habe ich tatsächlich keinerlei Probleme oder Nachwirkungen. Schon Tag zwei nach der Operation fühle ich mich im Großen und Ganzen eigentlich wieder ganz in Ordnung. Der Muskelkater übrigens scheint daher zu rühren, dass während der OP der Bauch mit CO₂ gefüllt wird, damit die Operateurin sich da drinnen umsehen und arbeiten kann – ein Umstand, auf den mein Zwerchfell zwei Tage lang tief beleidigt reagiert.
Heute, eine knappe Woche nach dem Eingriff, spüre ich kaum noch irgendetwas davon. Der Bruch in der Leiste ist versiegelt, 10 × 15 cm chirurgisches Netz sorgen künftig dafür, dass alles dort bleibt, wo es hingehört. Ein dickes Dankeschön geht daher an mein OP-Team in der Fürst-Stirum-Klinik. Ihr habt mich durch eure professionelle und empathische Arbeit wirklich genauso abgeholt, wie ich es mir gewünscht habe. Merci!
Ach ja, wir sehen uns ja auch bestimmt in Kürze wieder. Noch läuft schließlich die Erkältungssaison und es gibt ja noch reichlich Leiste auf der linken Seite, die ich durch beherztes Niesen zerschießen kann. Schmiert schon mal zwei Butterbrezeln für mich.