No man’s town – Bruchsal für Männer

Fotomontage Redaktion (Foto Mann: RyanMcGuire / Pixabay)

Einkaufsbummel des Grauens

Eine Kolumne von Thomas Gerstner

Viele von euch werden das gar nicht mitbekommen haben, aber neulich gab es einen sehr speziellen und besonderen Tag, quasi ein Ereignis wie es nur alle 10.000 Jahre vorkommt. Ich rede von etwas in der Größenordnung einer totalen Sonnenfinsternis oder einem intelligent formulierten Satz von Donald Trump. Ich hatte tatsächlich einen ganzen Tag frei – 24 Stunden zu meiner vollständig persönlichen Verfügung. Keine Arbeit, keine Hausarbeit, keine Kinder von der Schule abholen oder sonst etwas zu tun… Normalerweise würde ich jetzt meinen prallen Arsch in der Bruchsaler Sauna parken, da diese im August aber geschlossen hat schlenderte ich einfach gemütlich in Richtung der Brusler Innenstadt. Dabei ist mir das erste Mal bewusst aufgefallen, wie sehr das Städtle eher auf die holde Damenwelt ausgerichtet ist und wie wenig es uns gemeinem Mannsvolk zu bieten hat.

Glaubt ihr mir nicht? Dann folgt mir doch auf einen kleinen, gemütlichen Stadtrundgang.

Wir beginnen unsere kleine Reise dort wo früher einst ein schöner Spring(Thing-)brunnen stand und jetzt ein weniger schöner Glaspalast steht, um den sich im Winter Menschen unter 10000 Watt Heizstrahlern versammeln, die auch unbedingt noch bei -5 Grad draußen sitzen müssen. Zuerst betrete ich das Kaufhaus Schneider (Ja, für mich wird es immer das Kaufhaus Schneider bleiben) und spiele mit dem Gedanken meinen sehr überschaubaren Kleiderbestand (passt alles in einen Koffer) aufzufüllen. Um es abzukürzen, die Stadt hat Männern meiner Statur absolut gar nichts zu bieten. Es gibt Mode für kleine Dicke oder große Schlanke, leider aber nicht für lange Dicke wie den alten Tommy. Mitleidiges Lächeln erhält man auch in jedem einzelnen Schuhgeschäft, wenn man die Frage stellt wo denn die Schuhe ab Größe 48 aufwärts stehen. Egal, dann müssen die Mokassins die ich 1994 in Prag gekauft habe eben noch etwas länger halten.

Weiter geht’s in die Kaiserstraße, quasi der Kudamm von Bruchsal. Rechter Hand befindet sich ein Kaffeeröster der weniger Kaffee, dafür aber umso mehr Krimmskrams für betuchte Damen mittleren Alters anbietet, den einfach kein Mensch auf der Welt brauchen kann. Vom Melonenbällchen-Stecher, über Smoothie-Maker bis hin zu Shiatsu-Massage-Sofakissen gibt’s ja einfach alles, was das Männerherz nicht begehrt. Das gleiche Bild im Deko Geschäft auf der anderen Straßenseite. Wofür braucht der Mann von Welt denn schon weiße Sperrholzlaternen im Shabby Chic Look, wenn bei ihm zu Hause sowieso alles schon schäbig aussieht. Ich spare mir den weiteren Gang durch die Kaiserstraße, wohl wissend dass mich dort nur Friseure (keine Haare, kein Bedarf), Randgruppen-Gastronomie oder Ein-Euro-Läden erwarten und biege stattdessen nach rechts ab. Hier erwarten mich ein schwedisches Modegeschäft das günstige Zwergen-Ausstattung anbietet oder ein Dessous-Laden für den ich mit meinen zwei Biertitten zwar die Voraussetzungen erfülle, ihn aber dann doch links liegen lasse. Im gegenüberliegenden Drogeriemarkt fahre ich dann mit der Rolltreppe in die Multimedia Abteilung und stöbere aus alter Gewohnheit in den DVDs. Das mache ich genau so lange bis mir einfällt, dass niemand mehr DVDs braucht, weil mein Netflix und mein Youporn-Account mir Unterhaltung vom feinsten frei Haus liefern. Ich biege erneut nach rechts in die John-Bopp-Straße ab, passiere ein Fitnessstudio (Murharharhar), einen Supermarkt und einen pastellfarbenen Drogeriemarkt und komme schließlich an einem Spezialgeschäft für E-Zigaretten vorbei. Da ich lieber mit einer Marlboro in der Fresse 15 Jahre früher ins Gras beiße, bevor ich etwas in der Form einer Insulinspritze Cherry-Vanille-Aroma-Dampfwolken entlocke, kehre ich lieber im benachbarten Steakhouse ein und gönne mir als Brunch ein schönes fettes Steak.

Cholesteringeschwängert geht mein kleiner Trip dann nach einer Stunde weiter. Ich biege in die Bahnhofstraße ein, passiere die nach Pisse stinkende Penner-Einfahrt neben einem nun geschlossenen Supermarkt (in dem Kinogänger einst Alternativen zum 199 Euro Popcorn erwarben) und habe nun die Wahl entweder in einer von mehreren Apotheken einzukaufen, oder doch lieber in der örtlichen Discounter-Kneipe ein 15 Meter-Brett mit Jacky Cola zu exen. Raten Sie mal, wofür ich mich entschieden habe.

Mit ordentlich Fusel im Blut, stolpere ich weiter durch die Stadt. Wer am Europaplatz in einer der beiden Systemgastronomien einkehren möchte, der sollte sich mit dem Essen beeilen, schließlich könnte die Bude jederzeit wieder den Besitzer wechseln. Zum Nachtisch dann noch ein Ingwer-Limetten-Chiasamen-Mayonaise-Eis beim Nobel-Ketten-Italiener oder einen schnellen Absacker in der “Garantiert Lungenkrebs in 5 Minuten” versprechenden Passiv- und Aktiv-Raucherkneipe in der Nachbarschaft.

Die Reise führt mich dann noch vorbei an orientalischen Supermärkten, Wettbüros, Metzgereien für Millionäre, wirren Schuhmachern, Buchläden mit einer Spezialabteilung für Kruzifixe und einer Milliarde Nageldesign-Studios. Am Ende lande ich dann aber doch wie jedes Mal in der Currywurstbude meiner Wahl, wo die Zeit einfach stehen geblieben ist. Während ich die Fritten in die rote Soße tunke und den herrlichen Friteusen-Duft inhaliere, versöhne ich mich wieder mit meinem Städtle und all seinen skurrilen Ecken und Winkeln. Immer noch besser als durch die bekackte Baustellen-Metropole Karlsruhe, ihres Zeichens meine Geburtststadt zu pilgern. Hier in Bruchsal sind die Straßen zumindest noch sicher und sauber, die Menschen freundlich und die Geschäfte gepflegt. Und wer das Gegenteil bevorzugt – für den gibt’s ja immerhin noch die Südstadt.

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