Nicht eine verdammte Flocke

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Das Kraichgaus graue Winter

ein kleiner Abgesang auf das weiße Hügelland von Philipp Martin

“Wat den eenen sin Uhl, is den annern sin Nachtigall” sagen die Norddeutschen gerne, zumindest jene, die platt verstehen. Recht haben sie damit, jede Medaille hat zwei Seiten und das Paradies ist eben immer gerade dort, wo man selber nicht ist. Lassen Sie mich dennoch ein bisschen jammern, nach so vielen ungezählten Winter-Spaziergängen unter grauen Wolken und über matschige Wege und Pfade in den Wäldern und Fluren unseres Hügellandes. Himmel, wie ich den Schnee vermisse. Seine Reinheit, das strahlende Weiß, die klirrende Kälte, die frische Luft, die betörende Stille. Schon seit ich ein kleiner Hosenmatz war, hat mich die weiße Pracht gebannt, fasziniert und auf ewig für sich eingenommen. Wie Fräulein Smilla hatte ich auch immer ein Gespür für Schnee, wurde bereits am frühen Morgen wach, wenn draußen das Land von weißem Puderzucker überzogen wurde. Egal wie müde ich war, in diesem Moment bin ich aus dem Bett gesprungen, habe mich dick eingepackt und bin noch vor den ersten Sonnenstrahlen übers Land gezogen.

Nichts ist magischer, nichts schöner, als ein Spaziergang durch eine unberührte Schneelandschaft. Dann, wenn noch nicht alles mit Fußstapfen übersät, oder dem grauen Matsch von Fahrzeugen. Das alte, vertraute Land, sieht plötzlich völlig neu, wunderbar unbekannt und geheimnisvoll aus. Wenn dann die Sonne durch die Wolken bricht, ihre Strahlen sich millionen- und milliardenfach in den Schneekristallen brechen und alles wie Juwelen funkelt, ist das Glücksgefühl perfekt.

Klar, Schnee kann auch anstrengend werden. Während meines Studiums hatte ich eine kleine Hütte im Hochschwarzwald, wo Schnee die absolute Regel und nicht nur die Ausnahme war. Ein Durchkommen mit meinem kleinen, koreanischen Hüpfer war meistens unmöglich, Parken an der Straße und 4 km Fußmarsch völlig normal. Wenn im Frühling dann die Schneemassen tauten, floss das Wasser nicht nur an meiner Hütte in Hanglage vorbei, sondern mitten hindurch. 30 Zentimeter Wasser im Erdgeschoss waren dann keine Seltenheit. In diesen Tagen habe ich den Schnee oft verflucht, heute fehlt er mir so sehr, das es schon fast ein bisschen weh tut.

ein bisschen Raureif, ansonsten Nebel und Tristesse

Seit ich wieder im Kraichgau lebe, glänzt der Schnee nicht nur durch seine reine Weisheit, sondern vielmehr durch Abwesenheit. Ich kann an einer Hand abzählen, wie oft es in den letzten 10 Jahren bei uns wirklich richtig geschneit hat. Ich rede nicht von diesen ein bis zwei Tagen pro Winter, an denen vielleicht ein oder zwei Zentimeter Schnee für wenigen Stunden bei uns hängen geblieben sind, sondern von richtigem Schnee. Schnee, in dem die Schuhe bis zu den Knöcheln versinken, der die grauen und schlammigen Ackerscholwen bedeckt und so gleißend weiß und hell ist, das man die Augen zusammenkneifen muss.

Autofahrer und Heizkosten-Bezahler mögen sich vielleicht über die neue Schneelosigkeit freuen, ich würde beide Unannehmlichkeiten mit Handkuss hinnehmen, wenn es doch nur hin und wieder richtig schneien würde – im Land der 1000 Hügel. Doch der Trend ist eindeutig und läuft klar gegen uns Schnee-Liebhaber. Der Klimawandel ist in vollem Gange und die Prognose für Frosttage in unseren Breitengraden sinkt beständig. Zur Jahrhundertmitte hin wird es bei uns im nördlichen Baden-Württemberg durchschnittlich 25 weniger Frosttage geben, als im Vergleichszeitraum von 1971 bis 2000, berechnen die Forscher das Helmholtz-Zentrums. Die Assoziation von Winter und Schnee wird bei den nachkommenden Generationen im Kraichgau also vermutlich im Laufe der Zeit völlig wegbrechen.

Was bleibt, ist die Hoffnung. Schnee bleibt selbstredend bei uns weiterhin möglich, nur die Wahrscheinlichkeit dafür sinkt beständig. Hoffen wir also, dass mit etwas Glück in den nächsten Wochen Niederschläge auf kalte Luft und kalten Boden treffen…eben jene Voraussetzungen sich erfüllen, die für dauerhaften und ergiebigen Schnee nötig sind. Denn Schnee ist mehr, als nur kristallisiertes Wasser. Er legt eine sanfte, gütige Decke über die Dinge, lässt uns zur Ruhe kommen, lässt uns das Alte vergessen und uns rein und unberührt das Neue mit allen Sinnen erleben. Insofern: Let it snow, Let it snow, Let it snow.

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