Mit Haltung, Herz und Hajo

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Der Fußball hat sich stark verändert. Ehrgeiz, Leistungsdruck und auch Geld prägen zwischenzeitlich die Vereinsstrukturen teilweise schon auf regionaler Ebene. Damit der Volkssport Nummer eins in Deutschland sauber und fair bleibt, haben sich vor über 50 Jahren ein paar engagierte Trainer zusammengeschlossen, um die echten Werte von König Fußball zu bewahren: Sportgeist, Kameradschaft und ein echtes Miteinander.

von Stephan Gilliar

Hans-Joachim Of brennt für den Fußball, das wird jedem klar, der sich mit ihm mehr als nur ein paar Minuten unterhält. Beständig und mit glänzenden Augen will er von mir wissen, ob ich dieses oder jenes Spiel gesehen habe, ob ich von dieser oder jener Angelegenheit in der Bundesliga etwas mitbekommen habe oder ob ich dieses oder jenes Spielerporträt gelesen habe. Jedes einzelne Mal muss ich beschämt den Kopf schief zur Seite legen und mit leicht rotem Kopf ein verhaltenes Nein durch die Zähne pressen. Ich habe tatsächlich überhaupt keine Ahnung vom Fußball, ehrlich gesagt sogar keine Ahnung von überhaupt irgendeiner Sportart, Quidditch mal nicht mitgerechnet.

Vielleicht bin ich aber gerade aus diesem Grund für dieses Gespräch ziemlich prädestiniert, denn auf diese Art und Weise kann ich mich diesem Thema mit der unbedarften Neugier eines Neulings annähern. Ein Neuling, der reichlich blauäugige Vorstellungen vom ländlichen Fußball hat, wie sich herausstellen sollte. Denn das Bild, das ich im Kopf habe, trifft nur ganz oberflächlich zu, wird aber immer unzulänglicher, je tiefer ich es zeichne. In meiner Vorstellung bedeutet Vereinsfußball auf dem Land ein- oder zweimal Training am Abend, am Sonntagvormittag ein Spiel gegen die Rivalen aus dem Nachbardorf, anschließend gemütliches Beisammensein mit Bratwurst und Stiefelgläsern. Jeder zahlt seine paar Mäuse Mitgliedsbeitrag im Jahr, hilft mit, wenn die Tribünen neu gestrichen werden müssen, bleibt seinem Verein ein Leben lang treu.

Während ich Hans-Joachim, den alle Welt nur Hajo nennt, meine blauäugige Weltsicht schildere, grinst er verschmitzt und rückt mich danach sanft zurecht. Ja, es gäbe sicher Freizeitkicker, die sich einfach ab und zu just for fun auf dem Sportplatz treffen, aber bei den Vereinen sähe das Bild anders aus: „Wenn du heute mit einem Jugendlichen sprichst, der dem Ball hinterherrennt, und fragst ihn, was sein Ziel ist, dann sagt der meistens: ‚Profifußballer‘. Dagegen stinken die anderen Sportarten alle ab …“

Wenn Hajo so etwas sagt, dann kann man mit Fug und Recht davon ausgehen, dass er genau weiß, wovon er spricht. Denn Hans-Joachim Of ist im regionalen Fußball längst eine Legende. Seit 48 Jahren ist er im Vorstand der Fußballtrainer-Vereinigung „Kreis Bruchsal-Bretten“, ist ehemaliger aktiver Spieler bei Vereinen wie Unteröwisheim, Hambrücken und Untergrombach und seit eh und je beruflich im PR-Bereich tätig, führt ein eigenes Pressebüro und berichtet heute u. a. für die Rhein-Neckar-Zeitung über die TSG Hoffenheim.

Er weiß genau, dass sich auch im ländlichen, im regionalen Fußball im Kleinen teilweise schon dieselben Strukturen etabliert haben, wie man sie in den höheren Ligen, ja sogar im Profifußball vorfindet. Die oft in der Gesellschaft diskutierte Kommerzialisierung des deutschen Lieblingssports Fußball ist auch im Kleinen längst ein Thema. Selbst regionale Vereine hantieren hier bereits mit Umsätzen im sechsstelligen Bereich, es geht um Spielergelder, um Ablösesummen, um Siegprämien und damit letztendlich um einen knallharten Wettbewerb, bei dem nicht nur das spielerische Können von entscheidender Wichtigkeit ist, sondern auch das Kapital.

Einerseits ist gegen echten Wettbewerb, gegen Leistung und deren Honorierung nichts einzuwenden, andererseits büßt der Breitensport, der Fans und Anhänger in allen Altersklassen bindet, durch diese Strukturen doch reichlich Romantik ein. Immer dann, wenn Geld ein Thema wird, bleiben andere Werte schnell auf der Strecke. Wenn Verein A anfängt, seinen drei besten Spielern 200 € Fahrgeld zu zahlen, damit sie nicht zum Nachbarverein wechseln, muss Verein B nachziehen. Das spricht sich unter den Spielern herum. Heute haben selbst 19-Jährige oft schon Berater oder fordern beim ersten Gespräch: „Was kriege ich denn bei euch?“ Ein problematischer Ansatz, der aber nicht nur aufseiten der Spieler zum Problem werden kann. In der Region Bruchsal gibt es bekanntlich viele wohlhabende Unternehmer. Wenn einer davon Fan eines Vereins ist, pumpt er bereitwillig Geld hinein. Er will Erfolg sehen – und Erfolg kauft man sich im Fußball über bessere Spieler und Trainer.

Wo Geld und Leistung große Themen sind, laufen andere, weichere Werte meist Gefahr, nachrangig behandelt zu werden. Es ist jedoch unerlässlich, genau diese zu stärken, zu verteidigen und hochzuhalten. Genau aus diesem Grund hat sich vor über 50 Jahren die Fußballtrainer-Vereinigung „Kreis Bruchsal-Bretten“ gegründet. 1971 von Erwin Humbert ins Leben gerufen, steht der Zusammenschluss für ein Netzwerk primär aus lizenzierten Trainern der Region, die sich vierteljährlich zum fachlichen Austausch treffen, sich aber auch entschieden für einen fairen und sozialen Sport starkmachen.

Die Vereinigung nutzt ihre fachliche Vernetzung und finanzielle Mittel, um über den sportlichen Tellerrand hinauszuschauen und soziale Verantwortung durch die Unterstützung von Bedürftigen sowie regionalen Hilfsprojekten zu übernehmen. Dabei fördert sie den Geist des fairen Miteinanders, indem sie Erlöse und Engagement beispielsweise in die Inklusion und die Hilfe für verunglückte Sportkameraden investiert.

Der Fokus liegt auf dem Dialog zwischen jungen Talenten und erfahrenen Coaches. Ein wichtiger Bestandteil sind Fortbildungen und Referate von namhaften Experten. In der Vergangenheit konnten dafür prominente Persönlichkeiten wie Rainer Scharinger, Markus Kauczinski oder Jörg Daniel gewonnen werden. Ziel ist es, Neuerungen im Fußball direkt an die Basis in den Vereinen zu vermitteln, aber auch deren ethisches Handeln und dessen Grundlagen zu festigen.

Die Vereinigung bildet damit eine wichtige Stütze in der regionalen Vereinslandschaft, die einerseits soziale Werte und das Ehrenamt hochhält, während im Amateurfußball teilweise mit vier- oder fünfstelligen Summen hantiert wird, was erfahrungsgemäß Energien freisetzen kann, die unbedingt in einem Gerüst aus Haltung und Rückgrat kanalisiert werden müssen. Das macht die Arbeit der Trainervereinigung zu einer Art Anker in einem zunehmend kommerzialisierten Umfeld.

Um Wissen, Erfahrung und durch das Leben und den Sport entwickelte Werte zu transportieren, braucht es dafür zwingend auch die „alten Hasen“. Denn Hajo hat den Sport schon erlebt, als er tatsächlich noch deutlich freier und vielleicht sogar etwas unschuldiger war. In den Siebzigern und Achtzigern, als Vereine noch nicht dem großen Druck durch Bürokratie und dem überbordenden gesellschaftlichen Leistungsgedanken ausgesetzt waren. Als vielleicht noch etwas mehr als heute der Gedanke im Vordergrund stand: Lasst uns einfach Fußball spielen, der Rest ergibt sich schon.

Auch wenn sich der Fußball professionalisiert hat, bleibt die Sehnsucht nach der Unbeschwertheit der Anfangstage bestehen. Die Fußballtrainer-Vereinigung „Kreis Bruchsal-Bretten“ schlägt hier die Brücke: Sie nutzt die Erfahrung von Routiniers wie Hans-Joachim Of, um den Sport an der Basis modern zu gestalten, ohne dabei die Bodenhaftung und die klassischen Werte zu opfern.