Mach´s doch selber du Depp

Mach´s doch selber du Depp
Antranias / Pixabay / Symbolbild (bearbeitet)

Die Selbstbedienungs-Seuche erreicht den Kraichgau

Eine Kolumne von Tommy Gerstner

Wollen wir ehrlich sein: Wenn wir über Jahre nicht einen einzigen Finger krumm gemacht haben und dann plötzlich selbst ran müssen, findet das wohl niemand sonderlich cool. Jahrelang habe ich meine Omi nach dem Mittagessen gelassen gefragt ob ich ihr bei der Küchenarbeit helfen soll und jedes Mal hat meine liebe Omi gesagt: Nein Bub, das mache ich selber – setz dich einfach ins Wohnzimmer. Wie groß war meine Überraschung, als es dann irgendwann mal ganz unvermittelt hieß: Ja, mach du mal – ich bin heute so erschöpft.

In immer mehr Läden und Geschäften erleben wir diesen Effekt gerade an der Kasse. Dort wo gestern noch jemand am Kassenband saß und die Produkte unserer Wahl über den Scanner schubste, steht jetzt ein Computer-Terminal an dem wir genau das selbst machen müssen.

Der Unterschied zwischen meiner lieben Omi und Ikea, Bauhaus, McDonald’s und Co….: für meine Omi mache ich das verdammt gerne, für den Rest des pseudo-innovativen Haufens nicht. Ich habe keine Lust mit meinem vollgepackten Einkaufswagen in diese ehrlose Arena des unmündigen Bürgers – gesäumt von vier Terminals geschleust zu werden – beaufsichtigt von einer Kaugummi kauenden, verpickelten 17-Jährigen auch wirklich jede kleine Öse oder jede kleine Tee-Kerze mit dem Scanner zu erfassen und dabei noch misstrauische Blicke über die Schulter zu ertragen.

Am meisten kotzt mich dabei an dass uns Deppen das ganze auch noch als Service-Merkmal verkauft wird. “Innovativ” nennt Sie ein solches Unternehmen selbst und auf einem der Branchenportale heißt es lapidar: Weniger warten, entspannt einpacken”. Ehrlicher fände ich es wenn sie einfach sagen würden: Pack doch selber deinen Kram ein mit dem wir Millionen-Umsätze machen, wir würden nämlich gerne noch mehr Geld verdienen und das teure Kassenpersonal einsparen. Stadt vier Kassierer an vier Kassen, reicht es jetzt einfach eine Aufsicht auf je einen Block von vier Selbstbedienungsterminals anzusetzen.

Wie gut das funktioniert, konnte ich bei einem Einkauf im Baumarkt am vergangenen Samstag erleben. Nachdem ich schon ungefähr 150 Millionen Schrauben, Winkel und Kleinteile eingescannt hatte, kam ein Werkzeug an die Reihe das als Ausstellungsstück um die Hälfte reduziert war. Leider wusste dies das ultramoderne Kassenterminal nicht und berechnete einfach mal die ursprüngliche Summe. Meine charmante 17-Jährige Aufseherin gab wenig begeistert zu Protokoll, dass ich mich nun an der normalen Kasse anstellen müsste. Ja, eine solche gibt es auch noch und die Schlange reichte ungefähr bis an die Nordseeküste. Ich darf feierlich zu Protokoll geben: Das war mein letzter Besuch hier.

Nach dem Stress packte ich meine Kinder ein und beschloss mir im nahe gelegenen Burger-Restaurant eine ordentliche Dröhnung Kalorien in den Darm zu wuchten. Direkt hinter der Tür erwartete mich ein großer Touchscreen und forderte mich auf meine Bestellungen einzugeben. Tatsächlich sind in den letzten Wochen die normalen Schalter verschwunden und durch eine Art Ausgabestationen ersetzt worden. Ich orderte für meine Kinder zwei Kindermenüs. Nachdem wir jeden einzelnen Bestellschritt anhand bunter Bilder hinter uns gebracht hatten, wollten sich meine Kinder schließlich das heißbegehrte Spielzeug aussuchen. Das System bot uns aber leider nur ein “Spielzeug nach Wahl”, stellte uns aber nicht vor selbige. Also fischten wir unsere aus Bürgerbüros und Arbeitsämtern beliebte Wartenummer aus dem Ausgabeschacht und tingelten in Richtung des Taubenschlages der Ausgabestationen. Hier verteilte gerade ein gestresster Mitarbeiter Burger und Fritten in zwölf nebeneinander aufgereihten Tüten – Hin und wieder huschten schemenhaft weitere Mitarbeiter vorbei und verteilten die Tüten an die entsprechenden Tische.

Dieser in der Gastronomie völlig neue und bisher weltweit unerprobte Vorgang – das Essen direkt an den Tisch zu servieren, wird hier übrigens als großer Pluspunkt für die Kunden gefeiert. Wir standen auf jeden Fall noch mindestens fünf Minuten saublöd mit unserer Wartenummer vor dem Ausgabeschalter, bis sich endlich ein Mitarbeiter unserer Spielzeug-Thematik annahm. Als wir dann irgendwann tatsächlich endlich zum Essen kamen, war der ganze Zirkus natürlich nicht mal mehr handwarm .

Liebe Unternehmen, es mag zwar sein dass viele willige Jünger unserer “Schnell, schneller am schnellsten – Zeit” euren als Service verkauften “Do it yourself – Checkout” mit Handkuss als Meilenstein unserer schönen neuen Welt hinnehmen…. Der ewig gestrige, zurückgebliebene, schwerfällige Tommy, wird eure heiligen Mauern – in denen der Kunde alles, aber nur kein König ist – künftig meiden wie der Teufel das Weihwasser.

Mein lieber Opa berichtet noch von Zeiten, als der Ober auch in normalen Restaurants im Anzug servierte und an der Tankstelle ein strahlender Tankwart im blauen Overall den Tankstutzen mit einem Lächeln befüllte. Das war noch echter Dienst am Kunden welcher einst tatsächlich dafür geschätzt wurde, dass er sein hart verdientes Geld in euren Läden liegen ließ. Ihn bei maximaler Gewinnoptimierung nun sogar seinen Einkauf selbst abkassieren zu lassen und das auch noch als Meilenstein zu verkaufen, ist in meinen trüben Augen nicht innovativ sondern dreist. Mehr noch als der Kunde selbst, badet diese Politik aber vermutlich der kleine Angestellte aus. Oder wollt ihr uns ernsthaft erzählen, dass durch die Kassenterminals kein Kassierer weniger benötigt wird?

Anstatt dessen online zu bestellen ist übrigens auch keine ideale Lösung, da hier das schwächste Glied in der Kette der ausgebeutete und schlecht bezahlte Paketbote ist. So abgedroschen das klingen mag: Wer nicht unterstützen möchte dass durch Gewinnmaximierung und Globalisierung eine ganze Bevölkerungsschicht als Verlierer untergeht, der sollte wieder im klassischen Einzelhandel einkaufen, auch wenn die Preise hier spürbar höher liegen als bei den oben genannten Alternativen.

Denn wer weiß, wo bereits morgen der nächste Service eingestellt wird?! Vielleicht darf ich in der Kneipe demnächst mein Bier an Zapf-Terminals entnehmen, im Puff auf Handbetrieb umschalten oder beim Zahnarzt mit der trendy Mouthcam meine Amalgamfüllungen selber rausfräsen….. F*** you, schöne neue Welt.

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