Vor 20 Jahren wurde bei Manfred Grimme eine seltene und unheilbare Form von Blutkrebs diagnostiziert. Von diesem Moment an hat der Bruchsaler Lehrer sein Leben noch einmal komplett neu begonnen und radelt seither gegen die Krankheit an.
Aufstehen, zur Arbeit gehen, nach Hause kommen, ins Bett gehen und wieder von vorne. Das klingt trist, ist aber im Grunde genau das Laufrad, in dem wir uns in unser aller Lebensmitte meist unweigerlich wiederfinden. Funktionieren, leisten, rotieren – ein Rädchen im Getriebe des Großen und Ganzen. Es gilt schließlich, die Familie zu versorgen, das Haus abzuzahlen und den beruflichen Verpflichtungen nachzukommen. Klingt unromantisch, ist es vermutlich auch, aber eben ein Teil und eine Phase des Lebens, der man sich nur schwer entziehen kann. Aus diesem Hamsterrad auszubrechen ist nicht einfach, es braucht dafür entweder den unbändigen Willen, das eigene Leben umzukrempeln und unkonventionell neu zu gestalten, oder eben einen Schicksalsschlag wie einen urgewaltigen Dampfhammer. Für Manfred Grimme hielt das Leben Letzteres bereit. Eines Tages lag er auf dem Sofa, schaute Fußball, als plötzlich das Knie schmerzte. Naja, dachte Manfred, kein Problem, etwas Pferdesalbe drauf und gut ist.
Doch es war nicht gut, das Knie entzündete sich und Manfred wurde irgendwann beim Arzt vorstellig. Dieser entdeckte – eine Zufallsdiagnose, wie sie typisch für diese Krankheit ist – Blutkrebs bei Manfred Grimme. Nicht irgendeinen, sondern die extrem seltene Variante Morbus Waldenström. Für Manfred eine Offenbarung wie ein Faustschlag in den Magen. Erste Recherchen im Internet zeigten ernüchternde Perspektiven: 50% der Patienten mit dieser Erkrankung sind nach wenigen Jahren tot, für Manfred begann emotional eine rasante Fahrstuhlfahrt nach unten. „Ich bin dann erst mal gar nicht mehr zum Arzt gegangen“, erzählt Manfred, der sich schwer tat, die Diagnose in ihrer ganzen Tragweite zu akzeptieren. Es folgten schwere Tage, eine dunkle Zeit, voller Traurigkeit und Niedergeschlagenheit… Manfred wurde zu einem Mann, der weit vor seiner Zeit dem eigenen Ende entgegensieht.
Aber eines Tages war das alles auf einmal zu Ende. „Es war, als hätte ich irgendwie den Schalter umgelegt“, erzählt Manfred, „ich konnte mich mit der Krankheit ganz langsam anfreunden“, erzählt er und hebt die Finger zu Anführungszeichen, während er das Wort langsam betont. Dann sagt er etwas, das mich aufhorchen lässt, ein Satz, der brachial und sperrig in der Luft liegt: „In der Nachbetrachtung, so paradox wie es klingt, war Waldenström für mich eine Bereicherung“, erklärt Manfred ganz klar und sicher und schiebt nach: „Eine absolute Bereicherung.“
Manfred beschließt damals, sich nicht einfach weiter fallen zu lassen, sondern aktiv die Zügel seines Lebens wieder in die Hand zu nehmen – der Krankheit trotzig die Stirn zu bieten, so gut er nur kann. Er holt aus dem Keller sein Fahrrad und beginnt zu radeln, findet Gefallen daran und radelt, radelt und radelt. Was früher nur irgendein vergessener Gegenstand von vielen in der Rumpelkammer war, wird zu seiner Passion, zu seiner Liebe und vielleicht auch ein Stück weit zu seinem Schicksal. Denn Manfred radelt immer weiter… Anfangs durch Bruchsal, schnell darüber hinaus und irgendwann gibt er dem Fernweh nach, das er im Grunde schon sein ganzes Leben lang in sich trug, das sein Hamsterrad ihn aber niemals ausleben ließ.
Er erfüllt sich all die Träume, die zuvor nur vage und ohne echte Substanz am Rande seiner Wahrnehmung existierten. Weil er nach den extremen Belastungen der ersten großen Chemotherapie tatsächlich wieder zu Stärke und Willen zurückfand, begann er für sich auf zwei Rädern die Welt zu erkunden – für sich, aber auch als Botschafter im Kampf gegen den Blutkrebs.
„Ich wollte immer schon die Welt sehen“, sagt er und seine Augen beginnen zu glänzen, „aber nicht auf einer großen Weltreise, sondern ganz punktuell, intensiv und nah.“ Und so beginnt Manfred trotz seiner Erkrankung für sich selbst Geschichte zu schreiben. Er fährt tausende und abertausende Kilometer, mitunter an den entlegensten Orten der Welt. Er bezwingt den Pamir Highway in Tadschikistan, er überquert den Paso Agua Negra zwischen Chile und Argentinien, er radelt durch die größte Salzwüste der Erde und fährt mehrfach durch die gesamte USA.
Sobald er von einem dieser Abenteuer wieder zurückkehrt nach Bruchsal, beginnt er im Grunde schon mit der Planung des nächsten. Vorbereitung ist für ihn alles, akribisch sucht er auf der gesamten angedachten Route nach den wichtigsten Wegpunkten, füttert seine App mit GPS-Koordinaten. Aber auch wenn er genau weiß, wohin er möchte, lässt er doch dem Leben genügend Raum, um ihn jeden Tag zu überwältigen, zu überraschen und zu begeistern. Zum Beispiel auf seiner kommenden Reise, die er Anfang Januar in Angriff nehmen wird. Rund zwei Monate lang will er mit dem Fahrrad Patagonien bereisen, 1.800 km verteilt über fast 20.000 Höhenmeter. Vor ihm liegen wilde Pässe, Ländergrenzen, unbefestigte Straßen, wildes Land und so viel Schönheit, dass Manfred die Vorfreude wie elektrische Energie ausstrahlt. Wie eine Perlenschnur reihen sich die Koordinaten auf seinem Smartphone-Display vor ihm auf, eine Strecke so anstrengend, dass mir schon vom Zuschauen die Füße schwer werden, doch Manfred will einfach nur radeln. An manchen Tagen fährt er 200 km, einfach weil er an seine Grenzen gehen will, weil er wissen will, was er noch leisten kann und wo er im Kampf gegen Morbus Waldenström steht. „Ich möchte mich plagen“, sagt er und meint damit im Grunde: „Ich möchte mich spüren.“
Und so wird auch klar, wieso Manfred Grimme diese schwere Krankheit, die problemlos sein Ende hätte bedeuten können, als eine Art Wiedergeburt begriffen hat. Er hat sein Leben neu begonnen, eine Möglichkeit, die uns allen zwar in der Theorie offensteht, von der die wenigsten aber Gebrauch machen. Auch Manfred wäre vermutlich ohne die Diagnose in seinem eigenen Hamsterrad weitergelaufen, doch das Leben hatte offenbar noch andere Pläne für ihn. Und so stürzt er sich, mit knapp 70 Jahren, in sein nächstes Abenteuer – ein Abenteuer, für das andere ein ganzes Leben lang nicht den Mut finden.
Doch Manfred fährt nicht nur für sich allein, sondern auch für andere, für die gute Sache und als Botschafter im Kampf gegen eine Krankheit, die nicht nur sein eigenes Leben neu geprägt hat. Mit seiner Tour durch Patagonien sammelt Manfred wieder Spenden für den Verein BLuT e.V. in Weingarten, der sich für Menschen mit Blut- und Tumorerkrankungen einsetzt. Wer ihn auf dieser außergewöhnlichen Reise begleiten möchte, kann seine Etappen, Eindrücke und Fotos nahezu in Echtzeit über sein Reisetagebuch in der App „Polarsteps“ verfolgen und findet dort die komplette Route entlang der Carretera Austral bis nach El Calafate. Zudem besteht über die verlinkte Online-Spendenplattform die Möglichkeit, seine Aktion finanziell zu unterstützen und damit direkt die Arbeit von BLuT e.V. zu fördern.
Infos zur Patagonien-Spendentour
Tour-Daten
- Zeitraum: ab 6. Januar, rund acht Wochen unterwegs
- Strecke: ca. 1.800 km durch Patagonien, überwiegend entlang der Carretera Austral
- Höhenmeter: etwa 20.000 – das entspricht rund 45 Fahrten von Heidelberg auf den Königstuhl mit 27 Kilogramm Gepäck
- Bedingungen: häufig Regen, viel Wind, zum Teil unbefestigte Straßen
Reise live mitverfolgen
- Etappen, Fotos und Route in der App „Polarsteps“:
https://www.polarsteps.com/mangri/19918694-patagonien-carretera-austral
Spenden für BLuT e.V. Weingarten
- Online-Spendenplattform zur Unterstützung der Aktion „Weltweit sportlich aktiv trotz Blutkrebs“:
https://www.helpmundo.de/helptools/kampagne/275_weltweit-sportlich-aktiv-trotz-blutkrebs
