Für alle Fälle Schwester Marina

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Vor einem halben Jahrhundert begann Marina Weser ihre Ausbildung im Bruchsaler Krankenhaus, heute ist sie immer noch hier.

Jahrzehnte überdauernde berufliche Beständigkeit, Karrieren wie mit dem Lineal gezogen – für manche Ziel und Sehnsucht, für andere unvorstellbar. In Zeiten von Lebensläufen voller Schnörkel, Pirouetten und Abstecher liest sich eine Biografie wie die von Marina Weser schon fast ein bisschen surreal. Mit 17 in die Ausbildung gestartet, heute noch immer hier. Sie ist gekommen, um zu bleiben – und hat es niemals bereut. Von ihren fast 70 Jahren auf Erden ist Marina bereits seit über einem halben Jahrhundert Krankenschwester an der Fürst-Stirum-Klinik in Bruchsal. Eine unvorstellbar lange Zeit, in der sich so vieles ereignet hat, in der so viel geschehen ist. Die Erde hat sich 18 262 Mal um sich selbst gedreht, und an der Fürst-Stirum-Klinik wurden Millionen von Menschen behandelt. Von den 120 Jahren, die die Klinik im kommenden Sommer auf dem backsteinernen Buckel haben wird, hat Marina einen beeindruckenden Teil miterlebt.

Begonnen hat sie ihre Ausbildung 1975 – Lehrjahre, in denen es richtig anzupacken galt. Denn die Arbeit als Krankenschwester ist in vielerlei Hinsicht harte Arbeit, das wird niemand ernsthaft in Zweifel ziehen. Aber wie man zupackt, das wusste Marina zu diesem Zeitpunkt schon längst. Ihre Eltern hatten einen landwirtschaftlichen Betrieb im damals noch eigenständigen Landshausen, die Arbeit auf dem Feld und im Stall war für die Kinder obligatorisch.

Während ihr Bruder die Übernahme des elterlichen Hofes anstrebte, entschied sich Marina für eine Ausbildung an der Schwesternschule in Bruchsal. Die Krankenhäuser in Eppingen und Sinsheim wären theoretisch auch in Frage gekommen, doch die Anbindung in Bruchsal war einfach besser. Der Entenköpfer verkehrte damals regelmäßig, und an schönen Tagen gab es ja auch noch das Fahrrad. Dem ist Marina übrigens bis heute treu geblieben – genauso wie ihrem Landshausen. Wenn das Wetter mitspielt, schwingt sie sich immer noch auf ihr E-Bike und fährt eine gute Dreiviertelstunde bis zu ihrer Klinik – so, wie sie es schon seit den letzten 50 Jahren macht.

Um sich ein Bild zu machen, wie das Krankenhausleben damals ausgesehen hat, müssen wir eine kleine Zeitreise bis in die Mitte der Siebzigerjahre unternehmen. Wir reden hier immerhin von einer Zeit, die noch ein gutes Jahrzehnt von der Schwarzwaldklinik und Professor Brinkmann entfernt lag. Der Blick hinter die Kulissen einer Klinik war damals noch Ärzten und Schwestern vorbehalten.

1975 war Medizin noch echte Handarbeit – im wahrsten Sinn des Wortes. Auf den Stationen roch es nach Desinfektionsmittel und frischer Bettwäsche, Dienstpläne hingen an Korktafeln, geschrieben mit Kugelschreiber. Wer damals Krankenschwester wurde, hatte sechs Tage Dienst, eine Schürze um und kaum technische Hilfsmittel zur Seite. Computertomographen waren Zukunftsmusik, Blutdruckmanschetten und Fieberthermometer das tägliche Werkzeug.

Was es damals deutlich mehr gab als heute: Zeit! Patienten blieben nach einer Gallenoperation zwei Wochen im Krankenhaus. Genesung bedeutete Geduld und Ruhe, nicht Effizienz und Fallpauschale. Die Pflege arbeitete mit Hingabe und Muskelkraft – aber ohne digitale Assistenten, ohne elektronische Kurven, ohne Teams aus Sozialdienst, Palliativpflege oder Case Management.

Politisch begann gerade eine neue Ära: Mit dem Krankenhausfinanzierungsgesetz von 1972 wurde das Gesundheitswesen in geordnete Bahnen gelenkt, doch Begriffe wie „Kostendämpfung“ und „Effizienzsteigerung“ waren schon auf dem Weg, den Ton der kommenden Jahrzehnte zu bestimmen.

Man darf das nicht falsch verstehen – nicht alles an den modernen Entwicklungen ist nachteilig, ganz im Gegenteil. Durch die fortschreitende Technologie, die immer präzisere Medizintechnik und die digitalen Datensysteme konnte die Effizienz der Behandlungen und der stationären sowie ambulanten Versorgung deutlich gesteigert werden. Weniger zu tun hat das Personal trotzdem nicht – die Aufgaben sind nur andere geworden. Oder wie Marina es ganz nüchtern auf den Punkt bringt: „Also stressig war es immer – nur auf eine andere Weise“, sagt sie und lacht.

Und Marina weiß natürlich genau, wovon sie spricht. 1978, nach dem Ende ihrer Ausbildung, begann sie ihre Arbeit als Krankenschwester auf der unfallchirurgischen Station – nur der erste Schritt in einer langen Karriere. Schon vier Jahre später wurde sie stellvertretende Stationsleitung in der Abdominalchirurgie, Ende der Achtzigerjahre kam die pflegerische Verantwortung für alle Stomapatienten der Klinik hinzu.

Wer in der Medizin am Ball bleiben möchte, muss sich ranhalten. Kaum ein anderes Umfeld verändert sich schneller – neue Techniken und Erkenntnisse müssen erlernt und im Alltag umgesetzt werden. Auch Marina Weser ruht sich nicht auf dem Erreichten aus, sondern investierte in die eigene Fortbildung. Mit den frühen Neunzigerjahren wurde sie Stationsleiterin und qualifizierte sich über Monate hinweg für die Leitung einer Pflegeeinheit.

Als Mitglied des PDL-Teams übernahm sie Führungsaufgaben in der Chirurgie, der Urologie und der Gynäkologie. Dazu zählten auch die Säuglingsstation und der Kreißsaal, für die Marina organisatorisch Verantwortung übernahm.

Anfang der Zweitausender erfand sich Marina noch einmal ganz neu – und das aus gutem Grund. „Man kann in der Pflege nicht 50 Jahre sein“, sagt sie bestimmt. „Das kann man normal nicht aushalten.“ Also wechselte sie 2008 zum Sozialdienst und hat diesen Schritt nie bereut. Durch das völlig veränderte Aufgabengebiet konnte sie nun wieder einen engeren Kontakt zu Patienten und Angehörigen pflegen – ein Privileg, das durch die zahlreichen administrativen Aufgaben in der Pflegedienstleitung kaum noch zu erreichen war.

Soziale Kontakte sind für Marina ohnehin das A und O – der dringend notwendige Ausgleich, um im emotional nicht selten fordernden Umfeld einer Klinik bestehen zu können. Das Team ist für sie essenziell, schon damals, als man während der Ausbildung in Bruchsal am einzigen freien Abend gemeinsam ins Kino gegangen ist oder noch eine Currywurst bei Diemer zusammen gegessen hat. Im Krankenhaus kann man nur gemeinsam bestehen – das hat Marina über all die Jahrzehnte gelernt. Für viele in der Klinik dürfte sie zum vertrauten festen Inventar gehören, eine Art Stein in der Brandung. Weggefährten aus ihren ersten Jahren gibt es allerdings keine mehr – da ist Marina quasi „Last Woman Standing“.

Deshalb geht es für sie auch in Ordnung, wenn demnächst ihre lange, lange Zeit an der Fürst-Stirum-Klinik zu Ende geht. In Kürze wird sie in den wohlverdienten Ruhestand wechseln – ein Wechsel, der ihr keine Angst macht. Sie hat Hobbys, beispielsweise ihren Sport, Freunde und natürlich Familie. Endlich etwas mehr reisen, endlich etwas mehr Zeit haben. Was die Klinik angeht, so wird der Schnitt ein harter. „Wenn man raus ist, ist man raus“, sagt Marina in ihrer herrlich herben Art und lässt dabei keine Spur von Melancholie mitklingen.

Für romantische Schnörkel oder allzu weichgespülte Worte hat die resolute Schwester ohnehin nichts übrig. „Ich bin nicht die heilige Mutter Teresa“, sagt sie und gibt mir augenzwinkernd noch ein paar Formulierungshilfen für den Artikel mit auf den Weg: „Ich will nicht, dass sowas wie ‚aufopfernd‘ vorkommt. Also das Wort soll nicht drin sein.“

Naja, jetzt ist es ja doch drin – mea culpa, Marina. Aber was soll’s. Fünfzig Jahre Pflege – da hält man auch ein bisschen Pathos aus.