Feuer frei auf freie Wölfe

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Foto: cynoclub via envato elements

Politik gibt grünes Licht für das fröhliche Rudel-Rummsen

Noch ein Punkt für uns im Kampf gegen die Natur

Ein Kommentar von Philipp Martin

Können Sie sich noch an JJ1 erinnern? Nö? Vielleicht klingelt es bei Ihnen, wenn Sie den Spitznamen des am 26. Juni 2006 abgeschossenen Bären hören. Bruno hat vor 13 Jahren ganz Deutschland polarisiert – der erste in freier Wildbahn lebende Bär der deutschen Boden seit über 170 Jahren betreten hatte. Wir Deutschen reagierten prompt auf jene unkomplizierte, lockere und entspannte Weise, für die wir in der ganzen Welt bekannt sind. Die bayerische Staatsregierung reckte gegenüber ihren Waidmännern den grünen Daumen nach oben und gab den armen Bruno zum Abschuss frei. Wenngleich dieses Ereignis auch nur einen Bärenschiss in der deutschen Geschichte markiert, zeigt es doch auf welch souveräne Weise wir mit der Natur interagieren. Da wo Sie uns in den Kram passt, loben wir Sie über den grünen Klee, dort wo sie uns im Weg ist, zerstören, zertreten, erschießen und roden wir einfach was das Zeug hält.

Katzenbabys, Hündchen und Ponys bekommen abendfüllende Spielfilme und Buchreihen spendiert – Schweine, Kälbchen und Lämmer das Bolzenschussgerät an den Kopf gesetzt. Neue Straßen, Autobahnen und Parkplätze werden gerne gesehen – Regenwasser das durch die eskalierte Flächenversiegelung in unsere Keller fließt, aber weniger gerne. Geflügel das an den Kühlergrills unserer Online-Shopping-Liefer-Laster und SUVs zermatscht wird juckt uns herzlich wenig, wenn die gleichen Viecher aber dafür taugen ein den Ausblick von der Terrasse verschandelndes Windrad in der Nachbarschaft zu verhindern, ist das Geheule groß.

Apropos Geheule, da sind wir doch gleich beim Thema. Nachdem wir mit Bruno unseren ersten und einzigen Problembären einfach ausradiert haben, scheint nun auch der Problemwolf bald allerorten im Fadenkreuz zu stehen. Der Deutsche Bundestag diskutiert aktuell einen Gesetzesentwurf der großen Koalition, der einen erleichterten Abschuss der in Deutschland lebenden Wölfe ermöglichen soll. Die Pläne klingen ein ganz kleines bisschen unfair zum Nachteil der Wölfe. Wenn einer der Burschen ein Nutztier gerissen hat, sollen in der Umgebung solange Wölfe abgeknallt werden dürfen, bis die Übergriffe auf Nutztiere aufhören. Nicht mehr der konkrete Unhold soll ermittelt werden, sondern es sollen solange Wölfe erlegt werden, bis der wahre Übeltäter zufälligerweise dabei ist. Das ist ungefähr so wie wenn nach einem Ladendiebstahl in Tante Gerdas Drogerie, die Polizei solange willkürlich Menschen verhaftet, bis die Ladendiebstähle aufhören. Klingt doch fair, oder?

Selbstverständlich ist nachvollziehbar, wieso der allseits präsenten Wolfsromantik ein gewisser Pragmatismus entgegengesetzt werden muss. Für die ohnehin schon am untersten Ende der unteren Einkommen rangierenden Schäfer, bedeutet ein Wolfsriss nicht nur eine schmerzliche Einbuße, sondern ab einer gewissen Größenordnung auch das unweigerliche wirtschaftliche Aus. Dennoch zeigt die ganze Debatte, wie wir den Platz definieren, den die Natur in unseren modernen Zeiten einnimmt. Anstatt uns mit ihr zu arrangieren, weisen wir der Natur ihren Wirkbereich zu und entscheiden welcher ihrer Auswüchse leben darf oder sterben muss. Waren früher Raubtiere in unserem Alltag eine harte Konstante, die wir bei all unserem Tun einkalkulieren mussten, löschen wir heute alles aus, was uns auch nur im geringsten in die Quere kommt.

Vielleicht erfüllen wir damit nur die Grundregel, die die Natur höchst selbst definiert hat: Das Überleben des Stärksten – The Survival of the fittest.

Vielleicht bewirkt unser Handeln aber auch, dass wir uns immer weiter einer Illusion hingeben, die in der westlichen Welt absonderliche Ausmaße angenommen hat: Die Annahme dass es sich bei der Natur und unsereins um zwei voneinander unabhängige Entitäten handelt. Das Gegenteil jedoch ist der Fall! Wir sind ein generischer Teil unsere Umwelt, dieses Planeten und der allgegenwärtigen Natur.

Wenn wir es nicht schaffen innerhalb dieses Systems mehr auf Harmonie, als auf Verdrängung zu setzen, werden wir es irgendwann sein, die so lange im Fadenkreuz stehen, bis wir unserer Umwelt keinen Schaden mehr zufügen.

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