Ausgerechnet in Münzesheim, wo die Fastnacht schon als beerdigt galt, setzen elf Enthusiasten auf Brauchtum und sich selbst ein handgeschnitztes Häs auf.
Dass Patricks Schicksal irgendwie mit der Fasnacht verknüpft ist, das war im Grunde schon von Tag 1 an klar. Geboren am Rosenmontag – der Junge hatte doch überhaupt keine Chance. Fasnacht, das hat ihn, aber auch seinen Freund Julian schon immer fasziniert. Der Hauch der Tradition, die gute Stimmung, der Gemeinschaftssinn – kein Wunder, dass die beiden sich seit Jahren nicht nur engagieren, sondern auch überall unterwegs sind, wenn die fünfte Jahreszeit angebrochen ist. Besonders angetan hat es den beiden die traditionelle Form der schwäbisch-alemannischen Fastnacht und deren alljährliche Höhepunkte: die Narrensprünge. Hier ziehen noch echte Originale durch die Straßen, maskiert in traditionellen Larven und Häs. Narros, Spättli, Hexen… Fasnacht nach guter alter Väter Sitte eben.
Bei uns in der Region ist diese Form der traditionellen Fasnacht von eher kleiner Bedeutung. Es gibt Narrensprünge beispielsweise im Karlsruher Stadtteil Grötzingen oder auch in Philippsburg und Kirrlach, ansonsten hat sich bei uns die klassische bunt-fröhliche Straßenfastnacht durchgesetzt, die oft von traditionellen Elementen durchmischt wird.

Junge Fasnachter gibt es bei uns in der Gegend reichlich, doch oft organisieren sie sich eher in weniger traditionell orientierten Zusammenschlüssen. Stattdessen kennt man viele der Jungen eher in Kombination mit den sogenannten Bumm-Bumm-Wagen – aufwändig gestalteten Anhängern, in denen die Party meist knapp zwei Meter über den Köpfen des Publikums entlang der Umzugsstrecke stattfindet. Dagegen ist auch gar nichts einzuwenden, aber für Patrick und Julian war das einfach nicht die Art und Weise, wie sie am liebsten Fasnacht feiern möchten.
Nun kommen die beiden allerdings aus einer Ecke des Kraichgaus, die früher einmal sprudelnd bunt und fröhlich war, über die Jahre aber wie ein versiegender Brunnen trockengefallen ist. In Münzesheim fand rund anderthalb Jahrzehnte lang ein äußerst beliebter Nachtumzug statt, der weit über die Stadtgrenzen hinaus berühmt-berüchtigt war. Noch heute hört man reichlich Stimmen, die diesem beerdigten Event hinterhertrauern.
Ja, die Geschichte der Nachtumzüge im Kraichgau ist eine tragische. Gab es früher reichlich dieser Veranstaltungen, ist es heute im Grunde nur noch einer: der Nachtumzug in Langenbrücken. Richtig unter Druck geraten war die Tradition durch den Vorfall rund um die Causa Hexenkessel beim letzten Eppinger Nachtumzug vor 8 Jahren. Aber auch anderswo wurden die Umzüge nach zu viel Chaos und Vandalismus Stück für Stück eingestellt.

Dass es rund um die Fasnacht gerade in der Kraichtaler Hauptstadt Münzesheim so deprimierend ruhig ist, damit wollten sich Patrick, Julian und viele ihrer Freunde nicht zufriedengeben. Sie wollten sich engagieren, einbringen, der örtlichen Fasnacht neue Stromstöße durch den leblosen Körper jagen und haben sich dazu entschlossen, eine traditionelle Fasnachtsgruppe ins Leben zu rufen, die sich ganz eng am Uznamen der Münzesheimer orientiert. So wurden im vergangenen Jahr die Minzema Nusskepf geboren – eine ganz klassische freie Narrenzunft, die sich in die riesige Fraktion der Hexen einreiht. Von denen gibt es in der schwäbisch-alemannischen Fastnacht reichlich, auch bei uns in der Region. Hier mal ein Auszug aus dem Hexenbataillon, das alleine beim letzten Grötzinger Narrensprung die Straßen unsicher machte: Bad Herrenalber Klosterdämonen, Blaisenhexen, Berghexen Bischweier, Dammwaldhexen Bietigheim Baden, Durlacher Mondhexen, Hohenberg Hexen, Kerker-Hexen Ersingen, Longebrigger Kraichbach-Hexen, Niederbühler Meerrettich-Hexen, Nusbema Bugglhexen, Otterbachhexen Leimersheim, Pforzheimer Höllen-Hexen, Reesgrawe Hexe Sand, Singemer Töpfleshexen, Stolla-Hexa Hallwangen, Sumpfkraischerhexe, Weierer Bockhexen, Weierer Geißböck Hexen.
Ach ja, und natürlich: die Minzema Nusskepf. Bevor aus Minzema Buwe aber echte Hexen werden, braucht es natürlich die passenden Kostüme und Masken. Hier sind die Jungs ganz old fashioned vorgegangen und haben nach eigenen Entwürfen, abgestimmt mit dem Profi, ihre Masken in einer traditionellen Maskenschnitzerei in Triberg im Schwarzwald herstellen lassen. Nur der Entwurf hat sie einen vierstelligen Betrag gekostet, jede Maske schlägt zusätzlich mit einigen hundert Euro zu Buche. Das klingt nach viel, wer sich aber das filigrane Stück ansieht, handgemacht und mit so vielen liebevollen Details, der weiß genau, warum Gutes eben gutes Geld kostet.

Mittlerweile liegt die erste Saison hinter ihnen und hat das Feuer im Kreis der Hexen voll entfacht. Auf einem halben Dutzend Umzüge waren sie unterwegs, nächstes Jahr sollen es noch viel mehr werden. Dafür sind die Hexen aus Münzesheim derzeit auf der Suche nach neuen Mitgliedern – aktiv und engagiert, die Lust haben, Teil einer jungen, neuen Kraichtaler Fasnachtstradition zu werden. Wer Infos haben möchte, findet diese auf dem Instagram-Account der Nusskepf, über den man auch Kontakt herstellen kann.
Was aktuell noch ansteht? Ah jo, historische Recherche, um der gewählten Figur etwas mehr Tiefe zu verleihen. Dafür wälzt Julian aktuell eine uralte Ortschronik aus Münzesheim von seinem Opa, doch bislang fallen die Suchergebnisse noch eher bescheiden aus. Zwar munkelt man, dass es einstmals um Münzesheim herum sehr viele Nussplantagen gegeben haben muss, doch so richtig verifizieren lässt sich das nicht. Wer also mithelfen kann, vielleicht noch ein paar Legenden vom Großvater des Großvaters kennt, darf sich hier gerne einbringen.

Oder vielleicht haben sie ja eines nachts vor undenklich langer Zeit im Schutze der Dunkelheit einmal die eine oder andere Hexe ums Haus ziehen sehen, mit einem prallgefüllten Sack auf dem Rücken, in dessen Inneren es verdächtig hölzern geklappert hat? Das wär doch schon mal ein Anfang und der Stoff, aus dem Legenden gestrickt werden – so wie die Legende der Minzema Nusskepf.
