In seinem Garten in Neulingen hat Patrick eine kleine, große Eisenbahnstrecke erschaffen, die Millionen von Menschen auf der ganzen Welt fasziniert.
Ein später Abend, irgendwo zwischen Müdigkeit und Schlafverweigerung. Ich hänge auf der Couch, zu müde fürs Bett, zu wach fürs Abschalten – genau in diesem Niemandsland, in dem YouTube zum Zeitvertreib wird. Aus welchem Grund auch immer bietet mir der Algorithmus heute Abend ein Video von einem Spielzeugzug an, der dem Thumbnail nach zu urteilen durch eine kleinbürgerliche Graslandschaft fährt. Ein Klick. Und plötzlich bin ich gefangen – nicht von einem Algorithmus, sondern von einer kleinen Lokomotive, die mich in ein Universum entführt, das irgendwo zwischen Realität und Märchen schwebt.
Das Video zeigt eine Bahnfahrt durch einen großen Garten. Als Zuschauer erlebt man den Trip aus der Perspektive der kleinen Lokomotive. Wir fahren von einem großen Bahnhof in einem karg eingerichteten Raum im Erdgeschoss eines Hauses über die Veranda hinein ins Grüne. Die Fahrt der kleinen Legolokomotive führt endlos lange durch Wiesen, durch Beete, durch Büsche und durch Tunnel – gebaut aus Klinkersteinen oder Abflussrohren. Die Strecke zieht sich scheinbar endlos lang durch eine große, kleine Welt, die durch den Miniatureffekt regelrecht riesig erscheint. Der kleine Zug passiert Bahnübergänge, an denen vor blinkenden Schranken kleine Spielzeugautos warten, geschwungene Viadukte, serpentinenartige Abfahrten an einem Hang entlang und sogar ein Wasserreservoir, aus dem sich ein kleiner Wasserfall unter den Gleisen ergießt. Die Lokomotive schiebt sich durch eine Landschaft, die im Miniaturformat zum Riesenreich wird: Wiesen, die wie Savannen wirken, Beete, die zu Feldern werden, Tunnel aus Abflussrohren, in denen Schnecken an der Decke lauern wie friedliche Höhlentrolle.

Verteilt über die Strecke finden sich immer wieder kleine Legobahnhöfe, an denen die stets friedlich und freundlich stummen Legofiguren mit ihren gelben Gesichtern wartend blicken. Der Zug hält an jedem dieser Bahnhöfe an, wartet auf sein Signal und fährt weiter. Die Endstation dieser Reise, der ich stumm und andächtig als stiller Fahrgast beiwohne, endet schließlich an einer großen Kohlenmine, wo hinter einem riesigen Güterbahnhof dunkle Schächte in die Schwärze hinabführen. Blinkende Schranken, wartende Spielzeugautos. Geschwungene Viadukte, die sich wie Bänder durch die Luft schlingen. Serpentinen, die den Hang hinabgleiten, als gehorche die Physik hier eigenen Regeln.
Ich schaue auf die Uhr und stelle fest, dass ich gerade eine halbe Stunde lang der Reise der kleinen Lokomotive durch ihren Garten gefolgt bin. Vorbei an Gartenhütten, Sitzplätzen, Komposttonnen und eben alldem, was sich in einem normalen Garten findet – und all dem, was sich hier normalerweise nicht findet: Bahnhöfe, querende Landstraßen, Minen, Häuser, Industrieanlagen und gefühlt ein paar Dutzend Kilometer Gleise.

Ich habe eigentlich überhaupt nichts mit Spielzeug oder Eisenbahnen am Hut, aber dieser Trip hat mich richtig runtergeholt, hat in mir kindliche Aufregung und erwachsene Faszination geweckt. Ich könnte mir das immer und immer wieder anschauen. Offenbar bin ich damit nicht allein, denn nur dieser eine Clip auf YouTube kommt auf weit über 3 Millionen Streams.
Im Impressum des YouTube-Kanals „GardenBrickTrain“ stoße ich dann auf eine Info, die auch mein Herz als Journalist höher schlagen lässt. Der Mann kommt aus unserer Region, genauer aus Neulingen zwischen Bretten und Pforzheim. Ein paar E-Mails und ein paar Tage später stehe ich tatsächlich in genau diesem Garten, den ich mir zwischenzeitlich unzählige Male aus der Perspektive eines 3 cm großen Lokführers angesehen habe. Neben mir steht Patrick, die Hände in den Hosentaschen, das Gesicht der endlich wieder warmen Frühlingssonne zugewandt. Genau wie ich hat er die Welt der kleinen Eisenbahnen aus Klemmbausteinen durch ein Video auf YouTube betreten. Ein australischer YouTuber hatte zu Hause in seinem Hof eine große Eisenbahnstrecke aufgebaut, die Fahrt aus der Zwergenperspektive gefilmt und ins Netz gestellt. Das Ergebnis: 30 Millionen Aufrufe, das entspricht knapp der gesamten Einwohnerzahl Kanadas.
Damals dachte sich Patrick: Mensch, das möchte ich auch machen. Eine Entscheidung, die alles änderte. Denn noch Wochen zuvor hatte er die Kisten mit seinem alten Lego schon auf dem Dachboden stehen – bereit für eBay, bereit für das Vergessen. Bis ein Video ihn daran erinnerte, was er fast weggeworfen hätte: seinen eigenen kindlichen Traum. Stunden um Stunden hat Patrick damals mit seinem Lego-Zug, einem aus den ersten Generationen, gespielt, gemeinsam mit seinem Kumpel, der drei Häuser weiter wohnte, geplant, eine Eisenbahnstrecke zwischen den beiden Häusern zu bauen, auf denen man dann zum Beispiel Süßigkeiten hin- und hertransportieren könnte.

Doch wie es mit kindlichen Plänen so ist: Die meisten davon bleiben Träume. Doch vor zwei Jahren hat sich Patrick an seinen alten Traum erinnert und, mittlerweile in der Mitte seines Lebens angekommen, daran wieder angeknüpft. Sein Ziel: eine riesige Eisenbahnstrecke aus Lego zu bauen, liebevoll auszugestalten und die Fahrten als Video auf YouTube online zu stellen. „Manchmal muss man einfach mal ins kalte Wasser springen und einfach mal was Neues probieren“, erzählt er von seinem Neuanfang, den sich viele wünschen und nur wenige wagen. Zuvor hat Patrick, der Ende der Siebziger in Pforzheim geboren wurde, im Reisebüro der Eltern gearbeitet, dort eine Ausbildung abgeschlossen. Danach hat er sich der Astronomie zugewandt, jahrelang als Verkäufer für einen großen Teleskopfabrikanten in München gearbeitet, bis er schließlich all das hingeschmissen hat, um seinen Traum zu verfolgen.
Das erfordert viel Mut, denn einfach nur einen YouTube-Kanal zu erstellen, bedeutet keineswegs automatisch Erfolg. Man muss etwas bieten, das den Menschen gefällt und auch den Algorithmus von YouTube überzeugen kann. Patrick hat genau das geschafft: Die Fahrten seiner kleinen Lokomotive verfolgen mittlerweile Millionen rund um den gesamten Globus. Er bekommt Feedback, Kommentare und Mails aus den entlegensten Winkeln dieser Welt, selbst von dort, wo er gar nicht wusste, dass es Internet gibt, lacht Patrick augenzwinkernd. 90 % Likes, die Kommentare fast ausschließlich wertschätzend und positiv – jeder, der auch nur fünf Minuten im Internet war, weiß: Das ist keineswegs selbstverständlich und eher die Ausnahme als die Regel.

Aber Patrick liebt, was er tut, das wird in seinen Videos deutlich. Akribisch und gründlich hat er die kleine Strecke geplant, die im Video kilometerlang erscheint, tatsächlich aber nur etwa ein Viertelkilometer lang ist. Zu Beginn hat er das Gleisbett einfach mit etwas Kies unterlegt, doch Regenwürmer und Unkraut haben ihn schnell eines Besseren belehrt. Also hat er begonnen, eine kleine, dünne Schicht Beton aufzutragen, darauf feinen Kies und darauf die Gleise. Mit kleinen Nägeln sind die Abschnitte fest im Boden verankert, und auch die anfänglichen Sorgen, dass das Spielzeug nicht für den dauerhaften Einsatz im Freien geeignet sein könnte, haben sich schnell verflüchtigt. „Die Schienen sind jetzt zwei Jahre lang teilweise in der Sonne. Und da hat Lego echt eine gute Farbe, dunkelgrau gewählt, die also sehr UV-stabil ist“, erklärt Patrick.
Auch werden die Züge nicht mehr wie früher durch stromführende Schienen mit Elektrizität versorgt, vielmehr fahren sie mittlerweile mit eigener Energiequelle an Bord, können über eine kleine Fernsteuerung über viele Meter hinweg gesteuert werden. Nur größere Steigungen sind nicht möglich, bei etwa 10 % ist Schluss. Dementsprechend hat Patrick den Abstieg durch seinen hangabwärts verlaufenden Garten genau berechnen müssen. Stück für Stück, die Wasserwaage immer im Anschlag, hat er die Fahrt bis in den hinteren Winkel seines in Randlage verlaufenden Grundstücks ausgetüftelt. Dort, wo das Grundstück besonders steil ist, führt die Strecke über mehrere Serpentinen, durch Tunnel und über Brücken – im Video sieht das aus wie eine Fahrt durch alpines Bergland.

Was man im Video nicht sieht: Die Fahrten der kleinen Lokomotiven werden von den Argusaugen von Sunny alias Mausi überwacht, Patricks gemütlicher Hauskatze, die wie eine wohlwollende Riesin über dieses Miniaturreich wacht. Mit einem Pfotenschlag könnte sie diese kleine Welt in Chaos stürzen – doch sie begnügt sich damit, gelassen zuzusehen. Wann immer sie einen Zug sieht, bekommt sie diesen lauernde Blick, den nur Katzen draufhaben. Zum Sprung setzt sie aber nicht mehr an, das hat Patrick ihr mühsam über Monate hinweg beigebracht. Beim gemeinsamen Tüfteln im Garten sind er und Sunny ein Herz und eine Seele.
Mit jedem Bauabschnitt wird Patrick besser und besser, sortiert Vorhaben aus, die nicht funktioniert haben, probiert neue Materialien und Herangehensweisen aus. Der Mörtel unter dem ersten Gleisbett ist superporös, diesen wird Patrick demnächst austauschen. Das macht aber nichts, da seine Pläne unendlich weit in die Zukunft reichen. Sobald er die Strecke fertiggestellt hat, wird er sie im Grunde noch mal ganz neu von vorne umsetzen, denn um echten Zugverkehr im Garten zu ermöglichen, braucht es eine zweigleisige Streckenführung. Züge sollen sich unterwegs begegnen, das ganze Szenario soll deutlich mehr mit Leben erfüllt werden als bisher. Außerdem zeigt er mir hinten im Garten in Gedanken die Erweiterung der Strecke, zeigt mir, wo ein ganzer See entstehen soll, baut mir in seinen Erzählungen die Strecke Stück für Stück vor seinem inneren Auge aus.

Zum Schluss möchte ich von ihm wissen, ob es ihn irgendwie stört, dass sich auch Menschen wie ich diese Videos anschauen, einfach nur um meditativ darin zu versinken, ohne sich im Näheren für Spielzeugeisenbahnen oder Klemmbausteine zu interessieren? „Nein, wieso?“, fragt er und zieht die Augenbrauen hoch, „auch dafür mache ich das ja schließlich alles. Es ist ja Unterhaltung zu schaffen für Klein, für Groß, für Jung und Alt.“
Es ist eine echte Win-Win-Situation, ein kindliches, friedliches und harmloses Vergnügen, das für alle von Vorteil ist: für das millionenstarke Publikum, das hier meditative und friedliche Momente erleben darf, und für Patrick, der mittlerweile von seiner Tätigkeit als YouTuber sogar auf eigenen Beinen stehen kann. Hier, zwischen Kies und Klemmbausteinen, hat Patrick etwas geschaffen, das die Welt gerade braucht: eine Oase der Langsamkeit. Ein Ort, an dem Züge pünktlich fahren und die Zeit sich dehnt wie die Gleise in seinem Garten.
Lust auf eine Fahrt? Dann steigen Sie ein – hier wartet Ihr Platz im Zug: https://www.youtube.com/@GardenBrickTrain
