Das alte Mädchen glüht noch immer

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Seit über 150 Jahren werden im Gochsheimer Gemeindebackofen Brot gewordene Goldstücke gebacken.

Da stehen sie in der kleinen Backstube nebeneinander und kneten mit kräftigen Händen die rund 70 Brotlaibe. August und Karsten Föckler, Vater und Sohn, zwei Generationen Bäckerhandwerk bei der Arbeit. Eigentlich sind es sogar drei Generationen, auch Karstens Sohn Niklas ist mittlerweile in die Fußstapfen seiner Vorfahren getreten, heute aber nicht mit dabei.

Ungefähr 100 Meter weiter die Straße hinab, kümmert sich Thomas Dutzi vom Heimat- und Museumsverein Kraichtal zeitgleich um die altehrwürdige und steinerne Gochsheimer Instituation – den alten Gemeindebackofen von etwa 1870. Es gilt den alten Koloss mit seinen 150 Jahren auf dem Buckel einfühlsam und liebevoll ganz allmählich auf Touren zu bringen. Anfang der Woche hat Thomas bereits damit angefangen, die Temperatur des steinernen Riesen in sanften Sprüngen auf die benötigten 250 bis 300 Grad zu steigern. Würde er das zu schnell machen, gar überstürzen, wären die Tage der historischen Feuerstätte gezählt. Das Wasser in den alten Sandsteinen würde sich zu schnell erhitzen, die Dämpfe das Mauerwerk sprengen und damit irreparabel zerstören. Doch Thomas weiß genau was er tut und kümmert sich eine ganze Woche lang um den untrennbar mit Gochsheim und seiner Geschichte verbundenen Ofen.

Früher konnten die Menschen hier ihr Brot von einem Bäcker für ein paar Pfennige backen lassen, kaum jemand besaß einen eigenen Ofen zu Hause. Die kleine Kammer des diensthabenden Bäckers gibt es noch heute, kann über eine steile Stiege besichtigt werden. Daneben gibt es allerlei interessante Infos rund um die Geschichte des Hauses, des Ofens und das Backhandwerks selbst im Badischen Bäckereimuseum.

Das Brot, das den Ofen an diesen wenigen, besonderen Anlässen verlässt, ist eine einzige Offenbarung. Eine krosse Kruste und eine feinporige und aromatische Krume locken mit ihrem Duft die Menschen von überall her – da kann das Wetter so herbstlich und nass sein, wie es will. Die Bäckermeister Föckler setzten eigens dafür einen Sauerteig nach alter Bäcker Sitte an – ohne Zusatzstoffe oder Aromen.

Ihren alten Backofen zu erhalten, ist für die ehrenamtlichen MitstreiterInnen des Heimat- und Museumsvereins Kraichtal Ehrensache. Viel zu lange geriet die alte Einrichtung schon in Vergessenheit, versteckte sich lange Jahre hinter Mauerwerk, während das Haus anderweitig – unter anderem als Armenhaus genutzt wurde. Ab etwa 1970 feuerte dann der Bäckerei-Fachverband den Ofen gelegentlich für Fortbildungen und Vorführungen an, seit etwa 1990 der Verein.

Man kann sich kaum einen schöneren Start in den Herbst vorstellen, als mit einem frisch gebackenen und duftenden Brot aus dem Gochsheimer Gemeindebackofen in der Hand. Ein solch ursprünglicher Laib Handwerkskunst bringt auch bei kalten Temperaturen Wärme und Wohlgefühl ins Haus.

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