Danke für die Blume

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Unzählige Dorfgaststätten haben im Kraichgau längst das Zeitliche gesegnet; dass die Odenheimer Blume noch blüht, ist dabei ein echter Glücksfall. Ein Glücksfall namens Musa.

von Stephan Gilliar

Es gab tatsächlich mal eine Zeit, als man in Odenheim einen Kiesel werfen konnte und mit ziemlicher Sicherheit irgendein Gasthaus damit getroffen hätte. Kneipen, Restaurants und Gaststätten standen noch vor Jahrzehnten quasi Schulter an Schulter entlang des Katzbachs, doch diese Epoche ist nicht nur in Odenheim längst vorüber. Genau deswegen gilt es, die verbleibenden Perlen zu pflegen und zu hegen: eine Perle wie die Odenheimer Blume, die schon seit weit über 150 Jahren an der Ecke Schulstraße und Eppinger Straße steht. Früher einmal Heimat der Brauerei Schorle, hat der Gasthof eine lange und bewegte Geschichte hinter sich – eine Geschichte, die Gott sei Dank noch nicht vorbei ist.

Diesen Umstand verdankt Odenheim im Wesentlichen einem Mann, der sich seit 16 Jahren jeden Tag um seine Blume kümmert, wie ein liebevoller Gärtner dafür sorgt, dass es ihr an nichts fehlt. 2010 kam Musa mit seiner Tochter aus Bulgarien nach Deutschland, um ihr zu ermöglichen, hier zu studieren. Doch die Behörden machten es den beiden nicht leicht; so verging Semester um Semester, die Zusage für den Studienplatz ließ auf sich warten. Musa arbeitete zu dieser Zeit jeden Tag in einer Fabrik, um Geld für sich, seine Tochter und die Familie zu Hause in Bulgarien zu verdienen, doch als gelernter Koch vermisste er es natürlich, in der Küche zu stehen, für Menschen zu kochen. Als er das erste Mal auf die Blume in Odenheim traf, erkannte er gleich, wie schön das alte Mädchen aussehen könnte.

Nach Jahren, in denen die Blume nur vor sich hin gedöst hatte, zog nun wieder Leben in den alten Mauern ein. Tagsüber arbeitete Musa noch in der Fabrik, danach ging es nach Odenheim, wo er sein ganzes Herzblut in die Blume investierte. „Ich habe meistens nur vier Stunden in der Nacht geschlafen“, erzählt der gutmütige Bulgare und rückt seine Batschkapp auf dem schon fast kahlen Kopf zurecht. „Ich wusste, die ersten ein bis zwei Jahre werden bitter, aber da muss man durch“, sagt er und spricht eine Weisheit aus, die zwar alle angehenden Gastronomen kennen, die aber vielen am Ende doch das Rückgrat bricht. Nicht so Musa. Mittlerweile ist er seit anderthalb Jahrzehnten ein Teil der Odenheimer Familie, und genauso bezeichnet er die Menschen im Ort auch – als seine Familie. Heute Abend ist die Odenheimer Karnevalsgesellschaft gemeinsam mit dem Kienholzclub in der Blume zu Gast, der erste Kappenabend des Jahres. Man darf nicht vergessen: Wir sind hier in Odenheim. Dass es die Fasnachter überhaupt zwölf Tage ausgehalten haben, grenzt schon an ein Wunder.

An der Decke bunte Flatterbänder, aus den Boxen dröhnt schon weit vor Veranstaltungsbeginn ein Faschingshit nach dem anderen – Musa scheint das gar nicht mehr zu hören. Ob ihm denn die Fasnachtszeit gefällt, will ich von ihm wissen. Na ja, sagt er, grinst schief und lässt die Hand wie die Tragflächen eines Flugzeugs wackeln. Gut, er kommt nicht direkt aus einer Faschingshochburg, aber in seiner bulgarischen Heimat gibt es durchaus auch ein Fest, das sehr ausgelassen und fröhlich gefeiert wird, erzählt er mir. Jordanovden findet jedes Jahr auch Anfang Januar statt und soll an die Taufe von Jesus im Fluss Jordan erinnern. Dabei wirft ein Priester ein Holzkreuz in den Fluss, und Scharen von Männern aus dem Dorf springen hinterher, um danach zu tauchen. Es gibt Musik, es wird getanzt – ein fröhliches Treiben eben.

Was das angeht, muss man sich in Odenheim ganz einfach treiben und mitreißen lassen: Nirgendwo wird so viel und so engmaschig gefeiert wie am Katzbach. Auch heute Abend steigt die Stimmung mit jedem Gast, der mit der Samtkappe auf dem Kopf den alten Gastraum betritt. Hier drin fühlt man sich, wenn man mindestens der Generation X, besser noch den Boomern angehört, sofort wohl. Die Blume erinnert mich sofort an die Gaststätten meiner Kindheit: lange Resopaltische, an denen man in den Achtzigern mit Eltern, Freunden und Verwandten gesessen hat, bedudelt von den Glücksspielautomaten oder irgendeiner Schlagerkassette, eingenebelt von den Zigaretten, die quasi jeder in der Hand hielt. An der Wand hängen irgendwelche nichtssagenden geknüpften Bilder von Höfen im Wald, eingestaubte Stillleben oder diese in Holz eingefassten Zinnreliefs, mit alten Bauernweisheiten. In der Ecke das wuchtige Regal, das früher einen tonnenschweren Röhrenfernseher getragen hat; darunter ein von Generationen von Gästen abgetretener Fußboden, dazwischen Schiebetüren mit fahlem gelb-grünem Flaschenglas.

Musa hat dieses klassisch zeitlose Ambiente einfach bestehen lassen, dafür bin ich ihm dankbar, wenngleich er natürlich durchaus die Fähigkeit besitzt, zu modernisieren und zu verschönern. Das demonstriert er mir im Innenhof der Blume, wo er an einer Wand mit eigenen Händen einen riesigen, pompösen Springbrunnen voller liebevoller kleiner Details errichtet hat. Ein echtes Kunstwerk, aus dem auf Knopfdruck tatsächlich Wasser nach unten rauscht.

Die Blume ist für ihn längst ein Familienprojekt geworden. Seine Frau und seine beiden Söhne helfen im Gasthaus, stehen in der Küche, fahren Bestellungen mit den beiden Fahrzeugen in einem Radius von mindestens 15 km aus. Das scheint gut zu funktionieren: Beständig klingelt das Telefon, dauernd werden Bestellungen in dampfenden Styroporkartons verpackt und durch die Hintertür nach draußen gebracht. Für Musas Tochter hat sich am Ende übrigens doch alles glücklich gefügt – sie ist mittlerweile Lehrerin an einer deutschen Schule.

Musa ist ein Teil von Odenheim geworden, und Odenheim liebt ihn dafür. Liebt ihn für seine Bereitschaft, die Blume zu erhalten und sich voll und ganz auf die Menschen hier am Katzbach einzulassen. Wie sehr er ein Teil dieser Gemeinschaft geworden ist, demonstriert er, ohne darauf hinweisen zu müssen, bei jedem Telefonat, das er annimmt. Sofort weiß er direkt nach dem Abheben, wer am anderen Ende ist. Muss ich keine Adresse aufschreiben, manchmal noch nicht mal nach den Details der Bestellung fragen. „Ich kenne meine Gäste genau“, sagt er, „ich weiß, wer sie sind, wo sie wohnen und was sie sich wünschen.“

In diesem Jahr wird Musa 60. Übers Aufhören denkt er zwar schon ab und zu leise nach, aber sicher noch nicht in nächster Zeit. Dafür liegt ihm seine Blume viel zu sehr am Herzen – und natürlich Odenheim selbst. Die letzten Jahre hat er das Hinterhaus umgebaut, für sich und seine Familie Zeit, Geld und Muskelkraft investiert. Wenn das nicht das schönste Bekenntnis zu einer neuen Heimat ist – was bitte dann?