Bräsig-Blödes Bullen-Bashing

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Warum unsere Polizei Respekt statt Häme verdient

Eine Kolumne von Tommy Gerstner

Freunde, dass der alte Tommy mal ein glühendes Liebeslied für die gute alte Polente singen würde, damit hätte ich nun tatsächlich niemals gerechnet. Ach ja, bevor bei manchen die Schnappatmung einsetzt, die Wörter “Bulle” oder “Polente” sind mitnichten Beleidigungen. Im 18. Jahrhundert nannte man in Holland einen besonders klugen Kopf “bol” – daraus wurde dann irgendwann der “Bohler”, ein Vorgänger des heutigen Polizisten. In den Sechzigern stuften deutsche Gerichte das Wort “Bulle” noch als Beleidigung ein, seit 2005 offiziell nicht mehr. Alternativ nannte man besagte Ordnungshüter übrigens dereinst “Puhler” – hieraus konstruierte der Volksmund schlussendlich Polente. Klugscheißermodus OFF.

Aber egal ob Bullen oder Polente, für mich werden Polizisten immer die Gelbgrünen bleiben. Das waren die Farben, die ein offenbar sadistisch-farbenblinder Borderline-gestörter Designer den Cops meiner Kindheit hat angedeihen lassen. Das muss by the way, derselbe Designer gewesen sein, der die Standardfarben (Popelgrün, Erbrochen-Gelb) für Wählscheibentelefone der Deutschen Post ersonnen hat. Die Polizisten meiner Jugend fuhren in einfachen Vehikeln aus den Häusern Audi oder Volkswagen durch die Lande und genossen weitestgehend noch den Respekt, den ihr Berufsstand im Grunde doch auch verdient. Doch egal bei welchem Sündenfall sie in den wilden 80er Jahren den kleinen Tommy auch erwischt haben, sie handelten dabei immer gemäß dem Titel einer Fernsehsendung, die damals Gott sei Dank noch nicht erfunden war: Hart aber fair. Egal ob ich einer alten Hercules Prima 5 S mit einigen gewieften, technischen Modifikationen zu Höchstgeschwindigkeiten dezent über den zulässigen Normen verhalf, Substanzen inhalierte, die man nicht inhalieren sollte, oder Feuerwerk entzündete, zu Jahreszeiten die denkbar weit von Silvester entfernt lagen….stets wurde die Bestrafung – was ungemein schlimmer als Knast war – an meine werten Eltern outgesourct.

Tatsächlich habe ich in meinem gesamten Leben (das bei meinem Lebenswandel mittlerweile gut zur Hälfte vorbei sein dürfte) keine einzige schlechte Erfahrung mit der Polizei gemacht. An Gelegenheiten mangelte ist dabei wahrlich nicht. Wer schon mal einen schwarzen Scirocco gefahren hat, weiß dass man mit dem Kauf die Garantie für jede, verdammte Polizeikontrolle entlang des Weges lebenslang gleich mit erwirbt. Aber egal ob es eine Fahrzeugkontrolle oder ein kleines Stelldichein vor der Stammkneipe meiner Wahl war, wenn man keine große Schnauze riskiert und den Ordnungshütern gegenüber respektvoll auftritt, hat man in der Regel auch niemals Probleme mit Ihnen. Wie es in den Wald hineinruft,… ihr wisst schon.

Irgendetwas muss hier in den vergangenen Jahrzehnten ordentlich aus dem Ruder gelaufen sein. Während früher das alarmierende “Achtung, die Bullen kommen” von jenem Kumpel der für was auch immer Schmiere stehen musste, stets dazu führte kleinlaut den Blick Richtung Zehenspitzen zu senken, werden Polizisten heute ohne das kleinste Fünkchen Respekt beleidigt, angespuckt und mitunter sogar angegriffen. Die beschämenden Bilder vom vergangenen Wochenende aus Stuttgart, die mir am Sonntagmorgen die Nutellaschnitte aus der Fresse gleiten ließen, zeigten doch tatsächlich einen vermummten, mutmaßlichen Zwergenzipfelträger, der mit Anlauf und beiden Füßen voran einen am Boden knienden Polizisten umwarf und dafür bewunderndes Gejohle des umstehenden Mobs erntete. Es ist bei weitem nicht der einzige Vorfall dieser Art! In unserer Redaktion laufen jeden Tag Pressemitteilungen der Polizeipräsidien aus Karlsruhe, Mannheim und Pforzheim zusammen, die in der Tendenz eine traurige Entwicklung aufzeigen: Eine gewisse Gruppe unserer geschätzten Mitbürgerinnen und Mitbürger (seien wir ehrlich, eher Mitbürger), hat schon lange jeglichen Respekt und Achtung vor der Polizei ad acta gelegt. Für viele scheint ein Polizist ein regelrechtes Feindbild darzustellen, dessen Erniedrigung zu Bewunderung und Aufstieg in der eigenen asozialen Clique führt.

Während im Falle Stuttgarts nun eine Armee aus Soziologen zu klären versucht, wieso besagte junge Menschen aka “Die Event- und Partyszene” gemeinschaftlich über die Stränge schlagen, treten weiterhin jeden Tag mehrere 10.000 Polizisten ihren Dienst in good old BaWü an und halten ihren Kopf für die Sicherheit auch jener Vollhonks hin, die sie zum Dank dafür bespucken und verachten.

Himmel Freunde, Polizisten sind doch keine fremde Spezies oder abstrakte Wesen von einem anderen Stern. Es sind unsere Brüder, Schwestern, Väter, Mütter, Opas, Omas, Freunde und Bekannte. Sie trinken abends in der Kneipe gerne ein Bier, fliegen für einen Sonnenbrand nach Ibiza, kaufen bei Amazon auf Raten, mähen Ihren Rasen und reißen sich den Arsch dafür auf ihre Kinder unversehrt aufwachsen zu lassen. Sie sind kein abstraktes Feindbild, gehören keiner mysteriösen Verschwörung unbekannter Mächte an, sondern gehen für durchschnittlich drei Riesen pro Monat einem Job nach, der so fordernd ist, dass sie im Schnitt früher sterben als Kollegen aus anderen Zweigen des öffentlichen Dienstes.

Seit ich als Journalist arbeite, habe ich weiterhin viel mit der Polizei zu tun. Angenehmerweise nicht mehr fixiert auf der Motorhaube Ihres Wagens, sondern Seite an Seite z.B. bei Pressegesprächen oder dem alljährlichen Presse-Hock im Keller des Polizeipräsidiums Karlsruhe. Ich habe in dieser Zeit nette, aufgeschlossene und bodenständige Menschen kennengelernt, denen ihr Beruf etwas bedeutet und auch solche die zunehmend daran verzweifeln, wie wenig Rückendeckung sie aus der Bevölkerung aber auch der Politik dafür erhalten. Sind sie deswegen unfehlbar? Natürlich nicht, es sind eben auch Menschen wie du und ich. Wenn sie Mist gebaut haben, müssen sie dafür gerade stehen, ebenso wie sie uns dafür gerade stehen lassen – das ist der Job. Wenn sie aber bespuckt, beleidigt und getreten, wenn Einsatzwagen zerstört und Beamte bedroht werden, dann braucht es definitiv zunächst keine kritische Analyse der Strukturen der Polizei, sondern unsere ungeteilte Solidarität.

Ich zumindest ziehe hier und in aller Öffentlichkeit tief meinen Hut vor euch, liebe Bullen. Hätte ich euren Job auch nur einen Tag lang, würde ich jetzt fixiert tief in einem Wieslocher Keller vor mich hin brabbeln, weil ich ein paar renitenten Würstchen beim ersten Einsatz 50.000 Volt und meinen Schlagstock in den Allerwertesten gejagt hätte.

Bis zur nächsten Fahrzeugkontrolle, spätestens am Wochenende.

Ich freue mich – Euer Tommy

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Ein Gedanke zu „Bräsig-Blödes Bullen-Bashing“

  1. Lieber Tommy Gerstner, danke für dein hemdsärmeliges, erfrischendes und treffendes Statement. Von deiner Sorte bräuchte unsere Gesellschaft noch viele Journalisten mehr… Vg

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