Über den Umgang mit Ängsten, Sorgen, Vorurteilen und der AfD
Ein persönlicher Kommentar von Hügelhelden-Herausgeber Stephan Gilliar
Ein schwerer Schritt
Was habe ich mich vor diesem Artikel gefürchtet, wie lange habe ich ihn nun schon vor mir hergeschoben. Ganz ehrlich? Seit Jahren. Dass er irgendwann kommen musste, war mir zwar klar, und auch wenn ich normalerweise nicht zur Prokrastination tendiere – in diesem Fall habe ich es zu lang getan.
Im Grunde geht es dabei um eine Frage, die sich jede und jeder Einzelne von uns stellen muss, die sich uns mit dem Erstarken von Rechtspopulismus und Rechtsextremismus geradezu aufdrängt: Wie gehen wir mit der AfD um, der selbst ausgerufenen Alternative für Deutschland?
Es ist eine Frage, die wie ein Riss durch Politik und Gesellschaft geht, die eben nicht einfach zu beantworten ist – auch wenn manche das gerne behaupten. Denn die AfD wurde nicht einfach so, aus einer Laune des Moments heraus groß, sie ist offenbar ein Symptom, die Manifestation unausgesprochener Bedürfnisse und Wünsche eines nicht kleinen Teils unserer Gesellschaft.
Ganz ehrlich: Wäre es anders, dann wäre auch diese Partei den Weg politischer Gruppierungen gegangen, die nur belanglose Partikularinteressen ansprechen. Die Partei hat es äußerst intelligent geschafft, jene Narrative in halbwegs bekömmlichen Happen zu servieren, die andere rechtsgerichtete Parteien bislang nur absolut unbekömmlich mit plumper nationalsozialistischer Wort- und Bildsprache an den Mann zu bringen versucht haben – ein Habitus, der nur 80 Jahre nach Kriegsende (noch) nicht bei einer Mehrheit der Menschen verfangen kann.
Die AfD kleidet ihre Botschaften, die in Teilen aber dieselben Geschichten erzählen, in ein etwas bürgerlicheres Gewand – das berühmte Löffelchen voll Honig, das schon bei Mary Poppins bittere Medizin versüßt hat.
Eine Strategie mit Kalkül
Die AfD ist aber gerade deshalb so bedenklich für unsere Gesellschaft, weil sie unsere hart erarbeiteten demokratischen Strukturen nutzt, um letztlich deren Fundament zu untergraben – sie tritt im Gewand der Bürgernähe auf, verfolgt aber ein Weltbild, das Ausgrenzung, Misstrauen und autoritäre Tendenzen salonfähig machen will.
Ein hoffnungsloses Unterfangen, eingedenk unserer Geschichte, möchte man meinen – doch weit gefehlt. Das Kalkül der AfD geht mit geradezu verblüffender Klarheit auf – bei der letzten Bundestagswahl wurde sie zweitstärkste Kraft im Bund.
Warum einfache Antworten nicht reichen
Man muss es einfach noch einmal ganz klar benennen: Wenn die Ideen der Partei nicht bei Millionen von Menschen in der Bundesrepublik verfangen würden, wären solche Erfolge absolut ausgeschlossen.
Wir machen es uns zu leicht, wenn wir die komplette Wählerschaft der AfD in eine Ecke schieben, ihr Weitsicht und Verstand absprechen, ihr den „Doofen-Stempel“ auf die Stirn klatschen und die Sache abschließen. Ich wage zu behaupten, dass sehr viele dieser Menschen die Partei nicht aufgrund ihrer Extreme wählen, sondern wegen eines einzigen Themas, der einzig vermeintlichen Kernkompetenz – der Angst vor dem Fremden und dem Unbekannten.
Die Partei spielt geschickt mit diesen Ängsten, suggeriert, dass die Rückkehr zu einem vermeintlich besseren Früher die einzige Lösung darstellt, Ausgrenzung und Ablehnung von Neuem und Fremdem alternativlos sei.
Die Angst in uns allen
Diese Ängste sind menschlich, sie sind in unserem tiefsten Inneren angelegt. Und wenn sie nicht gehört oder gesehen werden, schaffen sie sich eben auf unbewusster Ebene Geltung.
Andere Parteien haben diesen Umstand viel zu lange entweder dämonisiert oder ignoriert. Beides ist nachvollziehbar – aber keine nachhaltige Lösung.
Wenn ich etwas in wirklich harter Schule gelernt habe, dann das: Da, wo die Angst ist, da geht es lang. Ich bin ehrlich zu Ihnen, liebe Leserinnen, liebe Leser: Ich spüre diese Ängste auch. Ich bemerke, wie sich unsere Gesellschaft verändert, wie vermeintlich Egozentrik, Kälte und Gewalt immer mehr Raum nehmen. Und ich weiß auch, wie verlockend und einfach der Gedanke ist, diese Entwicklung einfach dem – und vor allem den – Fremden zuzuschreiben, damit wir uns nicht mit uns selbst befassen müssen, oder vielleicht sogar unbequeme Fragen stellen müssen, die uns auch selbst nicht außen vor lassen.
Trotzdem möchte ich Sie bitten, einmal ganz kurz, ganz ehrlich die folgende Frage zu beantworten: Wie viel von diesem Schlechten, von diesem gravierenden Werteverfall, haben Sie unmittelbar selbst am eigenen Leib erfahren und können aus höchst eigener Perspektive davon berichten? Ist nicht das meiste davon eher in Berichten Dritter zu finden? Haben wir nicht das meiste davon irgendwo in den sozialen Netzwerken aufgeschnappt – in Medien, die treu der Richtlinie „Only bad news are good news“ Quote und Klicks erzielen?
Die blinden Flecken in uns selbst
Ich zum Beispiel – und übrigens auch alle, die ich kenne – sind noch nie Opfer einer Gewalttat durch Fremde geworden, wurden nie bestohlen, nie angegangen oder sonst wie in unserer Lebensweise beschnitten.
Und dennoch bemerke auch ich, dass ich tief in meinem Inneren Vorurteile und Ressentiments aufgebaut habe, die ich dort zumindest nicht bewusst platziert habe. Ich bemerke auf der Straße, dass ich einen Bogen um ausländisch aussehende Menschen machen möchte, dass ich unweigerlich meine Tasche etwas fester umklammere. Ich gebe meiner Tochter den dringenden Rat, ab einer gewissen Uhrzeit manche Gegenden zu meiden – und transportiere bestimmt noch auf viele andere Arten Vorurteile, derer ich mir nicht einmal selbst bewusst bin.
Wissen Sie, was mir dagegen schon wirklich oft widerfahren ist? Dass ich mich im Gespräch oder im Kontakt mit Fremden zugeknöpft, abwehrbereit, vorurteilsbehaftet und auch etwas argwöhnisch gezeigt habe – dabei aber auf liebenswerte, freundliche und offene Menschen gestoßen bin. Ein Kontrast, der so unübersehbar und deutlich war, dass mir noch Stunden danach die Schamesröte über mein eigenes Verhalten ins Gesicht geschrieben stand.
Zahlen, Fakten, Verantwortung
Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin keineswegs naiv, würde mich trotzdem als halbwegs reflektierten Menschen bezeichnen. Ich weiß, dass nicht alle Fremden gut sind – ja, auch, dass nicht-deutsche Tatverdächtige statistisch überrepräsentiert sind.
Aber ich will einfach nicht, dass die Gedankenkette schon an dieser Stelle abreißt, einfach nur in der Erkenntnis mündet: Fremd ist gleich schlecht, fremd muss weg. Denn das ist emotionales Handeln – und emotionales Handeln ohne die Beigabe von Fakten hat uns immer – wirklich immer – nur zurückgeworfen, nie nach vorne gebracht.
Wir können neben unserem Herz auch unseren Kopf bemühen. Und wenn wir bei den Fakten bleiben, dann sei auch noch das ergänzt: Kriminalität ist nicht immer zwangsläufig eine Frage der Herkunft, sondern oft eine von sozialen und demografischen Faktoren sowie auch hin und wieder methodischen Verzerrungen. Tatverdächtige ≠ Verurteilte, und nicht jeder erfasste Tatverdächtige entspricht der tatsächlich in Deutschland lebenden Bevölkerung. Kriminalität ist zudem insgesamt seit Jahren eher rückläufig.
Zwischen Vorsicht und Reflexion
Wo Angst herrscht, können Zahlen nichts bewirken – das ist mir klar. Da will ich mich auch nicht ausnehmen: Egal, wie die Statistik aussieht, ich rate meiner Tochter dennoch, nach 21:00 Uhr nicht mehr den Bruchsaler Bahnhof oder andere Problembereiche aufzusuchen. Hier ist mir die Jacke näher als die Hose, Vorsicht besser als Nachsicht.
Aber ich muss auch so ehrlich sein, mir klarzumachen, dass dieser Rat nicht auf persönlicher Erfahrung basiert, sondern auf einer diffusen Angst, die ich nicht selbst in mir erzeugt habe – die andere in mir erzeugt haben.
Der kleine Versuch, anders zu handeln
Angst und Vorurteile verändern nicht nur uns, sondern auch unseren Umgang miteinander. Wenn mir als Fremdem nur Misstrauen und Argwohn entgegengebracht werden, dann verändert das auch etwas in mir – unwiederbringlich und sicher nicht zum Guten.
So mag es unglaublich naiv klingen, ist aber dennoch der einzig gangbare Weg: Versuchen Sie im Alltag, in starken Momenten – dann, wenn Sie dazu gerade die Kraft haben und fähig sind – die eigenen Scheuklappen nur einen Moment abzulegen, anderen Menschen mit Neugier zu begegnen.
Ich möchte wetten, dass Sie in einem Großteil dieser Situationen gute Erfahrungen sammeln werden. Nicht nur, das steht fest – aber am Ende des Tages werden es mehr gute Begegnungen als schlechte sein. Darauf verwende ich alles, was ich habe.
Und nun: Die AfD
Um zurück zur AfD zu kommen: Was bedeutet das letztlich für unseren Umgang mit der Partei?
Wenn Sie sich mit allem, was diese politisch anzubieten hat, identifizieren können – wenn Sie zu all dem stehen, was deren Vertreter ins Feld führen –, nun, dann wählen Sie die AfD.
Dann wählen Sie allerdings eine Partei, die bereit ist, die Grundwerte unserer Demokratie auszuhöhlen – Pressefreiheit, Rechtsstaatlichkeit, Menschenwürde. Sie wählen eine politische Richtung, die nicht für Verbesserung steht, sondern für Spaltung. Und Sie nehmen in Kauf, dass Sprache wieder schärfer wird, die Grenzen härter, unsere Gesellschaft kälter. Wer das tut, sollte wissen, worauf er sich einlässt – und was wir dabei als Gesellschaft verlieren könnten.
Und fragen Sie sich, ob durch Ihre – teilweise absolut legitimen Sorgen und Befürchtungen, was die Veränderungen in diesem Land angeht – ein solcher Kollateralschaden vertretbar ist. Denn letztlich besteht die begründete Sorge, dass dadurch all das, was Sie beschützen und erhalten wollen, vielleicht gerade erst vor die Hunde geht.
Die eigentliche Frage, die wir uns stellen sollten, ist nicht nur, wie wir zur AfD stehen – sondern wie wir miteinander umgehen. Ich kann und möchte nicht 20 % unserer Leserinnen und Leser einfach ignorieren, weil sie sich entschieden haben, dieser Partei ihre Stimme zu geben. Ich glaube nicht, dass irgendjemand diese Entscheidung leichtfertig trifft. Dahinter steht fast immer ein Gefühl, ein Wunsch, ein Bedürfnis, das ernst genommen werden will. Wir müssen im Gespräch bleiben – nicht, um uns aneinander aufzureiben, sondern um einander nicht aus den Augen zu verlieren.
In unserer Berichterstattung begegnen wir der AfD mit journalistischer Distanz, klarer Einordnung und ohne jede Verklärung – aber wir berichten. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Verantwortung.
Denn wenn wir aufhören, miteinander zu sprechen, dann verlieren wir nicht nur das Gespräch – wir verlieren einander.
Seien Sie herzlichst gegrüßt
Ihr
Stephan Gilliar
