Auf ein Neues

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Familie, Freunde, Hügelländer – zusammen schaffen wir alles

Da liegt er, unser Kraichgau, ausgebreitet zu meinen Füßen. Endlose Felder in Mattgrün, aber vor allem in braunen Erdtönen. Nicht wenige bezeichnen den Anblick unserer Hügel im Winter als trostlos, wenn all die Felder und Ackerflächen brachliegen, doch dabei müssen wir uns immer wieder vor Augen rufen, wie fruchtbar dieses Land ist, wie es uns und viele andere Menschen zu versorgen weiß. Der Kraichgau ist Landwirtschaft, das war er schon immer, und das ist kein Makel, sondern echter Reichtum. Auch wenn sich heute Morgen das erste bisschen Schnee über die gefrorene Krume legt, macht sich das Leben darunter schon längst bereit, in ein paar Wochen wieder zurück ans Licht zu drängen. Der Kreislauf der Natur – für uns bedeutet das, mit dem Land und nicht gegen es zu leben.

Es ist der letzte Tag des Jahres, ein eisiger Wind weht hier über die Ebene zwischen Bahnbrücken und Zaisenhausen. Die Luft ist so glasklar, dass ich sie trotz der Kälte tief in mich aufnehme, als ob sie mich von innen reinigen könnte. Ja, mit den ausgedehnten Spaziergängen zum Jahresende hängt wohl jeder seinen eigenen Gedanken nach, es ist eben eine gute Gelegenheit, noch einmal zurückzuschauen und vor allem nach vorne. Es ist vermutlich auch einer dieser Momente, der darüber entscheidet, wie wir das neue Jahr erleben werden. Wenn wir ängstlich und skeptisch in die Zukunft schauen, dann werden wir sie vermutlich auch so erleben. Deswegen gilt es, eher guten Mutes und mit Optimismus nach vorne zu gehen, auch wenn wir beides vielleicht nicht vollumfänglich fühlen.

Die Welt ist kompliziert geworden, vieles scheint aus dem Ruder zu laufen. Despotie und Autokratie schwingen sich zu neuer Größe auf, Klima und Natur entgleiten uns, der Ton in Politik und Gesellschaft wird schärfer, die Menschen scheinen angespannt, geladen, teilweise wütend. Ist Ihnen das vielleicht auch schon aufgefallen, an anderen oder auch an sich selbst? Ich gebe es offen zu, auch meine Zündschnur ist in den letzten Monaten immer kürzer geworden. Das ist nicht gut, so darf das nicht bleiben. Denn Explosionen haben es leider so an sich, auch immer reichlich Kollateralschäden zu erzeugen, an Menschen, die überhaupt nichts dafür können.

Ich glaube, was uns allen guttun würde, wäre, wenn wir uns einfach wieder etwas mehr einander zuwenden, die kleinen Freuden im Leben genießen. Ein gutes Stichwort, denn in diesem Moment kommt am Horizont Enricos Feldscheuer in Sicht. Hier am Ortsrand von Zaisenhausen organisiert er mit seiner Familie seit Jahren eine Silvesterbegegnung. Das klingt genauso unkompliziert, wie es ist. Es gibt Glühwein, Bratwürste und ansonsten einfach etwas Raum, um Zeit zu haben und miteinander ins Gespräch zu kommen. Zaisenhausen nimmt diese Einladung jedes Jahr dankend an, jedes Jahr hört man schon von Weitem das fröhliche Geplapper aus der Scheune, aber auch drumherum. Die Kinder spielen in den großen grünen Zubern, in denen im Herbst die Weintrauben gesammelt werden, die Erwachsenen stehen im kleinen oder großen Grüppchen zusammen, die Hände um die heißen Tassen gefaltet.

Was in der Luft liegt? Ein fröhliches und losgelöstes, ganz entspanntes Summen und Brummen der Menschen. Keine Schwere, keine Sorge dominiert diese Szene, vielmehr echte Kraichgauer Bodenständigkeit. Das bestätigt sich in fast jedem Gespräch, das ich an diesem Nachmittag führe. Enrico und seine Familie beispielsweise mussten dieses Jahr wirklich schwierige Wochen und Monate durchleben. Wahrhafte Probleme mit dem Nachwuchs, die Gott sei Dank durchgestanden werden konnten, aber auch Abschiede in der Familie waren Teil ihres zurückliegenden Jahres. Und dennoch? Wir sind zufrieden, 2025 war ein gutes Jahr, sagen beide und blicken voller Zuversicht und Optimismus auf alles, was kommt. Dabei hätten beide jedes Recht, das auch anders zu sehen, doch sie haben sich einfach dafür entschieden, die Dinge zu nehmen, wie sie kommen, und das Beste daraus zu machen. Das wiederum ist das Beste und vor allem Gesündeste, das ein Mensch tun kann.

Alle, wirklich alle, haben an diesem Nachmittag ein dankbares Lächeln auf dem Gesicht. Das von Bürgermeisterin Cathrin Wöhrle sieht noch ein bisschen müde aus, sie hat über Weihnachten eine schwere Atemwegsinfektion durchgemacht, die Folgen stehen ihr noch etwas ins Gesicht geschrieben. Doch auch sie ist heute hier, mit ihren zwei kleinen Kindern und ihrem Mann, um gemeinsam mit Zaisenhausen in fröhlicher Geselligkeit 2025 zu verabschieden. Dass das alte Jahr etwas mit den Menschen gemacht hat, ist ihr aber nicht entgangen, schließlich hat sie jeden Tag Kontakt mit so vielen unterschiedlichen Menschen. Der Ton ist rauer geworden, erzählt sie, es lag viel mehr Anspannung in der Luft als normalerweise. 2026 wird besser, sagt sie aber auch. Es muss besser werden. Ein bisschen trotzig, aber auch spürbar zuversichtlich.

Ich bleibe noch ein bisschen stehen, mitten in der eiskalten Kraichgauer Dezemberluft an diesem letzten Tag des Jahres, und nehme die Wärme und Zuversicht der „Zaisehäuser“ in mich auf. Ich bin gerne hier, es ist ein schönes Ritual zum Jahresende, das so in ähnlicher Form überall im Hügelland zelebriert wird. Kleine Zusammenkünfte ohne Programm, zwanglos, einfach nur mit dem schönen und ehrbaren Ziel, noch einmal zusammenzukommen, sich der gegenseitigen Verbindung zu versichern und derart gestärkt weiter voranzugehen, egal, was da kommen mag.

Ein frohes neues Jahr, mein Hügelland, bleib so, wie du bist

Stephan Gilliar