Als mir der Gärtner aus Aleppo mein Katzenfutter brachte….

Symbolfoto / Redaktion

Das Leben kennt keine einfachen Antworten

Ein Gastartikel von Michael Georg

Es war einer dieser ganz speziellen Tage…Draußen kalt und schmuddelig, dazu schlecht geschlafen und natürlich mal wieder Ärger mit den Kollegen. Ich saß also im Büro und beantwortete missmutig die endlose Palette an E-Mails, die seit gestern ins Haus getrudelt war. Vertieft in die Arbeit klingelte es plötzlich an der Türe – ich springe entnervt vom Schreibtisch auf und sehe nach wer stört. Draußen steht einer jener neutral-weißen Lieferwägen, die der Online-Versandhändler meines Vertrauens neuerdings einsetzt. Kennzeichen von JWD und immer ein Fahrer der so gestresst und gehetzt aussieht, dass mir das schlechte Gewissen jedes Mal heiß in den Kopf schießt. Der dunkelhäutige Mann nickt zur Begrüßung knapp und fördert von der Ladefläche einen großen, schweren und raschelnden Karton zutage. Das muss das sündhaft teure Katzenfutter sein das ich neuerdings bestellen muss, weil unsere Viecher das Zeug vom Discounter partout nicht anrühren wollen. Eigentlich kaufe ich diese Dinge gerne irgendwo vor Ort, aber genau jene Marke konnte ich nur in den Untiefen des Internets finden.

Damit meine Katzen etwas zufriedener sind, musste also nun ein mir völlig unbekannter Subunternehmer des großen Versandhauses mit seinem Van die ganzen Kilometer zu meinem abgelegenen Häuschen hinausfahren, um dafür wahrscheinlich nur wenige Cent unterm Strich abrechnen zu können. Früher hat die Post diese Pakete einfach während ihrer normalen Runde mitgebracht, jetzt machen das diese armen Tropfe in ihren weißen Lieferwägen.

Um mein schlechtes Gewissen etwas zu beruhigen, greife ich in die Tasche und ziehe einen Fünfer heraus. Als ich dem Mann den Schein in die Hand drücken möchte, sieht er mir fest in die Augen und schüttelt energisch den Kopf. Ich sage ihm, dass ich das gerne mache und er das Trinkgeld doch bitte annehmen soll, doch anstatt darauf einzugehen greift er in die Tasche, zieht eine Packung Zigaretten heraus und bietet mir schweigend eine an.

Völlig verwirrt von der unvorhergesehenen Entwicklung dieser Situation, greife ich mir eine der angebotenen Zigaretten und zücke mein Feuerzeug um unsere beiden Fluppen zu entzünden. Während wir also vor meiner Bürotüre stehen und rauchen, fängt der Mann in gebrochenem – aber durchweg verständlichen Deutsch an zu reden.

Er erzählt mir dass er 2015 von Syrien nach Deutschland geflohen ist. In Aleppo hatte er einen großen Gärtnereibetrieb mit rund 100 Angestellten. Seine Firma erledigte öffentliche Aufträge für die Stadt und kümmerte sich um die Grünanlagen. Während ich zuhöre bildet sich in meinem Hals ein dicker Kloß, weiß ich doch dass in Aleppo kaum ein Stein mehr auf dem anderen steht und jede Grünanlage verbranntem Ödland gewichen ist. Er erzählt mir wie er mit seiner Familie Hals über Kopf in der Nacht floh, während die Bomben auf seine Heimatstadt niedergingen.

Hier in Deutschland musste er nun wieder bei Null anfangen, während er zuhause früher ein angesehener und geachteter Geschäftsmann war. Und weil das Einzige was er sich bewahren konnte sein Stolz ist, möchte er meine fünf Euro daher lieber nicht annehmen, schließt er entschuldigend seine Erzählung, nickt mir noch einmal zu, steigt in seinen Wagen und fährt davon.

Ich bleibe noch lange mit der längst erloschenen Zigarette in der Hand stehen und denke nach. Es rumort regelrecht in mir. Gerade sitzt du noch in deinem Büro und badest in deinem alltäglichen Selbstmitleid und dann kommt so ein Mann vorbei und verpasst deinem kleinen Weltbild mal eben eine rigorose Kopfwäsche. Ich bemerke auf einmal wie sehr ich mich von der vergifteten Stimmung der vergangenen Jahre habe mitreißen lassen, wie pauschal und kalt ich geworden bin. Auch ich habe die vielen Schlagzeilen und grauenhaften Artikel gelesen und ein Stück weit ein “Wir “ gegen “Die” – Weltbild entwickelt.

Doch pauschales Denken hat noch niemals irgendwo funktioniert. Wie schnell lassen wir uns heute von den destruktiven Kräften in unserer Gesellschaft mitreißen, von Populisten umgarnen und vom skandierenden Mob im Netz beeinflussen. Hier ist etwas in den letzten Jahren regelrecht zerbrochen – Empathie, emotionale Intelligenz und die Fähigkeit der logischen Abstraktion scheinen uns abhanden gekommen zu sein. Drei zivilisatorische Merkmale, die unserer kollektiven Angst zum Opfer gefallen sind.
Angst aber bringt uns nicht weiter, sie lähmt uns und ist nur in den seltensten Fällen ein guter Berater.

Versteht mich nicht falsch, vieles bei uns läuft gewaltig schief und muss unbedingt in Ordnung gebracht werden, andernfalls wird der Riss der durch unsere Mitte geht uns schlussendlich zum Verhängnis. Einfache Antworten jedoch gibt es in dieser Sache aber nicht, auch wenn manche versuchen uns dies einzureden. Im Grunde wissen wir es doch ganz genau – kein Mensch ist wie der andere, jeder hat seine Geschichte und verdient zumindest einen zweiten Blick… Manche trösten und helfen, manche wüten und zürnen…. sind freundlich, ehrlich, verschlagen, gemein, liebenswert, abstoßend,….. und wieder andere haben einst blühende Gärten gepflegt und liefern uns heute mit traurigem und doch stolzem Blick Katzenfutter an unsere Haustüren.

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