Nach einer Karriere als Staatsanwalt und Richter beschloss Dr. Marc Wagner eines Tages, seine Sterne neu zu ordnen, und richtete sein Leben als Bürgermeister der Waldgemeinde Hambrücken ganz neu aus.
In jenen Tagen, als Marc Wagner beschloss, seine bis dahin so geradlinige Biografie einem doch recht prägnanten Richtungswechsel zu unterziehen, befand sich nicht nur sein Leben in einem Umbruch, sondern im Grunde das eines jeden einzelnen von uns. Vielleicht können Sie sich noch vage an die Adventszeit 2019 erinnern, als ganz sukzessive – zuerst nur als scheinbar unbedeutende Randnotiz – das erste Mal von einer bis dahin unbekannten Lungenkrankheit in China die Rede war. Auch wenn wir es damals nicht wussten, noch nicht einmal ahnten, erlebten wir damals die ersten Berührungspunkte mit COVID-19, besser bekannt als Corona.
Ungefähr zur gleichen Zeit wurde bei Marc Wagners Tochter eine schwere Form von Diabetes diagnostiziert – kein hundsüblicher Diabetes mellitus, sondern eine handfeste Autoimmunerkrankung vom insulinabhängigen Typ 1, bei dem die Bauchspeicheldrüse durch einen Infekt so stark in Mitleidenschaft gezogen wurde, dass sie kein eigenes Insulin mehr produzieren konnte.
Vom Justizpalast ins Rathaus
Diese Diagnose hat Marc Wagners Leben damals auf den Kopf gestellt, ihn zu einer Neubewertung seiner Prioritäten gezwungen und die eigene Geschichte an einen signifikanten Wendepunkt gebracht. Diese eigene Geschichte war bis dahin eine juristische Bilderbuch-Karriere, die ihn direkt nach dem Studium in Heidelberg zunächst zur Staatsanwaltschaft, dann als Richter und in der Folge sogar als Präsidialrichter an das Landgericht und schließlich als Referent in das Justizministerium Baden-Württemberg brachte.

Marc Wagners intrinsische Motivation war niemals Prestige oder das große Geld, welches im Staatsdienst ohnehin nicht zu holen ist. Seine Beweggründe liegen vielmehr tief im eigenen Wesen verankert: „Ich habe einen unglaublich ausgeprägten Gerechtigkeitssinn“, sagt er, …ich kann es absolut nicht ab, wenn ich das Gefühl habe, irgendwas läuft ungerecht, läuft unfair…“
Er entschied sich bei der Ausrichtung seiner juristischen Laufbahn für das Zivilrecht; das Strafrecht mit all seinen Abgründen entsprach ihm weniger, vor allem aus Gründen des Selbstschutzes, denn hier hat man es mit Verbrechen zu tun, die an die Substanz gehen und unter die Haut wandern. Er wollte dort wirken, wo er wirklich Dinge gerade rücken kann – nicht nur bestrafen, sondern vermitteln:
„Es war immer dieser von diesem Gerechtigkeitsempfinden getriebene Idealismus, Frieden zu stiften und Leute, die im Streit sind, trotzdem noch halbwegs zusammenzubringen.“
Der Wendepunkt: Familie und Neuausrichtung
Ende der Zehnerjahre kannte Marc Wagner nur eine Marschrichtung: unbeirrt und zielstrebig nach vorne. Er war gut in dem, was er tat, das wusste er und das wussten auch seine Vorgesetzten. Nichts stand einem weiteren Aufstieg in der Justiz im Wege – doch das Leben schlägt eben immer dann Kapriolen, wenn man es am wenigsten erwartet.
Die Diagnose seiner Tochter traf ihn hart und unvorbereitet, das klassische Doppelgestirn aus Wut und Verzweiflung.
„Ich hätte heulen können“, erzählt er, und man kann zusehen, wie sich die Haut um seinen kahlen Kopf spannt, der Kiefer zu mahlen beginnt. „Ich habe dann immer zu ihr gesagt, wenn ich könnte, würde ich es ihr abnehmen. Schlimm, da bin ich auch echt in ein Loch gefallen.“
Ein Loch, aus dem er sich selbst wieder herausgezogen und den Entschluss gefasst hat, sich der Wahrheit zu stellen.„Diabetes ist eine Hypothek, die man nicht braucht im Leben. Aber du kriegst es in den Griff, du kannst trotzdem erreichen und werden, was du willst.“
Das versicherte er damals seiner Tochter und vielleicht auch sich selbst. Denn die schonungslose Analyse, die damals folgte, umfasste nicht nur die neu in das Leben der Familie getretene Krankheit, sondern war eine allumfassende Bestandsaufnahme, inklusive eines teils schmerzhaften Rückblicks auf die eigene Kindheit, in der das Thema Verlust ein zentrales war: „Das war das erste Mal, wo ich bewusst dann auch mit meiner Vergangenheit konfrontiert wurde, die ich ein Stück weit zugegebenermaßen auch immer ein bisschen weggeschoben habe“
Weiter gehen wir an dieser Stelle nicht ins Detail; das ist auch nicht nötig. Wichtig ist nur die Erkenntnis, die Marc Wagner aus diesen Erfahrungen gezogen hat: Es gibt im Leben nichts Wichtigeres, kein größeres Gut als die eigene Familie – alles andere ist absolut zweitrangig. Die eigenen Karrierepläne in der bisherigen Stringenz weiterzuverfolgen, hätte bedeutet, der Familie Zeit zugunsten des Berufes zu entziehen. Stattdessen beschloss Marc Wagner, noch viel mehr als zuvor für die Familie da zu sein. Eine Entscheidung, die er bis heute nicht bereut hat:
„Ich bin überzeugt davon, dass ich zu jedem Zeitpunkt meines Lebens bisher richtig abgebogen bin und würde es auch jederzeit wieder so tun.“
Doch nicht nur der familiärer Aspekt war ausschlaggebend, für seine Entscheidung die eigene berufliche Biografie neu zu definieren. Auch sein bereits seit 1998 bestehendes politisches Interesse, der Eintritt in die CDU im Jahr 2006 sowie die Verknüpfung von Justizpolitik, staatlichem Handeln und dem Willen zu gestalten, war eine weitere zentrale Antriebsfeder, für seinen Richtungswechsel.
Wurzeln im Kraichgau und Ankommen in Hambrücken
So beschloss Marc Wagner, der Justiz den Rücken zu kehren und sich – nachdem er zuvor bereits Mitglied des Gemeinderates geworden war – um das Amt des Bürgermeisters in seiner Wahlheimat Hambrücken zu bewerben.
In die kleine Waldgemeinde hat es ihn der Liebe wegen verschlagen; seine Frau Martina stammt von hier. Kennengelernt haben sich die beiden am Strand des Gießen – einem Baggersee bei Dettenheim, wo Marc große Teile seiner Jugend verbracht hat. Geboren wurde er allerdings in Pforzheim, lebte danach die ersten Jahre in Maulbronn. Nach der Trennung seiner Eltern zog er zunächst mit seiner Mutter nach Gondelsheim, ab 1985 dann nach Liedolsheim.

Seine Jugendzeit? Dorf at its best: morgendliche Pendelei-Landpartie zur Schule, nachmittags auf den Fußballplatz, abends Clubhaus-Party, an den Baggersee oder ins K5 nach Karlsruhe. Die Bilder von damals zeigen einen – wie man in den Neunzigern sagte – „Checker“ mit verspiegelter Sonnenbrille und reichlich Haaren auf dem Kopf. Letztere hat er zwar inzwischen eingebüßt, das markante Auftreten aber nicht. Unter der Haube werkelt heute jedoch kein juristisches Getriebe mehr, sondern der leidenschaftliche Motor eines waschechten Dorf-Bürgermeisters.
Unter Coronabedingungen ins Rathaus
Dieser Systemwechsel vollzog sich, während nicht nur für Marc Wagner, sondern auch für den Rest der Welt der Kopf schstand. Wir erinnern uns vielleicht noch an das Frühjahr 2020, als das Coronavirus in Deutschland ankam: Bei einem Autozulieferer in Bayern traten die ersten offiziellen Coronafälle auf, der Rest ist Geschichte.
Die Jahre 2020 bis 2022 haben uns alle ein Stück weit aus der Bahn geworfen – wie sehr, fällt uns erst dann auf, wenn wir versuchen, uns daran zurückzuerinnern. Die Wahl Marc Wagners zum Bürgermeister in Hambrücken stand in Gänze unter den seltsamen Vorzeichen dieser Zeit. Wahlunterlagen wurden händisch im ganzen Dorf von isolierten Austrägern in die Briefkästen geworfen, die Auszählung in der Sporthalle erfolgte quasi unter Laborbedingungen – Szenen, die ein bisschen an das Ende von E.T. erinnerten. Am Ende stimmte die überwältigende Mehrheit der rund 5.600 Menschen im Dorf für ihn. Der ohne Gegenkandidaten angetretene Jurist – Dr. Marc Wagner, um einmal den vollen Titel zu bemühen – trat ein paar Wochen später die Nachfolge von Thomas Ackermann an.
Die hohe Zustimmung war nicht ganz selbstverständlich, denn neben Qualifikationen spielen auf dem Dorf auch noch – nennen wir es – „sekundäre Attribute“ eine Rolle „Hambrücken war ja immer eher konservativ, überwiegend Katholisch.. ist es immer noch. Ich bin aber evangelisch, gehe ganz offen damit um und bin auch trotzdem gewählt worden“, lacht Marc Wagner, der als Mitglied der Christdemokraten auch der CDU in Hambrücken angehört „Ich mache das, was für Hambrücken richtig ist, als ich angetreten bin, und mache es nicht deswegen, weil die CDU das sagt, und mache es nicht deswegen nicht, weil es die SPD sagt.“ stellt er fest: Und auch wenn er mit dem Auftreten der Partei auf Bundesebene hier und da hadert, steht er doch im Wesentlichen hinter deren Kurs und den anvisierten Reformen:
„Das System steht vor dem Kollaps, da brauchst du kein Prophet zu sein. Schau dir die Beitragszahler an, schau dir den Nachhaltigkeitsfaktor an, schau dir unsere soziale Schieflage an, da muss man ran.“
Ein Dorf mit Herz
Doch das ist Bundespolitik; Marc Wagner konzentriert sich auf das, was um ihn herum passiert, was für Hambrücken Relevanz hat, was für dessen Entwicklung wichtig ist. Wichtig ist es, die Ansiedlung von Familien zu unterstützen – beispielsweise durch den bereits erfolgten Aufbau eines florierenden Waldkindergartens, den Bau neuer Kinderbetreuungsmöglichkeiten, die Erschließung von Neubaugebieten und die Sanierung im Bestand.

Wenn er von Hambrücken und den Menschen, die hier leben, berichtet, wird seine Stimme eine Nuance wärmer; man spürt, dass ihm die kleine Gemeinde mitten im Wald am Herzen liegt. Wo andere nur zwei gekreuzte Durchfahrtsstraßen sehen, sieht er mehr, viel mehr „Ich sehe ein sehenswertes Dorf mit Herz“, sagt er und berichtet vom Zusammenhalt in Hambrücken, wobei er sogleich in Fahrt kommt:
„Das ist mit Händen zu greifen, als bestes Beispiel im Vereinsleben. Ich habe es bei meinem Wahlkampf mal aufgestellt, ich glaube, ich kam auf 46 Vereine und Organisationen, ehrenamtlich, die eben hier beitragen zum Gemeinwesen. Und wenn du in unseren Veranstaltungskalender siehst, wir haben fast jedes Wochenende eine Veranstaltung oder ein Fest… was ich so besonders schätze, ist die Jugendarbeit. Bei uns ist es tatsächlich so, dass in den Vereinen die Jugend schon herangezogen wird. Natürlich über die Eltern, natürlich über die Großeltern. Und da werden auch echte Werte weitergegeben.“
Auch wenn der Wechsel in die Politik zu Beginn für Marc Wagner kaum planbar schien, kann er sich heute nichts anderes mehr vorstellen – aber nicht irgendwo, sondern nur hier in Hambrücken, in seinem Hambrücken. Auch wenn der Job sich von seinen früheren deutlich unterscheidet, auf die leichte Schulter nimmt er die Arbeit als Bürgermeister nicht, will das nicht als „Chili Vanilli “ verstanden wissen. Er will sich reinhängen, für seine Gemeinde etwas bewirken und die Fähigkeiten, die er in der Justiz ausspielen konnte, auch für Hambrücken nutzen. Das schließt auch seinen Sinn für Gerechtigkeit und sein Bedürfnis nach Ausgleich ein, diesen kann er in seinem Amt voll ausleben:
„Ich verspüre eine ungemeine Befriedigung dabei, Probleme zu lösen, wenn Leute, Menschen auf mich zukommen mit einem Anliegen und ich denen dann helfen kann.“
An diesem Vorhaben hält er unbeirrt fest, auch über das nahende Ende seiner ersten Amtszeit hinaus. Ein Bekenntnis, das ihm heute leichtfällt: Im kommenden Jahr strebt er eine erneute Kandidatur an, um die Menschen in Hambrücken ein weiteres Mal zu gewinnen – von denen er selbst ohnehin längst zutiefst überzeugt ist.